Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 592 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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592 Beutemacheu. Der Oberst dieses Regiments hatte deshalb Untersuchung angeordnet. Fast drei Wochen lang dauerte die Rückgabe der von den Soldaten geraubten Gegenstände an die Polizei. Vorsitzender: „Was machten Sie, Zeuge, traten Sie den Plündernden entgegen?" Blagoj: „Da es mir nicht zustand, Maßregeln zu ergreifen, versuchte ich mit Worten zu wirken. „Wie kommst Du dazu, uns entgegenzutreten, nachdem uns der heilige Synod gestattet hat, das Eigentum der Juden an uns zu nehmen", schallte es mir zurück." Der folgende Zeuge, ein Nevieraufseher in einem anderen Stadtviertel, sagt im entgegengesetzten Sinne aus. Die Juden wären bewaffnet gewesen und hätten auf die Christen geschossen. Auch zwei gewöhnliche Polizisten, die dann vernommen wurden, sagten in derselben Weise aus, der Besitzer des Cafä „Moskwa" Grigorjew, in dessen Lokal das Pamphlet Pronins unter den Gästen zirkuliert, sagt aus, er habe ein Exemplar davon dem Polizeikomnlissar Witkovky übergeben. Vorsitzender: „Saßen bei Ihnen Juden und Christen an demselben Tisch und wie vertrugen sie sich." Zeuge: „Ganz freundschaftlich. Ich hatte früher keine Spannung bemerkt." Vorsitzender: „Welche Journale halten Sie?" Zeuge: „Von russischen Tagesblättern nur „Bessarabetz" und „Snamija", die von den Christen zumeist verlangt werden. Für die Inden halte ich das Wochenblatt „Buduschnost" und das in Jargon erscheinende Tageblatt „Der Freund". Dieses bezeichnete einmal mein Lokal als antisemitisch, was ich aber berichtigte. Der Deutsche Wedemaher sagt aus: „Während der Exzesse trug ein Arbeiter im Lokal in erhobener Hand ein Telegramm und rief mit lanter Stimme: „Es ist Befehl von hoher Seite gekommen, gegen die Juden loszugehen und sie zu berauben." Nun gelangten einige Beschädigte zum Wort. Der Kaufmann Lazar Lapuscher. der bis zu den Ausschreitungen ein wohlhabender Mann war, ist zum Bettler geworden. Portugais, gleichfalls ein Beschädigter, hat vom Stellvertreter des Polizeipristavs Sadorosebny Beistand verlangt und berief sich aus die russischen Gesetze, Sadorosebnh antwortete: „Wenn Ihnen unsere Gesetze nicht gefallen, gehen Sie nach Amerika", und zu den Plünderern gewendet, sagte er: „Seht den frechen Juden, eine Polizeiwache soll ich ihm beistellen!" Bei der weiteren Zeugenvernehmung ist der Gonvernementsbeamte Buchalo empört darüber, daß die Weinhandlung des David Feldstein, welche sich gerade gegenüber dem zweiten Polizeirevier befand, vollständig zerstört wurde, während die Polizisten zuschauten. Am Marktplatz sei es nur deshalb nicht zu Ausschreitungen gekommen, weil die dort angesammelten jüdischen Lastträger die Exzedenten abwehrten. Besonderes Interesse erweckten die Aussagen des hochangesehenen christlichen Arztes Dr. Doroschewsky. Er hörte am Ostersonntag in Odessa von Ruhestörungen und kehrte mit dem Kurierzug nach Kischinew zurück. Tags daraus ging alles drunter und drüber. Doroschewsky hatte als Spitalarzt den Verwundeten die erste Hilfe zu leisten. Der Anblick der Verwundeten war derart furchtbar, daß er ihn mit Worten nicht schildern kann. An den Leichen sah man, daß sie lange gemartert und dann grausam verstümmelt waren. Bei einer Leiche fehlte ein Ohr, bei anderen war das Gesicht zur Unkenntlichkeit entstellt. Einem einäugigen Manne war auch das zweite Auge ausgeschlagen. Ein Kollege sagte ihm, einer Leiche sei der Bauch aufgeschlitzt und mit Federn gefüllt worden. Der Schuster Andrusjer erzählte ihm, er habe in Gegenwart des Untersuchungsrichters einer Leiche zwei eiserne Nägel aus der Nase gezogen und dem behandelnden Arzt übergeben. Der Gerichtshof beschloß, diese Zeugen vorzurufen. Doroschewsky hat kurz nach den Exzessen in einem russischen Blatte die ihm zur Kenntnis gekommenen Schändlichkeiten veröffentlicht, worauf der Gouvernementsoberarzt Pretjatkowitsch zu ihm kam und ihn aufforderte. seine Mitteilungen zu widerrufen, da sich sonst für ihn unangenehme Folgen einstetten würden. Auf die Frage, wann er seines Postens als Spitalarzt enthoben wurde, antwortete Doroschewsky: am 16. Mai; auf die weitere Frage, wann ihn der Untersuchungsrichter Freynat vernommen hätte, sagte Doroschewsky: am 14. Mai, Freynat habe aber seine Aussagen entstellt wiedergegeben. Der Konfektionär Fischmaun erzählte sehr aufgeregt, wie