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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-11 · Heft 50 (11.12.1903) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
Seite 596 (sequence 10)
Language
German
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596 Johann Gottkrird oon Herder in seinen Beziehungen zum Judentum und zur Bibel. Zum 100. Todestage des Dichters vou Dr. Adolph Kohnt. ie Humanität des 18. Jahrhunderts ist ohne das Wirken Herders garnicht zu verstehen; er bildet neben Lessing den Mittelpunkt all jener edlen und erlösenden Humanitätsbestrebungeu, jener sittlichen Kämpfe für die Menschenrechte, für die Gleichstellung aller Konfessionen in Deutschland, die, von Frankreich und England ausgehend, auch die größten deutschen Geister mächtig ergriffen. Da sich jedoch der ganze Emanzipations- und Humanitätskampf des 18. Saeculums in dem Kardinalpunkt der sogenannten „Judenfrage" konzentrierte, erscheint uns der geistreiche Gelehrte und tiefsinnige Verfasser vom „Geist der ebraeischen Poesie", der „Stimmen der Völker in Liedern", der „Briefe zur Förderung der Humanität", der „Ideen zur Geschichte der Menschheit" und zahlreicher anderer bahnbrechender Werke als eines der erfolgreichsten und kühnsten Bannerträger des Humanitätsideals in Deutschland im 18. Jahrhundert. Anläßlich seines bevorstehenden Saeculartages wird sich gewiß die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt aufs neue ihm zuwenden, und auch wir können nicht umhin, auf das in vielfacher Beziehung interessante Verhältnis voll Herder zu dem israelitischen Stamme, sowie der Bibel nachdrücklich hinzuweisen. Gerade in unserer Zeit, wo die Wogen des Ailtisemitismus so hoch gehen, und so manche evangelische Geistliche, welche das Wort der Liebe und der Duldung predigen und betätigen — s ollen, die Fackel der Zwietracht und der Verhetzung in die Volksmassen schleudern, ist es zeitgemäß, die Lichtgestalt des weimarischen Oberhofpredigers und Oberkonsistorialrats, des unsterblichen Freundes Lessings und Mendelssohns, aufs neue den Zeitgenossen vorzuführen?) Wenn der Grundgedanke der Goetheffchen Weltanschauung die ästhetische Schönheit und der Kerngedanke aller Schillerschen Dichtungeil und Schriften die sittliche Vollkommeicheit ist, so ist der Maßslab, den Herderau die gesamte intellektuelle Welt anlegt, der der Hmnaiiität, der Menschlichkeit. Durch alle seine Schriften zieht sich wie ein roter Faden diese Lebells- und Weltansicht. Im zweiten Teil feiner: „Ideen zur Geschichte der Menschheit" spricht er sich über diesen Punkt folgendermaßen aus: „Wenn wir die Menschheit betrachten, wie wir sie kennen, nach den Gesetzen, die in ihr liegen, so finden wir nichts höheres, als die Humanität im Menschen; denn wenn wir uns Götter oder Engel denken, denken wir sie uns auch nur als höhere idealische Menschen , . . Die Humanität ist die verschlossene Knospe der wahren Gestalt der Menschen. Derselben nachznforschen ist die echte menschliche Philosophie, die jener Weise vom Himmel rief, und die sich im Umgänge, wie in der Politik, iu den Künsten, wie in allen Wissenschaften offenbart. Diese Humanität muß aber erst entwickelt und entfaltet werden, denn sie ist uns nur in Anlagen angeboren und muß uns eigentlich angebildet werden. Wrr bringen sie nicht fertig auf die Welt mit, auf der Welt aber soll sie das Ziel unseres Strebens, die Summe unserer Erkenntnis, unser Wert sein: Denn eine Angelität im Menschen kennen wir nicht, und wenn der Dämon, der uns regiert, kein Humanitätsdämon ist, werden wir Plagegeister der Menschen. Das göttliche in unserm Geschleckte ist also die Bildung zur Humanität. Die Humanität ist der Schutz und die Ausbeute aller unserer Bemühungen, gleichsam die Kunst unseres Geschlechts. