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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-04 · Heft 49 (4.12.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Feuer zu holen, ist der Verein doch zu erhaben. Der Vorstand dürfte mit allen Mitteln dafür eintreten, daß die Zeit und die Kraft der Versammlung für bessere Zwecke verwendet wird, damit nicht ein Teil der ehrenwerten Mitglieder die Konferenzen absichtlich versäumt. Auffallend war es uns, daß wir diesmal niemand von den ehrenwerten gewohnten Gästen bei der Versaunnlung sehen durften; dagegen wurden wir erstmals durch den Besuch des Herrn Dr. Fiegel, Vorsitzender des Deutsch-Israelitischen Lehrervereins, beehrt. — lieber die Besetzung obiger Stellen hoffe ich Ihnen recht bald referieren 511 können. t. München, 21. November. Ein jüdisches Blatt bringt die sonderbare Mitteilung, daß gegenwärtig ein jüdischer Oberst in der bayerischen Armee Generalmajor geworden sei, ja sogar daß sein Sohn Major und Hofmarschall des Prinzen Arnulf von Bayern sei. In der Linie der bayerischem: Armee dient seit einigen Jahren — seit zwei jüdische Offiziere sich haben taufen lassen und zwei andere als Hauptleute tu Pension gegangen sind — k ein einziger jüdischer Offizier mehr, kein Leutnant, kein Oberst und kein General. Die beidett in Pension gegangenen Hauptleute sind der Hauptmann Marx, Sohn des ehemaligen Majors Marx und Hauptmann Hollerbaum. Der Sohn eines jüdischen Generals ist aber unt so wettiger Hosmarschall des Prinzett Arnulf von Bayern, als der Prinz Arnulf von Bayertt wohl einen persönlichen Adjutanten in der Person des Majors ä ln suite des Generalstabs Pflautn, aber überhaupt sonst keinen Hofmarschall hat. In der Reserve und Landwehr der bayerischen Armee dienen dagegen allerdings vielfach Juden als Offiziere. — In der letzten Sitzung der Akademie der Wissenschaften gab der Präsident, Geheimer Rat Dr. Zittel, bekannt, daß Albert Saut sott-Brüssel, ein deutscher Staatsangehöriger, geboren 1837 in Berliu, der anfänglich im väterlichen Bankhause tätig war und sich dann wissenschaftlichen Studien zuwandte und ausgedehnte Reisen unternahm, der Münchener Akademie durch seilt dort hinterlegtes Testament eine Stiftung int Betrage von einer halben Million Mark als Zufluß ztt deren Verntögen zugewandt habe. Der Zweck der Stiftung besteht vor allem in der wissenschaftlichen Erforschung der Moral des einzelnen Menschen und der gesellschaftlichen Moral, der geschichtlichen Entwicklung der Moral, der einzelnen Moralgesetze und der maßgebenden Einflüsse. > Gesterreich-Angsrn. □ Wien, 30. November. Was ausländische Mtramoutane sich hier in Oesterreich gegen einheimische Juden erlauben dürfen, das zeigt Jhtten aut besten ein Bericht über die Rede, die der bayrische Dom« kapitular und Abgeordnete Dr. Schädler hier am 15. d. M. gehalten hat. Er sagte u. a.: „Heute allerdings kann man hier das Kreuzzeichen und das Ave Maria in der Schtlle nicht mehr verbieten, dank dem vielgehaßtett aber attch so vielgeliebten Bürgermeister Dr. Lueger (stürmischer Beifall), der Wien atts detn orientalischen Sumpf herausgerissen und zu eittem Bollwerk des Christentums gemacht hat." Wenn das Krenzzeichett in Wien jemals verboten war — was uns nicht bekannt ist — so ging das Verbot sicher nicht von Judett aus. Ferner sagt Redner: „Katholische Eltern müssen ihre Kinder aber katholisch erziehen und deshalb auch von der Schule die katholische Erziehung der Kinder verlangen, wie wir auch den Protestanten das Recht geben, ihre Kinder protestantisch zu erziehen und ebenso den Juden, ihre Kinder jüdisch zu erziehen, solange als uns Neu-Zion nicht ganz von ihnen befreit hat. je eher desto besser." (Große Heiterkeit!> — Das ist aber alles nichts gegen unsere einheimischen Antisemiten. Die bringen folgende Mitteilung unter der aufsehenerregenden Spitzmarke: Ein von Juden geraubtes „Judenmädchen". Wie der „Przedswit" meldet, ist die 18jährige Sarah Ehrlich aus ihrem Eeternhause in Rawa in Begleitung eines christlichen jungen Mannes entflohen und nachLem^ berg gekommen, lvo sie in dem Kloster der Albertinerinnen ein Asyl fand und sich für den Uebertritt zum Christentum vorbereitete. Als sie nutt hier gestern in Begleitung einer Laienschwester durch die Kleparoar-Straße ging, tvurde sie plötzlich von eittem Haufen Juden überfallen und trotz ihrer heftigen Gegenwehr und ungeachtet ihrer verzweifelten Hilferufe gewaltsam fortgeschleppt. Wohin die Juden das geraubte Mädchen gebracht haben, konnte bis jetzt nicht ausgeforscht werden, obwohl die Polizei die eifrigsten Nachsuchungen vornehmen ließ." Sollte rrtan das für glaublich halten, daß Eltern, die ihr Kind