am Ostermontag bei seinem Geschäft die Rollläden aufgebrochen, sein ganzes Warenlager herausgezerrt, mit Füßen getreten, zerfetzt und verdorben wurde. Dabei hätten sogar der Vizegouverneur Ustrugow und der Oberst Chansenkow sowie Polizisten und Soldaten zugeschaut. Dieser Zeuge hat gehört, wie der Notar Pissartschewsky zum Stadtrat Sinardino laut sagte: „Das ist einmal ein Festtag!" und zu der Menge gewendet: „Gehet heim und legt Eure Sonntagskleider an!" Der Student Malaj ries mit lanter Stimme: „Rasch zur Arbeit, die Zeit ist kurz!" Unter großer Spannung wurden dann die Familienmitglieder der Märtyrer vernommen; zuerst Rüben Kazap. dessen Großmutter unter furchtbaren Qualen vor seinen Augen ermordet wurde. Rüben selbst war auf dem Dachboden versteckt, von wo er die Niedermetzelung mit ansah, sich aber nicht getraute, der Greisin zu Hilfe zu kommen. Simon Baranowitsch, der in demselben Hause wohnte, erzählt, er habe sich mit seinem einzigen Sohne, dem Realschüler Benjamin, im Abort auf dem Hofe verborgen gehalten, als die Meute sie entdeckte, den Burschen herausriß und mit Keulenschlägen vor den Augen des Vaters erschlug. Baranowitsch kann nicht zu Ende erzählen, er wird ohnmächtig. Alle Anwesenden sind 511 Tränen gerührt. Die Sitzung wird deshalb eine Stunde unterbrochen. Baranowitsch gibt dannspäter weiter an, es seien gleichzeitig auch die Männer Galanter und Rosenmann erschlagen worden. Auf die Frage, ob er die Mörder erkennen würde, sagt Baranowitsch: „Sie sind hier unter den Angeklagten anwesend; Kirjka, Marasjuk, Kolesnitschenko und Tschernesko haben Galanter sowie meinen Sohn bestialisch erschlagen; mein Kind schrie herzzerreißend um Hilfe. Mir riesen sie zu: „Rühr' Dich nicht, oder wir machen auch Dich wie einen Hund tot!" Er selbst wurde nur durch das Dazwischentreten von Soldaten gerettet. Als er sich nach den übrigeil in einem Stall verborgenen Familienmitgliedern umsehen wollte, trat der Polizeipristaw Solowkin in den Hof und fragte ihn: „Warum weinst Du, hier ist doch niemand gemordet worden?" Baranowitsch zeigte ihm die Leichen, woraus Solowkin nur „Richtig!" sagte und dann seine Aufmerksamkeit seinen Stiefeln widmete, mit denen er durch eine Blutlache geschritten war; er veranlaßte nichts zum Schutze der Bedrängten. Der Gerichtshof beschloß dann eine nochmalige Vernehmung des Solowkin, der unter seinem Eide ausgesagt hatte, er wisse nicht, ob in seinem Rayon Mordtaten vorgekommen wären. Er erschien kreidebleich, und mit Baranowitsch konfrontiert, behauptete er, sich an die ganze Szene nicht mehr zu erinnern. Auch Frau Baranowitsch und ein Mädchen Lea erkannten die vier von Baranowitsch bezeichneten Mörder wieder. * Wie uns aus New York berichtet wird, machte das Komitee zur Wahrung der religiösen und bürgerlichen Rechte der Juden in Amerika am 18. v. M. dem Präsidenten Roosevelt seine Aufwartung und wurden diesem durch Simon Wolf vorgestellt. Dieser hielt folgende Ansprache: „Herr Präsident, wir fiub gekommen, nm dem höchsten Beamten des Landes unsere Hochachtung auszusprechen, und Ihnen die Versicherung unserer aufrichtigen und ernstgemeinten Unterstützung in allen patriotischen und die bürgerliche Freiheit betreffendell Dingen zu geben. Unser Zusammenkommen in Washington hat den Zweck, wichtige amerikanische Fragen leidenschaftslos und zweckentsprechend zu distutieren; nach dem Schluß unserer Beratungen werden wir Ihnen das Resultat durch ein Komitee unseres Board mitteileu." Präsident Roosevelt antwortete hierauf: Herr Wolf, ich wünsche durch Sie allen diesen Herren meinen Gruß zu entbieten und zu sagen, wie sehr es mich freut, dieselben hier zu sehen. Es befiilden sich mehrere alte Freunde unter dellselben, mit denen ich auf dem Schlachtfelds gekämpft und die dort geblutet haben. Ich spreche nur die absolute Wahrheit, wenn ich sage, daß es keine andere Klasse von Bürgern geben kann, von deren Hingebung an nnier gemeinsames Vaterland ich fester überzeugt wäre, als der in Ihrer Körperschaft vertretenen; keine, von denen ich mit größerer Freude höre, denn ich weiß, daß alles, was von denselben ausgeht dazu beiträgt, die Lage aller unserer Bürger zu bessern. Ich begrüße. Sie mit großem Vergnügen." Vor ihrem Besuche im Weißen Hause hatten die Delegierten dem Staatssekretär Hay im Staatsdepartement einen Besuch abgestattet und ihm ihren Dank sür seine Bemühungen zur Besserung der Lage der Juden in fremden Ländern ausgesprochen.