Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 593 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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598 Brief aus Nelterreich. Ende November. un muß ich schon wieder auf meinen unseligen Streit mit dein mir ganz unbekannten Magyaren „Hagri" zurückkommen. Es hat mich nämlich an diesen von mir wahrlich nicht heraufbeschworenen Zwist der Kampf zwischen Herrn von Korber, unserem Ministerpräsidellten, mit dem Grafen Tisza, dem magyarischen Ministeroberhaupte, erinnert. Es wird hinüber- und herübergerusen, und bei allen diesen Rufen schaut nichts heraus. „Hagri" mag sich drehen und wenden wie er will, unsere allgewaltigen Antisemiten sprechen von einer ungarischen Klique und meinen damit die Juden. Neuestens haben sie sogar den Armenier Zoltan Lengyal, den verzogenen Liebling der unparlamentarischen Grazien, zum Juden gemacht und ihn auf eine Stufe mit Herrn Dr. ined. Ellenbogen gestellt, der allerdings mit den Grazien wenig zu tun hat, sich aber ans das Buudeszeichen Abrahams berufen kann, derzeit aber konfessionsloser, internationaler SozialdemokratHst. Er ist also rot, — nebenbei rot wie Esau. — Um also wieder auf Körber und Tisza zu kommen, so haben wir von diesen Herren Ministerpräsidenten nur zu sagen, daß zwischen ihnen, weil wir so großen Mangel an Streitfragen in Oesterreich besitzen, ein frischer aber nicht sehr fröhlicher Kampf über österreichisches und ungarisches Staatsrecht ausgebrochen ist. Unter Staatsrecht versteht man, soweit ich mich noch auf einige Collegia über dieses Thema, die ich einst hörte, erinnere, den^Jnbegriff der Rechtsgrnndsätze, durch die alle öffentlichen Rechte und Pflichten der Staatsbürger, sowie ihr Verhältnis zur Regierung bestimmt werden. Graf Tisza beklagt sich, daß sich Herr von Körber in das lingarische Staatsrecht menge. Aufrichtig gesagt, interessiert uns dieser Froschmäusekrieg sehr wenig. Nur eines möchten wir den Herren Staatsmännern zu erwägen geben: Nehmen wir Juden auch teil am Staatsrechte? Und im Falle der Bejahung dieser Frage, möchten wir, neugierig wie wir schon sind, weiter fragen: Wie kommt es, daß dann in offener Parlamentssitzung ein „hochwürdiger" Herr verlangen kann, man möge alle Juden von der Universität vertreiben. Und >vir ivollen weiter die Worte dieses Herrn, der ein Priester der Religion der Liebe ist oder sein soll, zitieren; er sagt in seinem „klassischen" Deutsch folgendes: „Der semitische Größenwahn" wird die Magyaren erkennen lassen, daß sie nur für den König der Epoche (groß artig! was?) gerobotet haben (schönes, herrliches Wort!), man wird auch in Ungarn dasselbe sagen, was ivir zu sagen nicht müde werden: Völker Europas, werdet endlich einmal klug (ja, das rufen wir insbesondere dem „hochwürdigen" Herrn zu, der doch auch zu den Völkern Europas gehört und leider nicht klug werden will) und erkennt, was euch zum besten ist! Erkennet, daß hinter jeder Macht ein Volksstamm steht, dem daran gelegen ist, zu hetzen!" Abgeordneter Proschazka (riechen Sie den Braten?) ruft dazwischen: „Die Juden." „Denn," so setzt der „hochwttrdige" Herr fort, „während die Völker unter einander raufen, geht es jenem Volksstamm außerordentlich gut." — Ich denke, wir haben nun genug des Geschwefels gehört, und diesen Brief genügend durch die Worte des „hochwürdigen" Herrn entweiht. Wer dieser Herr ist? Sie sollen ihn sofort kennen lernen. Er liest über katholische Moraltheologie am Priesterseminar zu St. Pölten, im Volksmunde St. Blöden genannt, ist der vertrauteste Freund Luegers und Schneiders, nebenbei Monsignore, kurz einer von den Generalgewaltigen des finsteren Niederösterreichs und heißt Scheicher. Jetzt wissen Sie alles. Also der Herr Scheicher meint, es gehe auf dem ganzen Erdenrund niemand so gut, wie uns Juden. Wir tragen keine christliche Moral vor, die da lehrt, segnet diejenigen, so euch fluchen, und wünschen daher