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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-11 · Heft 50 (11.12.1903) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
Seite 598 (sequence 12)
Language
German
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598 Schauspielern (oder auch unter denen zu Weimar) sich einzelne Inden oder von Juden Stammende befunden hätten. Aus den Namen kann man feine bindender! Schlüsse ziehen3, denn die Träger eines jüdischen Namens werden ihn gewiß, teils des allgemeinen Vorurteils wegen abgelegt, teils verändert haben, um ihren Familienangehörigen unkenntlich zu werden, die einen solchen Schritt schwerlich billigten. Aber bei der Leidenschaft der Juden fürs Theater wird man wohl annehmen dürfen, daß von ihren! Bekanntwerden mit der deutschen Literatur an, also von dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts auch ihr Hang erwachte, sich der Bühne zuzuwenden. Trotzdern kann man unter den Theaterleuten, mit denen Schiller zu tun hatte, nur einen bestinnnt als Juden bezeichnen: Jakob Herzfeld.2) Er war in Dessau geboren 1763, lebte also zuerst in der Atmosphäre, in der Mendelssohn aufwuchs. Da er erst 1796 zum Christentum übertrat, so gehörte er seiner ganzen Entwicklung nach dem Judentum an. Von seinen schriftstellerischen Leistungen scheint keine in die Oeffentlichkeit gedrungen zu sein. ') Sein erstes Auftreten auf der Bühne erfolgte am 18. April 1799 in Wien, wohin er sich nach seiner Tätigkeit als Hauslehrer und den Anfängen eines medizinischen Studiums ge^oendet hatte. In Wien fand er einen Beschützer in dem berühmten Schröder; dessen Biograph 3 gab ihm das Ehrenzeugniß: „Er hat rühmlich gehalten, was er versprach, und den Vorsteher der Bühne als Schauspieler und Freund in heiteren und trüben Tagen nicht verlassen." Mit Schröder kain er nach Hamburg und wirkte hier als Schauspieler und Theaterleiter bis zu seinem Tode 1826. Er lvird besonders als Darsteller humoristischer Rollen gerühmt, aber auch sein Teil war sehr geschäht. Als Vorsteher des Theaters erwarb er sich große Verdienste; die Biographien vieler Schauspieler und Theaterdichter geben rühmliche Zeugnisse davon. In dieser seiner Tätigkeit kam er auch mit Schiller in Berührung. Er wandte sich zuerst wegen der „Jungfrau von Orleans", au diesen und bekam das Stück sowie die meisten späteren fürje 12 Louisdors zur Aufführung— nur den „Parasiten" lehnte er ab. Auch ältere Arbeiter!, roie die Wallensteintrilogie errvarb er, auch die Theaterbearbeitung des Lessingschen „Nathan", über deren glänzenden Erfolg er berichtete. Schiller gewährte ihm eine mit Rücksicht auf das Hamburger Personal gewünschte Abänderung des Lustspiels „Der Neffe als Onkel". Um den Dichter bei guter Stinnnnng zu erhalte)!, rvurden ihm von Hamburg ans 400 Austern geschickt, für die ein Dankschreiben einlief. Der Ton der Schilterffchen Briefe, von denen sechs erhalten sind, ist im ganzen geschästsruäßig. Nur zweimal verbindet sich mit dem trockenen Dank des Theaterdichters ein liebensrrürdiges Wort: bei der Aufführung der „Braut von Messina", für deren Erfolg „Herzfelds glückliche Bemühungen und Anstalten" als „entscheidend" erklärt werden, und beiden: Dank für die Austerrr, vor: denen gesagt wird, daß „sie mit dankbarer Erinnerung au den Geber" verzehrt worden. In dem zuletzt erwähnten Brief rvird noch der Nathan-Aufführung ge- ') So ist z. B. David Beil, als Schauspieler und dramatischer Schriitsteller gleich bekannt, der Genosse und Rival Jfflands in Gotha und Mannheini, durchaus kein Jude, obgleich sein Name gewiß jüdisch klingt. ff Auf ihn hat mkf) G. Karpeles Hingelviesen. Schillers Briefe an Herzseld hat zuerst L. A. Frankl veröffentlicht: Wiener Sonntagsblätter 1847, jetzt vollständig bei Jonas, Band 6, 7. Das Biographische in der A. D. B. VII. S. 262 sg. Sehr beachtenswert die Zusammenstellung bei Ernst Müller, Schillers Kalender, 2. Ausl., S. 252 sg. Einzelne Briese Herzselds bei Urlicbs, Briefe an Schiller, S. -125. 