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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-04 · Heft 49 (4.12.1903) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 des schon im 52. Jahre seines schaffensreichen Lebens Heimgegangenen fand unter außerordentlich großer Teilnahme von Freunden und Berufsgenossen statt. Besonders wohnten ihr viele Mitglieder der hiesigen Gerichte und anderer Behörden und Rechtsanwälte bei. An der Bahre sprachen nach Herrn Rabbiner Dr. Winter, der die Pflichttreue und strenge Rechtlichkeit des Verstorbenen pries, Geheimer Medizinalrat Dr. Erdmann namens der großen Landesloge zu Sachsen und Geheimer Baurat Waldow namens der St. Johannes- Loge zum goldenen Apfel. x. Güttingen, 22. November. In dem gestrigen Sabbatgottesdienst nahm unser Rabbiner Dr. Jacob anknüpfend all die Schlußworte der Prophetenvorlesung (Maleachi 2, 5—7) Gelegenheit, das Andenkell eines Mannes zu feiern, der die Erkenntnis unserer heiligen Schrift außerordentlich gefördert hat. Am 16. November d. I. waren es 100Jahre, daß hier in Göttingen Heinrich Ewald geboren wurde, einer der größten Bibelforscher aller Zeitell. du Mann ebenso groß als Charakter wie als Gelehrter. Schon als 19 jähriger Jüngling verfaßte er ein gelehrtes noch heute nicht völlig veraltetes Werk (die Komposition der Genesis) und widmete sich von da ab länger als ein halbes Jahrhundert der Erforschung des Alten Testaments in lveitestem Umfange. Er war fast gleich groß als Sprachforscher, Exeget, Historiker und Theologe. Er hat den gesamtell Bau der hebräischen Sprache in umfassender Weise und kritisch dargestellt. Seill „Ausführliches Lehrbuch der hebräischen Sprache des alten Bundes" (zuerst 1835) ist die größte Leistung auf diesem Gebiete und noch heute nicht übertroffen oder auch nur erreicht, wenn er auch iu Einzelheiten fehlgriff. Als Schristerklärer („Die poetischen Bücher des alten Bundes" 4 Bde. und „Die Propheten des alten Bundes" 3 Bde.) zeigte er das tiefste Verständnis für den Geist der hebräischen Dichter und insbesondere der Propheten, wie er selbst eine prophetische Natur war. Sein Hauptwerk ist eine ausführliche Geschichte des Volkes Israel, ein durch kritischen Geist, besonneneil historischen Sinn, Würde und Ernst der Haltung wie durch hohe Kunst der Darstellung gleich beivlinderungswürdiges Werk. Ein Erzeugnis seines Alters ist das Werk „Die Lehre der Bibel von Gott (3 Bde.). So hat er die Sprache, die Literatur, die Geschichte und die Lehre der Bibel in Meisterwerken dargestellt. Er hat gezeigt, wie lnan einen unbestechlichen Wahrheitssinn und eine keiner Folgerung aus dem Wege gehende streng wissenschaftliche Kritik mit Ehrfurcht vor der heiligeir Schrift verbiliden könne und müsse. Er war stets davon durchdrungen, daß ihr gegenüber das Wort gilt: „Ziehe deinen Schuh von deinen Füßen, denn der Boden, auf dem du stehst, ist heiliges Erdreich." Die Religion des Alten Testaments war ihm „die wahre Religion", der Gott, der sich tu ihm offenbarte, „der wahre Gott". Er war nicht minder überzeugt, daß jedes Volk, das die in ihm gewiesenen Wege der Wahrheit und Gerechtigkeit verlasse, dem Verderben zueile. Deshalb lvar er als Patriot ein unablässiger Mahner und handelte selbst näch seinen Lehren. Bekanntlich war er einer der „Göttinger Sieben", welche gegen die Aufhebung des hannoverschen Staatsgrundgesetzes durch König Ernst August (1837) protestierten und ihres Amtes entsetzt wurden. Er ging nach Tübingen, wo er vom König von Württemberg das Adelsprädikat erhielt (von dem er aber nie Gebrauch gemacht hat). 1848 wurde er nach Göttingen zurückberufen, wo er noch drei Jahrzehnte eine ausgebreitete wissenschastliche Tätigkeit entfaltete. Als Hannover von Preußen annektiert wurde, verweigerte er den Huldigungseid, legte sein Amt als Professor nieder und wurde ein Führer der Welfenpartei und der beredteste Anwalt der Rechte desselben Königshauses, das ihn einst aus Amt und Stellung vertrieben hatte. — Bei einem eminenten Geiste hatte er das Gemüt eines Kindes. Sein ganzes Leben war nur den höchsten und göttlichen Dingen Angewandt, er war anspruchslos wie ein antiker Weiser. Es versteht sich wie bei jedem Gelehrten von selbst, daß er nicht unfehlbar war und auch manche Jrrtümer begangen hat. Er ließ sich oft von vorgefaßten Theorien leiten und war nicht frei von manchen Wunderlichkeiten. Das Judentum aber hat Grund, ihm dankbar zu sein und sein Andenken zu ehren. Seine Werke wären für unsere studierende theologische Jugend eine fruchtbarere und begeisterndere Lektüre als die mancher neueren, die sich mit Israels Geschichte und heiliger Schrift befaßt und nur schwach einen „wissenschaftlichen Antisemitismus" verhüllen. Er hat es verdient, daß sein Name in einem jüdischen Gotteshause genannt werde, zumal in dem unsrigen. Er war ein