Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228577--60396-3296985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rücksicht, auf die Zahl der Teilnehmer beschlußfähig." Sodann nimmt der Vorsitzende, Herr Rektor Dr. Gutmann das Wort zu seinem Vortrage: „Wünsche und notwendige Aufgaben auf dem Gebiete des Religionsunterrichts." Der Vortragende geht davoil aus. daß über Zweck, Ziel, Stoffauswahl und Methode der religiösen Disziplinen noch vielfach Unsicherheit herrsche, da sie teilweise erst'seit kurzem als Unterrichtsfächer auftreten und überhaupt Religions- und jüdische Volksschulen Neuerscheinungen sind, und spricht den Wunsch ans, daß der Verein durch gemeinsame Arbeit dazu beitrage, die religionsunterrichtliche Tätigkeit zu fördern. Auf die einzelnen Disziplinen eingehend, führt der Redner etwa folgendes aus: Im biblischen Geschichtsunterricht ist noch die Frage zu beantworten, ob die Erzählungell durch sich selbst wirken sollell oder ob die in ihnen ellthaltenen Lehren erst noch besonders 31t entwickeln seien; ob sie schon der ersten Stufe zu bieten sind; wie die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen zu verwerten finb, damit späteren Zweiseln vorgebeugt werde. Es wird eine Samullung von Midraschinl und Aggadoth für wünschellswert erklärt, welche die spätere Umdeutuug der Erzählungen durch den israelitischen Volksgeist zeigt. — Beim Bibel lesen ist zu fragen, wo und in welchem Umfange es auszutreten habe, und wie es dem biblischen Geschichtsunterricht anzugliedern sei. Hier ist eine Sammlung von Monographien zu schaffen, die die Lebellsgeschichte der bedeutendsten Schriftpropheten, die zusammenhängende Darstellung ihrer Ideen und religiösen Entwicklung sowie den Gedankengehalt der lehrhaften Schriften enthält. — Für die nachbiblische Geschichte fehlen Hilfsmittel, die für Volksschulen die äußere Geschichte Israels unter den Völkern in kulturgeschichtlichen und Lebensbildern, für höhere Schulen eine geschickte Probeauswahl aus den für die religiöse Entwicklung wichtigen Schriften enthalten und so den Entwicklungsgang der religiösen Ideen darstellen. Eine besondere Berücksichtigung verlangt der Vortragende für die religiöse Entwicklung seit Mendelssohn. In: Hebräischen wird eine Zwischenstufe zwischen Fibel und Gebetbuch gefordert, die als besonderes Buch oder als Anhang zur Fibel mit Rücksicht auf Formen und Wortschatz des Siddur zusammengestellt ist und, vom Leichteren zum Schwereren fortschreitend, dnrch kleinere Sätze das Verständnis der Gebete vorbereitet. Als Hilfsmittel für die inhaltliche Behandlung derselben wird Apolauts „Einführung" gewürdigt. Für vorteilhaft hält der Vortragende eine Darstellung der allmählichen Entstehung des Gebetbuches, die dazu dienen könnte, das bessere Verständnis unserer Gebete zu fördern. — Im systematischen Religionsunterricht wird für die Sittenlehre auf Josephs Buch „Zur jüdischen Sittenlehre" hingewiesen; für die Glaubenslehre ist zu zeigen, wie sie an das Bibellesen zu knüpfen sei. Zunächst aber steht die wissenschaftliche Behandlung der leitenden Ideen des Judentums aus. Da der Vortrag in der nächsten Nummer des „Wegweisers für den jüdischen Religionsunterricht" vollständig zum Abdruck kommen soll, so sei noch darauf verwiesen. Die ordentliche Generalversammlung der Vereinigung findet am 5. n. M. in der Königstraße 29 abends 8V2 Uhr statt. 