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden mllß oder wir sinken, höhere oder niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück!" Ist es zu verwundern, daß ein so erleuchteter, keine Dor- 0 Vergleiche auch mein Buch: „Johann Gottfried von Herder und die Httmanitätsbestrebungkn der Neuzeit", Berlin 1870. urteile und vorgefaßten Meinungen kennender kühner Geist diese seine Anschauungen auch für die Juden geltend zu machen suchte? Ist es nicht natürlich, daß der Prediger des Gotteswortes, dessen reines Herz für das Wohl des ganzen Menschengeschlechts so warm schlug, auch die Juden „das ausgezeichnetste Volk der Erde", wie er sie selber nennt, mit der ganzen Energie seines Geistes und dem ganzen Scharfsinn seiner glänzenden Dialektik verteidigt? Wie verhaßt, wie verabscheut ihm vor allem religiöse Verfolgungen waren, beweisen zahlreiche Stellen in seinen Schriften. Aus der Fülle derselben sei nur ein Passus aus seinem schon wiederholt erwähnten Buch: „Ideen" re. hervorgehoben, wo er unter andereul bemerkt: „Von Kindheit auf ist mir nichts abscheulicher gewesen, als Verfolgung und persönliche Beschimpfung eines Menschen über seine Religion. Wen gehet diese als ihn selbst und Gott an? Ja. wer weiß nicht, was an dem Worte „Religion", sobald es innere Ueberzeuguug und Gefühl betrifft, für diese Skrupel und Schwierigkeiten hasten? Dem ist dieses, einem andern jenes aufs innigste anstößig, zu diesem Ausdrucke kann er'sich nicht gewöhnen, von jener frühgefaßten Vorstellungsart auf keine Weise sondern. An ihr hängen seine moralischen Begriffe, an ihr vielleicht seine vornehmste Triebfeder, ja. sein Ideal der Moralität selbst. Dieser fitibel Zweifel, wo keiner sie findet; die schwarze phantastische Fliege verfolgt ihn, ohne daß ein anderer, als er sie stehet. Wie grausam ist's also, wie unvernünftig, wie nutzlos und unmenschlich, wenn sich ein Mensch, ein Gericht, eine Synagoge das Verdammungs- und das Verfolgungsurteil über die Religion eines anderen, und sei es auch eines Indiers oder Negers anmaßt! Danke der Mensch es allen denen, die diese unerträglichen Lasten und Fesseln abschüttelten, die jede unziemliche Beschinlpfung, jede kränkende Verfolgung in ihr wahres Licht stellten. Die Rache für solche Verfolgungen ist nie ausgeblieben; es wäre aber endlich Zeit, daß wir aus besseren Gründen, als aus bloßer Furcht vor Rache zum Gefühl der Wahrheit und Menschlichkeit gelangten!" Welch hohe Meinung Herder von den zu seiner Zeit noch vielfach so sehr verachteten und verhöhnten Kindern Israels hatte, zeigt sein oft erwähnter Ausspruch über den israelitischen Stamm. Er befindet sich in seinen „Ideen" re. und lautet wörtlich: „Israel war und ist das ausgezeichnetste Volk der Erde; in seinem Ursprung und Fortleben bis aus den heutigen Tag. in seinem Glück und Unglück, in Fehlern und Vorzügen, in seiner Niedrigkeit und Hoheit, so einzig, so sonderbar, daß ich die Geschichte, die Art, die Existenz dieses Volkes für den ausgemachtesten Beweis der Wunder und Schriften halte, die wir von ihm haben und wissen. So etwas läßt sich nicht erdichten; eine solche Geschichte mit gllem, was daran hängt und abhängt, kurz, ein solches Volk läßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Poem der Zeiten und geht wahrscheinlich bis zur Entwicklung des letzten noch unberührten Knotens aller Erdennationen hinaus.Dieses sonderbarste Volk hot die sonderbarsten Bücher; ein Volk, dessen Religion und Geschichte ganz von Gott abhängt, hat auch Bücher der Art, des Geistes; jene Dinge sind aus diesen, diese aus jenen entstanden, aber alles ist im Grunde nur eins: ein Gepräge, ein Charakter, eine Beurkundigung aller Zeiten, ihr Name ist das Volk Gottes, wie dort von Ezechiels Stadt und Tempel." Mit der ihn auszeichnenden rastlosen Tatkraft und der zündenden und hinreißenden Beredsamkeit, die seine Seele durchglühte, war er bestrebt, in Wort und Schrift für die Verbesserung der traurigen, namenlos elenden sozialen Stellung Israels in jener Zeit einzuwirken. Er gab die Parole der „Judenemanzipation" aus, und mit dem ungestümen Feuer, das seinem Genius eigen war, predigte er diesen seinen Glaubensartikel auf der Kanzel sowohl, wie in seinen Schriften. In einem Kapitel seines Werkes „Adrastea", welches die Ueberschrift: „Ueber die Bekehrung der Juden" trägt, hält er seinen Zeitgenossen ein gar scharfgeschliffenes Spiegelbild ihres Verhaltens den Juden gegenüber vor. Dort heißt es u. a.:

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