Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 590 (sequence 4)
- Language
- German
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590 wütigen unter den verblendeten Hellenisten das furchtlose Häuflein der Makkabäer. Viele hat heute auch die harte Not des Tages, die leider immer mehr die Massen in eine allein selig machende, plötzliche Weltverbesserung versprechende Schablone hineinzupressen droht, dem väterliche«: Glauben radikal abwendig gemacht. Das kann in Zukunft sehr gefährlich werden. Die Massen sind ja zu allen Zeiten meist nur die Nullen gewesen, die heute hierhin und morgen dorthin sich neigen; erst muß eine Eins vor diesen Nullen stehen, um sie zu einer gewichtigen aber auch oft zerstörenden Kraft zu erheben. Ernst sind nach alten Seiten die Zeiten! Namentlich aber in unserm Vaterlande. Jetzt haben die Antisemiten auch den Osten Deutschlands in Angriff genommen und sie haben in einem dicht vor: Juden bewohnten Kreise (Schlochan-Flatow, der wegen der in ihm belegenen prinzlichen Domänen für sicher galt) einen antisemitischen Agitator, der ans Berlin dorthin das blutige Ritualmärchen verpflanzte, in beit Reichstag als Pionier des deutschen Ostens geschickt. Derselbe Osten hat aber auch jetzt zum ersten Male drei jüdische Abgeordnete als Vertrauensmänner und Kompromißkandidaten der gesamten vereinigten deutsche» Parteien in den preußischen Landtag gesandt. Werden, wenn die Kämpfe im Osten sich weiter in der die Gemüter fanatisierenden Hitze des Nationalitätenstreites verschärfen, was Gott verhüte, nicht hüben und drüben die Juden darunter leiden, die man schon jetzt gelegentlich mit dem wirtschaftlichen Boykott bedroht, der den Ruin der Existenz bedeutet? Man ruft nun auch im Staatsleben jetzt jüdische Abgeordnete auf als Führer i» bewegter Zeit. Wohl, wir sind bereit zur Pflicht, aber wir wünschen und verlangen dann auch die volle Anerkennung und Förderung unserer Religion, der einzigen Domäne, von der aus wir alle unsittlichen, zerstörenden Kräfte der Zeit dauernd bekämpfen können. Bei den Reichstagswahlen hat jetzt der radikale Sozialismus mit bis dahin unerhörter Macht sein Haupt erhoben und die Hähne, welche durch ihr Krähen schon manches Unheil in der Welt angerichtet haben, krähen bereits auf allen Plätzen: „Wir sind mitten drin in der Republik!" Zunächst wollen aber wir als Juden nicht vergessen, daß die Führer des Sozialismus achselzuckend auf den verknöcherten Mosaismus mit seinen sozialen Lehren Hinblicken und daß sie, soweit sie Juden waren, ineist ausdrücklich aus dem Judentum ausgeschieden sind. Man kann es dem von der bürgerlichen Gesellschaft bald zum Abfall verlockten, bald gehetzte«: Juden nicht verdenken, wenn er hier und da sich von den idealen Zielen der allgemeinen alle Gegensätze scheinbar auslösenden Volks- und Weltbeglückung angezogen fühlt. In Frankreich hat die revisionistische Gruppe durch ihre Zugehörigkeit zum „Block" den judenfeindlicheu Nationalismus aus dem Felde geschlagen, Dreyfus befreit und die zu positiver Reformarbeit notwendige Mäßigung dauernd jetzt eine Zeit durch gezeigt. In Deutschland «vill inan, >vie es scheint, den Radikalismus durch Reformen bessern und ihn auf sozialem Gebiet sich austoben lassen; manche Kreise schrecken auch gerne drohend mit dem roten Gespenst. Wir Juden haben in der banger« Furcht des Mittelalters leider lernen müssen, aus jede Gefahr von oben oder unten rechtzeitig zu achten. Auf manchem frohen Vereinsabend mag an diesem Chanukahfeste der traurige Ruf„Kischinew und Hömel" mahnend, aber andererseits auch zur Herbeiführung einer besseren Znkunst stählend und aufrichtend in die Herzen dringen! Es kan»« bald nicht mehr viel schlimmer koinmen, dann «uuß es doch