Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-11 · Heft 50 (11.12.1903) · p. Seite 594

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
Seite 594 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228578--60409-3296999
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

594 zufrieden sein. Mit diesen Worten nehmen wir von dem päpstlicher: Morrsignore Abschied, von ihm, aber auch von seiner Moral, wir gönnen ihn und diese seiner: beneidenswerten Schülern. Iwri. Chanudah-StuLie. Von Rabbiner Dr. Tobias Cohn. HDlSrt 'KE „Welche Bedeutung hat das Chanukahsest?" Diese Frage wirst der babylonische Talmuds auf und verrät damit,-daß das Fest, welches zrrrrr Andenkerr großer geschichtlicher Ruhmestaten, denkwürdiger natiorraler Begebenheiten und gnadenreichen göttlichen Beistandes gefeiert werden fall' ihm selbst nur in dümmerrrdem Lichte vorschwebt und dem Gedächtnis des jüdischen Volkes vielleicht ganz abhanden gekommen war. Er überspinnt das Fest mit seinen Fäden, zieht es in den Kreis seiner Diskussionen, erhebt es jedoch nicht zu der Höhe, auf welcher wir uns der staatlicherr und kulturellen Entwicklung bewußt werden, die den großen Umwälzungen gefolgt ist — des Eewirrrres oder Verlustes an Glauben und Sitte, die in der Perspektive erscheinen. Anderseits im palästinensischen Talurud begegnen wir der Frage nach der Bedeutung des Chanukahsestes nicht, wiewohl auch ihm marrche Person und Szene in dem Gemälde fremd geworden zu sein scheint. Er fragt z. B?): „Welche Bewandnis hat es mit dem Nicanortage," der ihm doch nicht so rrebensächlich erscheinen durfte. Hier in Palästina stehen wir auf Grrrrrd und Boden des judäischen Gebiets, in welchem sich die epochemachenden Begebenheiten, die zum Feste führten, zugetragen haben. Hier im Anblicke der Stätterr, die redende Zeuger: der erlittenen Leiden u::d errungenen Siege waren, bedurfte es auch eines ausgiebigeren Berichtes weniger; der:n hier wird vorweg die Kenntnis des Festes und seiner Feier angenommen^). Schließlich bezeugen beide Talmudes die Feier des Chanukahsestes, den Wert seiner Ansprüche ur:d die Rangstellung, die es einnimmt. Beide lehren an den vorhin bezeichueten und anderen Stellen, daß öffentliches Fasten und öffentliche Trauer — lvelche einem Feste nicht ziemen — am Chanukähseste nicht stattsinden dürfen, und daß es den Rang eines Halbfestes einnimmt, gleich den: Reurnondfest, den: Purimfeste und den Mittelfeiertagen der biblischen Feste. Demgegenüber erscheint es auffallend, daß in Lud (Diospolis), einem nur einen Tagemarsch von Jerusalem entfernten, hervorragenden Ortey, dein die hier in Rede stehenden Großtaten sicher bekannt lvaren, am Chanukahfeste ein öffentliches Fasten") veranstaltet wurde. Blieb doch das Fest dadurch gänzlich unbeachtet. Gewiß ziemt den biblischen Festen größere Heilighaltung als den nachbiblischen; denn den letzteren fehlt die Sanktion des göttlichen Gebots, das jene ersteren zum Gedächtnis ewig denkwürdiger Heilstaten und Gnadenerweisungen gesteinpelt hat, die ohne menschliches Hinzutun, Können und Verdienst unmittelbar aus der Gnadenhand Gottes hervorgegangen sind. Dort am Meer, wo Israel trockenen Fußes die Fluten durchschritt, die dem Feinde Verderben und Tod brachten; dort am Sinai, wo es unter gewaltigen Naturerscheinungen die erhabenste Botschaft empfing, die je ein menschliches Ohr vernounnen hat, konnte das befreite und geweihte Volk nur bekennen, das einemal: y ©abbatt) 21b. “) Thanith II, 12. ) Than. II, 14. y Babli das. 15b, Rosch Haschan. 18 a, Mischnah, Jerusch. Megillah I, 4, Nedarim VIII, 1. 5) das. Maaßer Scheu: V, 2. °) Jerusch. Nedar. VIII, 1, das. Megillah I, 4, das. Thau. II, 12; Babli Rosch Haschan. 