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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-11 · Heft 50 (11.12.1903) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
Seite 591 (sequence 5)
Language
German
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591 dieses Heraustreten aus Reih und Glied, dieses auf eigene Faust arbeiten, dieses der Gemeinschaft in den Rücken fallen unter Umständen anstiften kann. Namentlich heute, wo die Juden sich, ja Gott sei^s geklagt, nach verschiedenen Fronten hln^Zll'wehren haben; und ganz besonders auf dem Gebiete der Politik sollte es sich jeder einzelne hundertmal überlegen, ehe er mit solchen Vorschlägen und Anklagen vor die Oeffentlichkeit tritt. Solche Dinge können uns mehr schaden als die schlimmsten Angriffe der Gegner. * Das Ende der Dreyfus-Tragödie, das nunmehr vorausznsehen ist, wird eine wahre Erlösung für Frankreich sein, zum mindesten für das Frankreich, das noch die Prinzipien der Humanität, Brüderlichkeit und Freiheit hochhält. Gleichwohl empfinden die Antisemiten und Nationalisten diese jüngste Regierungstat als einen heftigen Schlag vor den Kopf, denn sie ist die Feststellung ihrerer endgültigen Niederlage vordem Lande. Der Wiederaufnahmeausschuß im Justizministerium, der aus drei Richtens, den Mitgliedern des Höchsten Gerichts, Herren Durand, Marignan und Alphandorh, und aus drei hohen Justizmiilisterialbeamten besteht, wird die Beweisstücke, gefälschte Papiere des Großen Generalstabs und ein Schuldbekenntnis des berüchtigten Feldwebels und Archivars im Generalstab Gribelin, ohne Zweifel als neue Tatsachen im Sinne der Prozeßordnung anerkennen und die Wiederaufnahme für zulässig erklären. Es ist bezeichnend, daß von den drei Richtern einer, Herr Marignan, Protestant, ein anderer, Herr AlPhandöry, Jude ist. Noch vor wenigen Jahren hätte selbst eine der Wiederaufnahme günstige Regierung es vermieden, den Ausschuß mit Juden zu beschicken, um den Nationalisten keinen Vorwand zu nichtswürdigen Unterstellungell zu bieten. Heute hält die Regierung sich bei derartigen ängstliche!: Erwägungen nicht mehr auf. Die Antisemiten und Nationalisten werden ja trotzdem nicht aufhören, Dreysus für einen Verräter zu erklären und ihre übrigens stark zusammengeschrumpfte Gemeinde von Fanatikern und Einfaltspinseln wird daran festhälten, daß das „Syndikat" die neuen Richter wieder mit einigen Dutzend oder Hundert Millionen bestochen hat wie die alten. An diesen Köpfen prallen alle Beweise um so leichter ab, als die Betörten grundsätzlich kein Wort von den: lesen, was etwa zu grinsten des Opfers jesuitischer Verfolgungswut gesagt werden mag. Das fast ein Jahrzehnt lang gefolterte Rechtsgefühl wird sich damit begnügen müssen, daß die Unschuld des Opfers öffentlich in den Rechtsformen anerkannt und von seinen Verfolgern der Lästermund mit der schwertbewaffneten Faust der Gerechtigkeit geschlossen wird. Auf die von der Sittlichkeit nicht minder dringend geforderte Bestrafung der Verbrecher, die durch Lüge, Meineid und Fälschung das Recht so unerträglich vergewaltigt haben, wird man verzichten müssen, da die unselige Arnnestie sie dem Arm der strafenden Gerechtigkeit für inuuer entzogen hat. Es wird bei ihrer moralischen Brandmarkung sein Bewenden haben müssen, aus der sich so verhärtetes Gelichter allerdings wenig macht. Aber es bleibt doch der Sieg des Rechts, und das Gewissen der Menschheit wird alles in allen: den nun zu erwartenden Schluß des neunjähriger: Dramas nicht als unbefriedigenden Ausgang empfinden. Die geradezu zynische Verworfenheit, mit der der Antisemitismus in Rußland vor und nach Kischinew gearbeitet hat, wird durch den Prozeß in dem südrussischen Städtchen trotz des Ausschlusses der Oeffeutlichkeit ins hellste Licht gerückt. Was sind das für erbärmliche Gesellen, die da aus den Plan treten! Dieser Bundesgenossen werden sich vielleicht selbst die deutschen Antisemiten schämen.