einmal besser werden! Für uns ist ja leider «veder das schwarze noch das rote Gespenst lediglich ein Gespenst, man versteht es heute meisterhaft, in allen sozialen Käinpfen zuerst den Juden als Sündenbock vorzuschieben. Den tiefe«: Untergährungen der Waffen gegenüber «nüssen «vir also ebenfalls unsere leicht enthusiastische, überall Ideale sehende Jugend vor einer allzu ideologischen Auffassung behüten; zu oft lauert Unreinheit auch da unten unter der Maske der Gleichheit. Man ruft: „Gebt nur eure väterlichen Traditionen ans, das andere wird sich schon finden." Wer «vollte leugnen, daß bei unsere» Glanbeilsgenoffe«: in Rußland die Gegensätze zivischen der Tradition der Eltern und den „progressistischen" Kindern oft das Beste zerstören, «vas wir haben: unser jüdisches Fainilienleben. Mögen die Kinder aber nie vergessen, daß über dem Chaos die Fainilie zu stehen hat und daß die geschichtlichen Mächte des Völkerlebens nicht so hurtig, wie der nihilistische Gleichheitswahn trärnnt, vor einen: doktrinären Sozialisums die Segel streichen werden. Ueberhebung bleibt eininal Ueberhebuug, ob sie vor: oben oder unten kvmint. Möge es dereinst für uns Juden nach beiden Seiten heißen, gegenüber den Drängern und ihrer Macht: „Dante es dinoni, »okanito es nikniossom!" Beirutzen «vir darum die acht Tage des Chanukahfestes, um uilsere Kinder nach rechts u«:d links hin auf die Mächte hinzuweisen, «velche in nnseren schweren Tagen das religiöse :>nd bürgerliche Leben zu zersetzen drohen. Möge die Erinnerung an die Makkabäer ihnen zeigen, daß die Götzen des Tages, dene«: mai: gar häufig prunkvolle Altäre errichtet, auf denen man schließlich alles opfert, auch die Achtung vor dem besseren Selbst, daß diese Götzen doch eines Tages von dem Hainmer Jehuda Makkabis zertrünrmert am Boden liegen können, u«:d mit ihnen das Glück so manches Hauses. Ein deutscher Dichter, der in der Not zu den: ernsten Gotte seiner Väter zurückkehrte, hat uns erzählt, wie sehr er die J«:den der Vorzeit, die „alte«: Jude«:" be>vni:dere; auch den heutigen Juden wird man nach de«: schweren Kämpfen dieser Uebergangszeit wohl dereiirst die Arrerkennung ihrer Treue nicht versagen dürfen. Die Woche. Berlin, 9. Dezember. s ist wieder still geworden von der Vereinigung deutsch-nationaler Juden. Und das ist gut so. Wahrscheinlich haben die jungen Herrei: ei«:gesehen, daß sie entweder selbst einen großen Fehler begangen oder vo«: anderen irregeleitet «vorden sind. Vermutlich hat ihnen auch die Zustimmung der konservativ-antisemitischen Sippschaft ein gewisses Grauen eingeflößt. Denn wir können doch nicht annehmen, daß ihne«: die heuchlerische Zustiinmung jener obenerwähnten Kreise Genugtuung bereiten kann. Soweit kann doch die Verblendung nicht gehen, um den Beifall der „Kreuzzeitung" und der „Post" zu buhlen! Freilich, «ver erst einmal auf abschüssige«: Pfad sich begeben, für den gibt eS kaum noch einen Halt. Das sehen wir aus dem Leibblatt der „Vereinigung", das seinem Namen durch die Intoleranz, mit der es die Anschauungen u«:d Bestrebungen anderer verketzert, we«:ig Ehre macht. Seine geradezu empörende«: Angriffe auf die „Judenpresse", die lvir schon ausführlich besprochen haben, stände«: auf dem geistigen Niveau des früheren Pfarrers Krösell, der kürzlich im Gerichtssaal fast dieselben Wendungen gebraucht hat. „Mit andern Worten sagt's der Pfarrer auch." Seine Erklärungen über das politische Verhalten der deutschen Juden könillen ebensogut in den antiseinitischeu Organen von Liebermam: und Zimmermanu stehen. Nun, hoffentlich ist das ganze deutsch-nationale Intermezzo bald vorüber! Für unsere Kreise aber erwächst aus dein traurigen Vorgang ei«:e weise Lehre. Man kann nämlich daraus ersehen, «velchen Schaden