zurück haben wollen, des Raubes beschuldigt werden? -+■ Zum Rabbiner in Nikolsburg ist Dr. M. Lewin aus Malaczka in Ungarn einstimmig gewählt worden. Von Sah und Sern. Der frühere antisemitische Reichstagsabgeordltete Wilhelm Pickenbach ist am 26. d. M. gestorben. Der Name Pickenbach erinnert an die wildesten Zeiten der Berliner Belveguttg aus dem Anfang der achtziger Jahre. Pickenbach war eilte Zettlaug Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung und tvurde 1890 für Gießen in beit Reichstag gewählt. Im letzten Jahrzehnt ist er öffentlich kaunt noch hervorgetretett. Er war der Begründer und erster Vorsitzende des „Deutschen Antisemiten-Bundes". — Das Fest der goldenen Hochzeit feierte am 22. d. M. das Kantor Leopold Co hutsche Ehepaar in Frei enwa lde. Herr Cohn ist seit 40 Jahren in Freienwalde a. O. ansässig und hat in dieser laugen Zeit das Urnt des Lehrers der Synagogeltgemeinde mit großer Pflichttreue verwaltet. — Anläßlich seiner Silberhochzeit wurde Herr Julius Goldschmidt in Berlin, Generalvertreter der Königlichen Salinen zu Lüneburg, zum Ehrenmitgliede der jüdischen Gemeinde in Filehne ernannt. — Das Fest der diamantenen Hochzeit feierte in Lobsens am 24. d. M. das Rentier Caspar Behr'sche Ehepaar. Der Bürgeruteister Genschmer an der Spitze des Magistrats ttttb der Stadtverordneten überreichte mit einer Ansprache die vom Kaiser verliehene Ehejubiläumsmedaille und verlas das Glückwunschschreiben aus dem Civilkabiuett. Der Beerdiguttgsverein schenkte eilte silberne Bowle und der Frauenvereitt ein künstlerisch hergestelltes Diplom. — In Breslau ist am 23. v. M. der Geh. Sanitätsrat Dr. Sigismund Caro, eilt vielbeschästigter? Frauenarzt, gestorben. Dem Vorstande der Synagogengemeinde hat er seit Anfang 1900 angehört, ebenso dem Vorstände des jüdischen Schwesternheims seit dessen Begründung. — Jlt Elberfeld wurde bei der Stadtverordltetenwahl zum erstenmal ein Jude gewählt, und zwar der allgemein geachtete und beliebte Vorsteher der Synagogengemeinde Max Simon. — In Solingen feierte der Chef der Firtlta Alexander Coppel, Kommerzienrat Gltstav Coppel, den Tag, an welchem er vor fünfzig Jahren in das Geschäft seines Vaters eingetreten war.- Aus diesem Anlaß stiftete er den Betrag von 20 000 Mark zu einer Unterstützutigskasse für Arbeiter und Angehörige der Firma, außerdem wurden verschiedene Vereine mit Geldspenden von insgesamt 5000 Mark bedacht. Dem Jubilar, der langjähriger Beigeordneter des Magistrats und Aeltester der hiesigen Synagogen-- gemeinde ist, wurden zahlreiche Glückwünsche dargebracht. — Die Straskammer des Landgerichts München hat die Beschwerde des Bildhauers Osterrieder gegen die Beschlagttahme der sogenannten „Künstler-Postkarte" mit dem „Ritualmorde" des „heiliget:" Simott von Trient abgewiesen und zwar, wie es in der Motivierung heißt, deshalb, weit der Prospekt, mit dem die Postkarte beit Händlern angeboten wurde, auf ihre antisemitische Tendenz (Ritualmord) Hinweise. — Der Gemeinderat in Mülhausen hat mit 15 gegen 14 Stimmen [tt einer seiner letzten Sitzungen 4000 Mark, für die israelitische Gewerbeschule bewilligt. — Der französische Justizminister Valle hat die ihm vom Kriegsminister Angestellten, auf das Revisionsgesuch des Hauptmanns Dreysus bezüglichen Akten einer Prüfung unterzogen und sie daraus der im Justizministerium besteheudett Kommission überlviesen, welche über die Zulässigkeit des Revisionsgesuches zu befinden hat. — Wie aus London gemeldet wird, ist dort Direktor Siegmuud Loewe, ein Bruder des Kommerzienrats Isidor Loewe, infolge ,eines Unfalles bei einer Automobilfahrt gestorben. Siegmund Loewe war Direktor und Teilhaber einer der größten ettglischeu Fabriken zur Herstellung von Pauzertürmett, Geschützen und Werften. Er war Teilhaber der Firma Vickers & Maxim. Der Verstorbene war uttverheiratet und stand im 48. Lebensjahre. — Wie ein runtänisches Blatt meldet, soll demnächst die rumänische Regierung den: Parlamente eine Vorlage unterbreiten, betreffs Naturalisierung von 40000 rumänischen Juden, die in Rumänien geboren und der Militärpflicht nachgekommen sind. Sollte etwa wieder eine Anleihe im Werke sein! — Frl. Jessica Peixotto ist als Lector für Soziologie an der Universität von Kalifornien bestätigt worden. — Die Expedition, welche laut Beschluß des VI. Baseler Zionistenkongresses nach Ostafrika ausgerüstet werden soll, wird im Dezember die Reise antreten. Sie wird aus süuszehn Mantt bestehen, darunter vier deutsche Gelehrte. Das Angebot der südafrikanischen Zionisten, an dieser Expedition teilzunehmen, wurde, wie es heißt vom großen Aktionskomitee abgelehnt. *

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