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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-11 · Heft 50 (11.12.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 11. Dezember 1903. 67. Jahrgang. No. 50. Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav rttarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philippfon. Verlags - Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. LhanuKah. Berlin, 10. Dezember, rthnr Schopenhauer, als Philosoph ebenso hervorragend wie als erklärter Menschenfeind im bürgerlichen Leben leider fast ungenießbar, hat einmal von den Inden so allgemein hin, wie es sollst nur die Mode ailtisemitischer Maulhelden ist, gesagt: es fehlen ihnen „Scham und Ehrfurcht." Wer unsere Religion genauer kennt, weiß, wie sie den Menschen zur Pietät und Ehrfurcht vor dein Heiligen zn erziehen strebt. Erst der Jude, der sich ganz mit Stlunpf und Stil vom Judentum abwendet, lvird znm Cyniker, der auch Hohes und Heiliges in den Staub des Tages zieht. Hätte der Frankfurter Philosoph sich die Mühe genommen, ganz in seiner Nähe einmal in einer jüdischen Familie einem religiösen Feste, z. B. dem Anzünden der Chanukahlichter beiznwohnen, er hätte wohl einen anderen Begriff bekommen von den Abkömmlingen der Makkabäer, die noch heute, nach so langer Zeit, ohne allen lärmenden rauschenden Paukenklang, aber im heiligen Frieden des Familienlebens, den Sieg des Geistes ihrer Helden feiern. Die Juden feiern das Chanukahsest, um damit ihre Ehrfurcht zn bezeugen vor den sittlichen Gesetzen der Menschheit, die auch heute nach oben wie nach unten in stetenl Kampfe mit den Götzen des Tages und der brutalen Roheit stehen. Dem einsamen Philosophen von Frailkfurt hätten wir es gegönnt, einmal in einer jüdischen Familie zu sehen, wie da ehrfürchtig die Kinder auf die bescheidenen Chanukahlichter blicken, während zugleich jene ernste einfache Melodie ertönt, die man nie wieder vergißt und die der aushorchenden Jugend erzählt „von den Wundertaten, die der Herr einst an unseren Vätern getan, in jenen Tagen, um diese Zeit." Gewiß reißt das heiße leidenschaftliche Blut auch uns Juden oft zu unehrerbietigen Worten, ebenso wie zu unüberlegten Handlungen hin. Der Grundkern jüdischen Wesens wird aber damit nicht berührt. Die zunehmende Frechheit des Tages, welche sich so oft jetzt im Vordergründe brüstet, bleibt den Heiligtümern unseres Herdes und unserer Familien fern und hoffentlich auch die sittliche Zügellosigkeit, welche das religiöse Leben zu zerstören droht. Wer das Gebet Al-Hanissim, das wir an diesen acht Chdnukahtagen sprechen, aufmerksam durchlieft, dürfte sehen, wie weit das echte Judentum von jeder Ueberhebung fern ist, wie es zu jener wahren Demut des Herzens zu erziehen strebt, die leider selbst manche Philosophen nnd Schristgelehrten unserer Tage vermissen lassen. Friedrich Delitzsch hat das im Slddur stehende, den Meistert aber unbekannte Lied von dem Befreier, der in rotem Gewände einherschreitet, .in der letzten Babel- und Bibel-Kampagne im Gegensätze zur „Liebesreligion" scharf aufgemutzt. Wre wenig weiß aber auch dieser Gelehrte, der selbst den Kampfeseifer der in ihren heiligsten Schätzen, irr der Ehre ihrer Religion Angegriffenen so arg verkannte, vom Judentum als solchem! Mystische Geheimnisse umnebeln keines unserer Feste. Aber es ehrt eine Minorität, über die noch immer die um Millionen und abermals Millionen Stärkeren zu Zeiten gern herfallen, wenn sie pietätvoll des moralischen Mutes gedenkt, mit dem einst vor Jahrtausenden die Väter für die hohen Güter unseres Glaubens eintraten. Roch heute fehlen ja denen, die schon ohnehin über die Mittel der Macht verfügen, nicht die hellenistischen Helfer ans unserer eigenen Mitte! „Das ist ja alles national", sagte gar mancher, wenn wir unsere Feste rühmten. Nein, nicht national, religiös ist es, müssen wir ihm antworten. Leider steht man heute auf beiden Seiten zu sehr in dem Banne jener Nationalitätsphrasen, mit denen die Jugend ohne weiteres die Geschichte eines Erdteils nach Art phantasievoller Romanschriftsteller schnell umzumodeln hofft, um den religiösen Kern des Chanukähfestes erfassen zu können. Aber bald wird der in sich zurückkehrenden jüdischen Selbstbesinnung der Wortschwall dieses von draußen angelernten Uebermenschentums zum Ekel werden, der zwischen einer Herrenmoral für die oberen zehntausend und einer „Sklavenmvral" nnterscheidet! Nicht die übermütigen im Ausnutzen ihrer Macht schivelgenden Syrer, nicht der verblendete König Antiochus Epiphanes besaßen die wahre „Herrenmoral", sondern die unterdrückten Juden, denn sie waren gegenüber jenen Lüstlingen sittlich frei. So ist auch uns heute noch das Anzünden der bescheidenen Lichtlein am Chanukahfeste keine bloße gedankenlose Ceremonie, diese Lichtlein sind lins vielmehr außer der Erinnerung an die Makkabäer auch ein Symbol, ein lenchteildes, unserer eigenen bescheidenen und doch bedeutsamen Rolle im Völkerleben. Ehrfurcht und Demut vor dem Heiligsten, aber auch gerechter Stolz und echte innige Freude über unsere Erhaltung trotz tausendjährigen Druckes zieht an diesen Tagen in die Herzeil der Israeliten auf dem ganzen Erdenrunde ein. Aber auch eine gar schwere und ernste Mahnung bedeutet irns dieses am Tage der Arbeit wie immer gewidmete Fest, an den» wir uns wieder kräftigen und stählen sollen zu dem ewigen Kampfe gegen allerlei Abgötterei, Unreinheit und Gemeinheit, den Israel, das Volk der Bibel fort und fort noch führt und führen wird bis an das Ende der Zeiten, da die idealen Ziele der Einheit aller Menschen im Dienste der Sittlichkeit verwirklicht sein werden. Gar mannigfaltig und wechselnd ist zu allen Zeiten die Maske, die der Feind in diesem Kampfe der „Unreinen mit dem Reinen" annimmt. Auch heute haben tausende und abertausende den patriarchalischen Sitten des Judentums schon so weit den Rücken gekehrt, daß sie uns oft, selbst vor Andersgläubigen, ebenso verhöhnen, wie einst die Abfalls-

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