Kind unserer Stadt, ihr größter Sohn, wenige Schritte von hier, auf derselben Straße steht das Haus, in deur er lange gelebt hat. Er gehört zu den Frommen der uichtjüdischen Völker, welche nach der Lehre unserer Weisen „Anteil an der zukünftigen Welt" haben. Das Andenken des Gerechten sei zum Segen. — Frankfurt a. M., 24. November. Nach dem nun feststehenden Programm für die Feier des vierhundertjährigen Bestehens des Phil anthropins wird am Donnerstag, den 14. April 1904 vormittags eine akademische Feier stattfinden, der am Nachmittage eine Festausführung, veranstaltet von jetzigen und früheren Schülern und Schülerinnen der Anstalt, folgen wird. Nachfeiern tu Gestalt voll turnerischen Darbietungen geselliger Art werden an den beiden folgenden Tagen geboten werden. Da die Adressen mancher der ehemaligen Schüler trotz eifriger Bemühungen des Adressenausschnsses bisher nicht zu ermitteln waren, so werden diejenigen früheren Zöglinge des Philanthropins, denen aus diesem Grunde bisher eine direkte Mitteilung über das Jubttäum nicht zngekommen ist, gebeten, ihre genauen Adresse an Herrn Direktor Dr. Adler, Frankfurt a. M., Nechneigrabenstraße 16 zu sende»,. g. Frankfurt a. M., 27. November. Ein erschütternder Trauerfall hat heute die weitesten Kreise unserer Gemeinde zum Mitgefühl aufgerufen: Herr Rabbiner Dr. Plaut hat eine Tochter von 21 Jahren nach längerer Krankheit und schwerer Operation in der Klinik zur letzten Ruhe bestattet. Der Mann, der im Laufe von Jahrzehnten Hunderten von Leidtragenden an der Bahre teurer Personen Trost gespendet, er stand da, ein Bild des Jammers, da er nur schwer Herr seines Schmerzes werden konnte. Das natürlich sehr große Trauergeleite war erschüttert, als der gebeugte Vater einen kurzen Abschied an sein geliebtes Kind richtete. „Von einem Kinde, das, um drohender Gefahr zu entrinnen, sein Vaterhaus verläßt, dem aber frohe Rückkehr dahin verheißen wird, erzählt der morgige Wochabschnitt; mein geliebtes Kind hat, um Heilung zu erlangen, ebenfalls vor Wochen sein Vaterhaus verlassen, aber feine frohe Rückkehr sollte ihm beschieden sein!" — „Auf der Jakobsleiter steigen die Engel Gottes auf und nieder . . . Du, mein teures Kind, steigst hinauf in die Nähe des ewigen Vaters, und wir steigen nieder in die Nacht trostlosen Jammers!" — Die Heimgegangene war in weiten Kreisen als ein liebenswürdiges, mit seltenem Reichtum des Geistes und Gemütes ausgestattetes Wesen bekannt. Viele Tausende nehmen an dem Schmerz der Familie des Herrn Dr. Plaut innigsten Anteil, und das möge den Trauernden ein kleiner Trost in ihrem großen Unglück sein! r. Ans Württemberg, im November. In unserem tfeiueu Württemberg tauchen gegenwärtig weltbewegende Fragen auf und sollten in Ihrem geschätzten Blatte doch nicht unberührt bleiben. Sie haben doch selbst diesen Sommer von dein Ableben des Herrn Kommerzienrats und Bankdirektors Benzinger Notiz genommen, und Benzinger lvar doch Mitglied unserer königlichen israelitischen O beckirch en beh örde. Das wäre nun nicht so schlimm, wenn vorübergehend ein Rat fehlen würde. Aber es fehlt schon eine Reihe von Jahren auch Ersatz für ein schon früheres Mitglied dieser Behörde, den verstorbenen Herrn Kommerzienrat Elsas. Und wenn nun gegenwärtig leider auch unser verehrtes theologisches Mitglied Herr Kirchenrat Dr.Kroner wegen eines durch hoffentlich vorübergehendes Leiden verursachten Urlaubs fehlt, so haben wir bald einen behördlichen Wagen ohne die verschiedenen notwendigen Räte. Es gibt doch soviel zu ziehen mit diesem Wagen, so daß es manchem unverständlich ist, daß mall solange aus der Suche nach geeigneten Räten ist. — Auch die Lücke des Sekretariats — durch den Tod Rothschilds — ist noch, offen. Hier gibt es viele Bewerber und wenn man auch meillt, die Spatzen voll den Dächern hätten schon die Besetzung verkündet. so wird doch manche Enttäuschllllg bei der Besetzung eintreten. Aber weshalb haben Sie denil gar nichts von der im August d. I. stattgesundenen Lehrerversammlung in Stuttgart gebracht? Es war freilich wenig Stoff zum Referieren. Denn es lvurde nur ein einziger Gegenstand behandelt, nänllich die Statutenänderung nach fast einem halben Jahrhundert. Aber diese wurde dafür desto gründlicher und ernster genommen, unter der rührigen Leitung des stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Preßburger-Creglingen. Wenn auch die Verhandlung die zahlreich erschienenell Kollegen stark in Anspruch nahm, so war es doch wohltuend, daß diesmal die schon so oft vorgebrachten und selbstverschuldeten Schmerzensrufe einiger Mitglieder unterbliebell sind. Es sind ja gottlob auch rrur immer die gleichen Kollegen, die nie zufrieden werden und denen gar nichts recht gemacht werden kanll. Um für solche Leute die Kastanien aus dem

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