Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 597 (sequence 11)
- Language
- German
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„Alle Gesetze, die den Juden ärger als Vieh achten, ihm nicht über den Weg trauen und ihn damit täglich, ja stündlich ehrlos schelten, sie zeugen von der fortwährenden Barbarei des Staates, der aus barbarischen Zeiten solche Gesetze duldet. Montesquieu hat Recht, daß die ehemalige Barbarei in Europa zum Verderbnis des jüdischen Stammes und Charakters durch ein gewalttätiges und häßliches Benehmen gegen das jüdische Volk mit beigetragen hat, welches wir ihm der Geschichte zufolge nicht ableugnen können; daher ist es der Europäer Pflicht, die Schuld ihrer Vorfahren zu vergüten und die durch sie ehrlos wurden, der Ehre wiederum fähig und wert zu machen." Trotz der vielen Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich Herder in seinem Kampfe bei der Hinwegräumung des ungeheuren tausendjährigen Schuttes der mannigfachsten und absurdesten Vorurteile entgegellstellten, ließ er sich in seiner Tätigkeit nicht beirren. Alle Verleumdungen und Verdächtigungen der Feinde prallten an dem reinen blanken Schild dieses makellosen und gefeierten Namens wirkungslos ab. Schonungslos trat er so inanchen boshaften und giftigen Behauptungen entgegen, die damals ebenso wie heute gegen den israelitischen Stamm erhoben wurden. Gegen die Unterstellung zum Beispiel, daß die Israeliten nach Alleinherrschaft in Handel und Gewerbe strebten, kämpfte er mit folgenden Worten an: „Laßt die Christen ihr Gewerbe so gut verstehell als die Juden das ihrige, laßt christliche Familien und Gesellschaften einander so beistehen, als es die Juden zu tun gewohnt sind: Wer wird beit Preis vor den anderen erjagen, Juden oder Christen?" Doch wollte er nicht allein das Judentum verteidigen, sondern er trachtete auch danach, ihm eine bessere Würdigung im Urteil der Zeitgenossen allgedeihen zu lassen. So sagt er, daß der Jude ein schärferer Ehrenrichter sei, als der Christ, denn diesen drücke gewöhnlich die Würde seiner Vorgesetzten und der höheren Stände wie Blei und Eisen zu Boden, daß er kaunr aufrecht stehen, geschweige denn sehen könne, indem von Kindheit auf seine Begriffe von Stand und Ehre verschoben und irre gemacht werdell. Nicht so der Jude. Da er auf keine Würden int Staate Anspruch machen könne, wohl aber mit allen Ständen verkehre, so lerne er alles schätzen und wahren Wert vorn falschen gewiß sichten. Herder rühmt ferner den Wohltätigkeitssinn der Juden. „Wenn nun im Felde der Menschheit," bemerkt er, „jedem vorzüglichen Charakterzug sein Lob gebührt, warum nicht diesem? Von der leidenschaftlichen Großmut edler Israeliten findet man hie und da Züge, die ebenso überraschen wie befremden. Auch hat sie Lessing, wo er nur formte, herausgestrichen; in Lebensbeschreibungen findet man oft dergleichen Züge: Denn nicht alle Juden sind Shylocks." Herder spricht auch von dem hellen, von keinem Vorurteil befangenen politischen Blick der Juden mit ebensolcher Anerkennung, wie von ihrem eminenten theologischen und philosophischen Scharfblick. „Meint Ihr nicht", sagte er, „daß, wenn statt des Marquis d’Argens ein Jude wie Nathan jüdische Briefe geschrieben hätte, diese in Vielen eindringlicher, scharfsinniger, selbst wahrer gewesen wären, als die jetzt übrigens schätzbaren „lettres juives“ 0 sein können?" — „Wer," fragt er weiter, „übertras Spinoza an Konsequenz, die er in sein System der Moral und Politik, ja auch der Theologie brachte? Einen Orobio, Pinto, so manche trefflichen Aussprüche und Parabeln der Rabbinen, die sich aus die feinsten Bemerkungen gründen, wird irgend ein Verständiger sie ohne Achtung lesen? Deni Pöbel der Schriftsteller zwar waren oft die sinnreichsten Parabeln aus Haß und Verkehrtheit bald lächerlich, bald verächtlich. Warum aber? Weil er in ihnen den Sinn nicht faßte und sich an die oft kindisch scheinende Einkleidung mutwillig hielt." Wie Herder dem Charakter des israelitischen Stammes *) Der „Lettres juives“ des vor zwei Jahrhunderten — 24 Juni 1704 — geborenen