345, 404, 424. 3 „Arbeiten fürs Theater" heißt es in A. d. B. — Meusel führt keine an. ') F. L. W. Metzer, Schröder 1819 salso bei Herzfelds Leben) 11, 110. dacht; die Worte Schillerst „ich schätze mich glücklich, etwas dazu beigetragen zu habe«, daß den Mauen des großen Mannes bei dieser Gelegenheit neu gehuldigt wurde", verdienen eine Erwähnung. Die Briefe Herzfelds — von de» mindestens 16 abgeschickten sind nur 7 gedruckt ’) — sind in völlig korrektem Deutsch geschrieben und sind gleich weit entfernt von ividerwürtiger Vertraulichkeit wie von niedriger Unterwürfigkeit. Das Einzige, was man an ihnen tadeln könnte, ohne es doch als jüdische Aufdringlichkeit bezeichnen zu dürfen, ist der Umstand, daß Herzfeld sich, seinem Eifer und seiner Geschicklichkeit, zwar in bescheidenem Tone »nd mit . volltönender Anerkennung des Schillerschen Genies, doch einen Teil der Wirkung von dessen Stücken znschreibt. Zur Probe des Stils mag hier die ans die Nathan-Bearbeitung bezügliche Stelle mitgeteilt werden: „Deutschland ist Ihnen nun doppelten Dank schuldig, »veil Sie, nächst Ihren vortrefflichen Originalwerken. nun auch das herrliche Produkt des unsterblichen Lessing für die Bühne eingerichtet. Möge es lange, lange noch den Mann besitzen, der, so wie er, auf immer der Stolz seiner Literatur bleiben wird." v. Während Goethe in den verschiedensten Zeiten, besonders aber i» den letzten dreißig Jahren seines Lebens von zahlreichen Inden besucht und von begeisterten jungen und älteren Leute»!, hauptsächlich aber von jüdischen Frauen schwärmerisch verehrt und laut gepriesen wurde, fehlen diese Lobpreisungen ebenso wie die Besuche bei Schiller fast völlig. Freilich besitzen >vir von Schiller keine Tagebücher, keine Sammlung von Gesprächen; das Material ist viel lückenhafter als bei Goethe; aber die obige Behauptung läßt sich trotzdem festhatten. Die Tatsache ist um so merkwürdiger, da gerade die Richtung der Schillerschen Poesie geeigneter war, schwärmerische Mädchen und freiheitsdnrstende Jünglinge anzuziehen als Goethes getragene und gedankenreiche Poesie; Bewunderer der Schillerschen Jngendlyrik, der schwülstigen Gedichte an Laura und der von Charlotte von Kalb angeregten leidenschaftlichsinnlich-phantastischen Klänge Hütten sich, so sollte man denken, gerade unter den poetisch angehauchten, nach Erlösung durch die Liebe sich sehnenden Israelitinnen in ebenso großer Zahl finden müssen, wie unter den bedrückten >n»d nach Freiheit sich sehnenden Jünglingen und Männern, Verehrer der freude- und freiheitstrilnkenen Klänge, »vie sie in dem Gedicht „An die Freude" und in den Dramen der früheren Epoche Schillers erschallen. Allerdings ist ein Zeugnis vorhanden, aber erst aus späterer Zeit, das diesen Einfluß bezeugt. In einem Festartikel auf das Jahr 1859 (vergleiche unten) wird die folgende Auseinandersetzung gegeben, für deren Richtigkeit ich keine Bürgschaft übernehmen kann, die aber als Zeugnis eines reifen Mannes Geltung haben mag. Diese Darlegung lautet: „Das Gefühl für das Schöne, das — infolge der jahrhundertelang währenden Zurückdrängung ans fast allen Gebieten des Lebens — bei den Juden stumpf geworden war, das »vurde nainentlich durch die Schillersche Dichtung gelveckt und geschärft. Denn Schiller »var es vorzllgslveise, der allen, »velchen es vergönnt war, ans den mittelalterlichen beengenden Schranken herauszutreten, als Führer und Wegrveiser entgegenkam. Der melodische Zauberklang seiner Sprache lockte sie mit magischer Gewalt zun» Eintritte in die Welt seiner Dichtung, in »velcher ihre höchsten Gedanken, ihre heiligsten Empfindungen i>» die lieblichste Form gekleidet, entgegentraten. Die Weisheitssprüche, die ihnen nainentlich in den späteren Dramen des Dichters mit biblischer Kernhaftigkeit »ind nicht selten mit biblischem Inhalt erfüllt, entgegentönten, ') Nach Müllers Zusammenstellung, nebenstehend Anm. 2.

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