- Die nachfolgenden Berichte über den Verlauf des Prozesses geben ein getreues Bild der Sachlage: „An: 25. Noveiuber wurden zwei Geistliche verhört, die unter ihrem Eide aussagten, daß die Nachricht von der Verunreinigung einer Kirche und der Ermordung eines Priesters von Anfang bis zu Ende erfunden war. Dann behauptete der antisemitische Polizeikommissar Solowkin, es seien am Weinplatze grobe Scharen von Juden mit Stöcken gewesen, die aufreizend auf die Menge einwirkten. Ins Kreuzverhör genommen, verwickelte er sich jedoch ü: Widersprüche und machte zuletzt die wichtige Aussage, daß auf den: Schauplatz kein einziger Jude war, und daß das Karussell gesperrt gewesen sei! Bekanntlich sagte sogar das offizielle Kommunique, ein Jude habe bei den Volksbelustigungen eine christliche Frau und ein Kind gestoßen und verletzt, was die Ursache zu den: Aufruhr gewesen sei. Durch die Aussage des Vizedirektors der Strafanstalt wurde festgestellt, daß Pronin der Verfasser der aufreizenden Proklamation gewesen sei, er war es auch, der den beliebten Priester Johann von Kronstadt bearbeitete und durch eine. falsche Darstellung dahin brachte, daß er eine die Exzesse verdau:mende Epistel an die Christen zurückzog und durch eine solche mit entgegengesetzter Tendenz ersetzte. Als Pronin dann selbst verhört wurde, bekannte er sich zu den: Pamphlet; er gestand, er stützte seine Behauptungen nur auf das, was er gehört hätte, selbst könnte er keine Tatsachen Vorbringen. Während Pronins Vernehmung war der neue Gouverneur Fürst Urussow anwesend, der. wie es heißt, Pronin wegen seiner hetzerischen Tätigkeit streng verwarnen, eventuell aus Kischinew ausweise:: wird. Am folgenden Tage wurde die Vernehmung Pronins fortgesetzt. Er hatte vorher zum Schlutz der Verhandlung erklärt, es hätte vor Ostern in Kischinew eine Versammlung von Juden aus allen Ländern stattgefunden, die in Gebetmäntel eingehüllt, in der Synagoge beschlossen hätten, eine Empörung zu veranstalten. Diese hätte zu Ausschreitungen gegen dieChristen geführt, die sich ihrerseits verteidigten. Vors.: „Woher wissen Sie das?" Zeuge: „Ein Jude hat es mir verraten, sein Name darf nicht genannt werden, da er die Rache seiner Glaubensgenossen fürchtet." Vors.: „Wenn Juden Ausschreitungen begangen haben, müssen sie auch die Wohnungen von Christen zerstört haben. Wissen Sie davon? Zeuge: „Ich habe das Verzeichnis solcher Wohnungen in meinem Notizbuch, morgen könnte ich dasselbe vorlegen." Als Zeuge Tags darauf nach diesen: Notizbuch gefragt wurde, erklärte er, er hätte es nicht sinden können; wahrscheinlich sei es von einem Dienstboten gestohlen worden, der inzwischen zu einem Juden in Dienst gegangen sei. Zeuge kommt sodann auf seine Reise zum Priester Johann von Kronstadt zu sprechen; er hätte es nicht länger ertragen, daß die Juden in den Zeitungen über die Christel: schimpfen. Vors.: „I:: welchen Zeitungen? Ir: russischen konnte dies nicht der Fall sein." Zeuge: „Ja, in ausländischen." Als der Verteidiger der Juden fragte: „Ist denn der Zeuge einer fremden Sprache mächtig," sagte dieser: „Nein, ich lasse mir das Wichtigste übersetzen." (Gelächter.) Der Staatsanwalt mahnte den Zeugen zur Vorsicht in seinen Aussagen. Bis jetzt sind von 566 Zeugen 27 vernommen- Nachmittags legt der Staatsanwalt ein Exemplar der Proklamation vor, die vor Ostern erschien und Aufreizu::g gegen die Juden predigte. Es beißt darin: „Es ist den Inden nicht genug, daß Jesus Christus zur Sühue für sie sein Blut geopfert hat, sondern sie lechzen noch heute nach dem Blut der Christen und haben foebeu wieder in Dubossary zu rituellen Zwecken einen Mord begangen; es ist die heilige Pfllcht aller Christen, das zu racken, das Militär wird ihnen Beistand leisten und die Polizei ihnen kein Hindernis in den Weg legen." Dieses Rundschreibe:: ist mit einem identisch, das der Polizeikommissär Witkowsky in einer Teewirtschaft empfing und dem Pristaw Solowkin übergeben hat. Der Leiter der Voruntersuchung Freynat wird auch als Zeuge erscheinen müssen, weil ihm die Aeußerung entschlüpft ist, „der Gendarmeriekommandant Lewendell hätte mit numerierten Bandenführern im Einvernehmen gestanden." Am 29. v. M. wurden 15 Zeugen vernommen. Der Polizeirevieraufseher Blagoj hatte am 19. April Dienst in der Skuljanskaja-Vorstadt. Er sah eine Schar junger Burschen, gefolgt von einer großen Menge Erwachsener. 200 Mann Mil itä r waren in der Nähe postiert; sie leisteten der: Plünderern Hilfe nnd beteiligten sich am

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