18b. „Das ist mein Gott, ihn will ich preisen", und das anderemal: „Wir wollen befolgen und erfüllen!" Allein das Chanukahfest führt uns auf einen Schauplatz bewundernswerter, ruhmreicher Taten, die Menschen mit Kraft und Begeisterung, Energie und Entschlossenheit, Mut und Todesverachtung vollführt haben um einer großen, heiligen Idee willen. Wir sehen eine winzige Schar in heißem Ringen mit einen: zahlreichen, krieggeübten, übermütigen Feinde und, wie unmöglich es auch erscheint, von den gottersüllten jüdischen Kärnpfern den Sieg -davontragen. Wahrlich, solches Erinnerungsfest verdient dankbare, weihevolle Feier, an welcher sich der Geist erhebt, die Seele weitet, Jugend und Alter sich der Kraft und Fähigkeit zu großem Schaffen und Wirken bewußt werden. Im Wechsel der Fremdherrschaft, welcher Israel seit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil unterstand und ein selbständiges Gemeinwesen mit dem Hohenpriester an der Spitze bildete, kam das jüdische Volk unter den Nachfolgern Alexanders des Großen an Syrien. Es wäre unzutreffend, wollte rnan der griechischen W:ssenschaft und Bildung ihren Einfluß auf feinere Kultur und Geschmacksrichtung im jüdischen Volke absprechen. Bei der Lage seines Landes zwischen dem griechischen Syrien und Aegypten, ferner bei den beständige:: politischen und kommerziellen Beziehungen mit denselben war dies undenkbar. Allein soweit Syrien in: besonderen in Betracht kommt, verdient diese Annahme doch große Einschränkung. Im grauen Altertum gab es keine Stadt, die so sehr allen wissenschaftlichen Bestrebungen abgeneigt war, so sehr den: frohen Genießen, dem Uebermaß der Sinnenlust fröhnte, — Leidenschaften, denen Religion und Sitte in verwerflichster Form dienstbar gemacht lvurden, als die Hauptstadt Syriens, Antiochien, und das Land strebte ihr nach. Wandte sich nun ein Teil der jüdischen Bevölkerung Syriens von diesen: Lasterpfuhl ab, der in diesem Hexensabbath keinen Berührungspunkt mit der Religion Israels fand, so griff der andere Teil mit heißer Gier nach allem, was das griechisch-syrische Leben in seiner sittlichen Ungebundenheit bot, und fühlte sich als wirkliche, echte Griechen in dieser Glaubens- und Sittengemeinschaft. Um diese Zeit der Parteibildung zwischen den Fronunen und den Hellenisten, aus welchen in der Folgezeit die Partei der Pharisäer und Sadduzäer entstand, bestieg Antiochus Epiphanes den griechisch-syrischen Thron, ein Mann, in dessen geistiger und seelischer Fassung alle Fäden syrischen Denkens und Empfindens znsanunen.trafen, alle bösen Lüste und Triebe zu Verbrechen und Grausamkeit ausgereift waren, dessen Regierung in der Geschichte Israels mit Blut geschrieben ist. Erfaßte den Plan, die jüdische Bevölkerung zur Anbetung und Verehrung der griechischen Götter zu zwingen und alles Jüdische in Dog:na und Zeremoniell bei Todesstrafe zu verbieten. Ein teuflischer Plan zur Vernichtung der jüdischen Nationalität, wie er bis dahin noch niemanden: in den Sinn kam. Damals entstand durch eine:: fronunen Verfasser das Buch Daniel, dessen Zweck war, die in der Not und Drangsal um ihres Glaubenswillen Geängstigten an Beispielen von Standhaftigkeit und Glaubenstreue iu der Vergangenheit zu stärken und aufzurichten. Der Verfasser lebte und schrieb zur Zeit der Leiden unter Antiochus, tat dies jedoch unter dem Namen eines Autors, der vier Jahrhunderte früher, zur Zeit des babylonischen Exils, gelebt. Die Feder sträubt sich, den Anteil niederzuschreiben, den die Hohenpriester an den traurigen Zuständen in der Syrerperiode hatten. Sie erkauften ihr Amt von dem Könige durch hohe Geldsummen, verdrängten ihre Vorgänger durch Hinterlist oder Mord und waren die eifrigsten Förderer des hellenischen Wesens. So zählt der Talmudl) nur 18 Hohepriester während der ersten Tempelperiode, hingegen y Jernfch. Joma I, 1; Babli das. 9a; Wajikr. Nabbah e 21.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.