Scheicher und allen seinen Genossen, es möge ihnen so gut gehen, wie uns. Sind wir nicht edel? Wünschen wir nicht unseren Feinden alles Gute? Und da säge man noch, wir Jude»: seien rachsüchtig! Scheicher, der, ein Vertreter der christlicher! Moral, täglich die Juden beschiinpft, sie von der Universität vertreiben möchte, in einein Landtage und Reichsrate sitzt, die von rechts bis links durch und durch antisemitisch zersetzt sind, dieser Lehrer der christlichen Moral sagt, es gehe keinein Volke so gut >vie uns; wir wagen nicht den Mund zu öffnen und verhetze!» doch die Völker. Ich hätte gewünscht, dieser Herr wäre, vielleicht in eine Tarnkappe gehüllt, in einer Versammlung gewesen, die dieser Tage der Vertreter der „Oesterreichisch-israelitischen Union" in einer unserer größeren Landeshauptstädte abhielt, und hätte zugehört, als dieser Vertreter auseiuandersetzte, wie man jetzt in Oesterreich das Recht des einzelnen Juden sowohl, sowie das der Gesaintheit schützen müsse. Wir reden vom Staatsrechte und vom Rechtsstaate, und haben es notwendig, ein Rechtsschutzbüreau zn bilden, um uns gegen die Willkür der von unseren Steuergulden bezahlten niederen und höheren Beamten zu schützen. Und Scheicher, der Mann der Liebe, Wahrheit und Moral, nennt uns die Glücklichen, beschimpft uns als Hetzer, und wünscht, daß sich alle Völker von uns befreien. Tagtäglich kommen Vergewaltigungen von Juden vor, die albernsten Märchen und Lügen werden aus dem rnittelalterlichen Schutt gegen uns ausgegraben, der jüdische Familienvater weiß nicht, was er mit seinen Kindern anfangen wird, alle Staatsanstellungen sind uns mehr oder weniger verschlossen, der jüdische Arzt, der jüdische Geschäftsmann, der jüdische Kleingewerbetreibende werden boykottiert, aus dem gesellschaftlichen Leben sind wir ganz ausgeschlossen, nufere jungen Leute müssen untereinander Vereine bilden, jeder freche Bursche wagt es, seinen jüdischen Kommilitonen anzurempeln, aber Scheicher findet unser Los überglücklich, nun denn, und wir find so edel, ihm ein gleiches Los zu wünschen, möge er Bürgermeister von St. Blöden, pardon, St. Pölten werden, und ivie der dortige deutschvolkliche (sprich antisemitische) Vvelkl, das von den „judenliberalen" Zeitungen verhiminelte Oberhaupt dieser schönen Stadt der Klerikalen und des Militärs, seinerseits von der deutschvolklichen Meute gehetzt werden. Ad pluriinos unnos, lieber „hochwürdiger" Scheicher! Und noch etwas, lieber Scheicher! Es kvmurt jetzt ein Fest, das große Ansprüche an die Wohltätigkeit stellt. Jetzt geht rnan sammeln für Waisenhäuser, Tuberkulosenheime, Schule»! und Spitäler. Lesen Sie einmal „hochwürdiger" Vertreter der christlichen Liebe, die Namen der Spender, Sie werden ihren Augen nicht trauen, aber dennoch werden Sie sage» müssen, — Sie haben ja dafür eine gute Nase — altadelige, hocharistokratische Namen sind das nicht, die Silbersteins und Goldsteins, die Rosenblums und Rosenthals, die Jeitteles urrd Pereles, Und doch stehen alle diese Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs mit ihren Summen obenan, au der Spitze der Spender für Waisenhäuser, in denen kein jüdisches Kind zrr finden ist, sür Spitäler, in denen kein Jude Aufnahme findet, für Schulen, deren Lehrer ausgesprochene Anhänger Scheichers, Luegers und Schneiders sind. Wenn rrns aber Scheicher aus Europa hiuaustreiben will, dann wird er und seine Genossen auf besagte Spenden verzichten müssen. Erwirb sich danrr an die reichen Klöster wenden, nud an die Schwarzenbergs und Lobkowitze und Lichtensteine, seine guten Freunde, und diese werden zu ersetzen haben, was an jüdischen Spenden abgeht. Wir sind nämlich, wie schon oft gesagt, edel, und wünschen nicht nur Scheicher und Lueger, daß es ihnen so gut ergehe, wie uns sondern auch, daß es allen nichtjüdischen Wohltätigkeitseinrichtungen nicht an Spenden fehle, wenn die Juden auch nichts geben rverden. Scheicher kann mit uns