philosophischen Schriftstellers Marquis d'Argens erschien in Haag 1742. in 6 Bänden und erregten außerordentlichesAussehen. gerecht zu^werden bemüht war, so rühmte er auch seine große Intelligenz>nd seine feltene Begabung auf den mannigfachsten Gebieten der Wissenschaft, Literatur, Industrie,^ Volks- und Landwirtschaft re. So meint er im drittelt Teil seiner „Ideen" rc.: „Niemand wird einem Volk, das eine so wirksame Triebfeder in den Händen des Schicksals war, seine großen Anlagen absprechen wollen, die in seiner ganzen Geschichte sich deutlich zeigen. Sinnreich, verschlagen und arbeitsam wußten die Israeliten sich jederzeit, auch unter dem äußersten Druck anderer Völker, wie in einer Wüste Arabiens mehr als vierzig Jahre zu erhalten. Es fehlte ihnen nicht an kriegerischem Mute, wie die Zeiten Davids und der Makkabäer, vorzüglich aber der letzte schreckliche Untergang dieses Staates zeigen. In ihrem Lande waren sie ein arbeitsames, fleißiges Volk. das. wie die Japaner, seine nackten Berge durch künstliche Terrassen bis auf den Gipfel zu bauen wußte und in einem engen Bezirke, der an Fruchtbarkeit doch immer nicht das erste Land der Welt war, eine unglaubliche Anzahl Menschen nährte." In der geschichtlichen Betrachtung des Volkes Israel zeigt Herder nicht allein einen unbefangenen, vorurteilslosen Sinn, sondern auch beit ganzen Zartsiun und die wohltuende Wärme seines Gemüts und seiner innigen Frömmigkeit. In seinem schon erwähnten Meisterwerk: „Vom Geist der ebraeischen Poesie" werden die größten und ehrwürdigsten Gestalten des Israelitischen Stammes, wie z. B. diejenige des Moses, von ihm in pietätvollster Weise und mit den: ganzen Zauber seiner sprachlichen Meisterschaft geschildert. Aus der Fülle dieser Betrachtungen über Gesetzgeber Israels mögen nur die nachstehenden Allslassungen hier wiedergegeben lverden: „Sein erster Entwurf, dem Ewigen einen Altar , von Feldsteinen auszurichten und ihm von der Erstgeburt des Landes, als dem Familiengotte, dienen zu lassen, war das Reinste und Erhabenste, das bei einem Nationalgottesdienste stattfand, und das die Propheten mit geistigerem Glanze für die zukünftige Zeit nur ausmalen. Als er dem sinnlichen, rebellischen Volke, das durchaus ein Kalb wollte, nach-! geben mußte, wie rein durchdacht war seine Stiftshütte, das Zelt des Gesetzgebers unter ziehenden Zelten! — Die Idee des Allerheiligsten, mit seinem unzugcmgbaren Dunkel, mit der bloßen Gesetztafel, die! er unter den Flügeln des Symbols der Geheimnisse verwahrte, ist so simpeleinfach, ^daß nichts geändert, nichts hinzugetan werden kann, ohne daß sie entweiht und erniedrigt wurde. Sein Heiligstes hatte nichts als die Schaubrode, das Symbol der ältesten Familienopser, die nur Gastmahle wären. Hier stand das einfachste Gastmahl " vor den Augen des Jehovah, und vor ihm brannte der siebenarmige Leuchter, sein Blick in alle Welt; und vor ihm duftete der goldene Rauchaltar die süßen Opfer der Spezereien, Symbol der Gebete aus den frühesten Zeiten. Weiter enthielt sein eigentlicher Tempel nichts. Und wie weise waren auch alle diese notdürftigen Gebräuche zum Wohle^des Staates eingeleitet j Wie genau bestimmt waren die Gesetze! und wie unermüdet besserte er daran! hielt über sie und verließ, ungeachtet aller Hindernisse, die auch den stärksten Mann ermüden konnten, nie den Plan seines Lebens. Er faßte..noch; zuletzt. seinen Geist zusammen, wiederholte seine Anordnungen und starb als Nomokrator, der sein Land kannte und seine Einrichtungen genau auf dasselbe bezogen. Es stund hinfort kein Prophet mehr auf in Israel, wie Moses. Die stärksten derselben wirkten durch den Finger seines Arms, die aufgeklärtesten glänzten nur im Widerschein seines Antlitzes mit desselben znrückgeworfeneu Strahlen." (Forts, folgt.) Schiller und dir Juden. Von L u d,'w i g Geiger. IV. (Fortsetzung.) chiller der Dramatiker hatte geringere Beziehungen zu den Inden als Schiller der Schriftsteller. Vielleicht darf man diese Behauptung nicht so positiv ausspreche».' Denn es wäre immerhin möglich, daß unter den Mannheimer