8. Berlin, 29. November. Der von der Wohltätigkeitsvereinigung jüdischer Frauen und Mädchen „Judas-Töchter" zu Gunsten feiner Unterstützungskasse veranstaltete Vortragsabend fand heute abend im Saale des Langenbeck-Hauies statt. Unter Mitwirkung hervorragender künstlerischer Kräfte, wie Frau Lieban-Globig. Fräulein Hedwig Nicheer, Fräulein Coryn, Herr I. Cotta sowie Herrn Schriftsteller Halls Land u. a. nahm derselbe einen glänzenden Verlauf; es wurde vieles und gutes geboten, das von dem überaus zahlreichen Auditorium mit großer Befriedigung anerkannt wurde. Möge der Ueberschuß im Interesse der guten Sache ein recht reichlicher sein! I. Graudenz, 25. November. Am 22. d. M. fand die feierliche Einweihung des israelitischen Waisenhauses für die Provinz West Preußen hier statt. Der in Gralldenz 1896 verstorbene Stadtrat Herr Casper Lachmann hatte bekanntlich feine hiesige Besitzung nebst einem größeren Kapitalfonds zu Zweckell einer milden Stiftung hinterlasseu, welche dank der Bemühungen des verstorbellen Gustav Davidsohn von den Testamentsvollstreckern für die Gründung eines israelitischen Provinzialwaisenhauses bestimmt wurde. Die hierfür entworfenen Statuten bestimmten Danzig als Sitz der Stiftung und übertrugen die Verwaltung eillem aus Abgeordneten der westpreußischen Synagogengemeinden zusammengesetzten Kuratorium, dessen Vorsitz der jeweilige Vorsitzende der Danziger Synagogengemeinde inne hat. Nachdem die Statuten am 19. März 1900. die allerhöchste Genehmigung erhalten hatten, wurde eifrig von Danzig aus die Erhöhuug des unzureichenden Kapitalfonds durch Sammlung von Beiträgen in Angriff genommen, die auch in entsprechendem Maße aus der Provinz selbst wie von ehemaligen Provinzangehörigen eingiugen. Alsdann wurde der Umbau und die Einrichtung der Grundstücke in Graudenz zu Zwecken des Waisenhauses durchgeführt. Im April dieses Jahres konnte bereits die Aufnahme von Waisenkindern erfolgen, und die einstweilen vorgesehenen zwanzig Plätze waren sehr bald fast vollzählig besetzt. Eine damals geplante größere Einweihungsfeier wurde durch mannigfache Hindernisse verschoben und zuletzt durch den plötzlichen Tod Gustav Davidsohns vereitelt. Das Kuratorrum des Walsenhauses hatte deshalb die Einweihungsfeierlichfetten am Sonntag auf ben gottesdienstlichen Teil beschränkt und nur an die Synagogengemeindell und die Spender von Beiträgen Einladungen ergehen lassen. Dennoch füllte eine aus der ganzen Provinz beschickte allsehnliche Festversammlung die Räulne der schönen Waisenhaussyuagoge, in welcher vormittags llVa Uhr die Feier stattfand. Nach einem von Herrn Victorius-Graudenz gespielten Präludium und dem Gesang der Waisenkinder gab Herr Rechtsanwalt Behrendt- Danzig, der derzeitige Vorsitzende der Verwaltung, tu eindrucksvollen Worten eine Uebersicht über die Entwicklung der Stiftung, legte die Grundsätze dar, nach welchen das Haus und die Erziehung der Zöglinge geleitet werden sollte, und schloß mit der eindringlichen Mahnung, daß die edlen Wohltäter, auf deren Hilfe die Stiftung auch weiterhin angewiesen sei, ihr Interesse der Anstalt allzeit erhalten und bekunden möchten. Nach dem Vortrage eines Predigtliedes durch die Waisenkinder hielt dann der Ortsrabbiner, Herr Dr. Loewy-Graudenz, die Weiherede, an welche sich das Seelengedächtnis für die verstorbenen Stifter anschloß. Mit der Rezitiernng des Totengebetes durch die Waisenkinder und einem Postludium fand die Feier, die auf alle Teilnehmer ben tiefsten Eindruck machte, ein besonders ergreifendes Ende. Daran schloß sich unter Führung des Kuratoriums die Besichtigung der Anstalt durch die Festgäste. Die herrlichen Räume, sowie ihre praktische und fürsorgliche Einrichtung, die ganz besonders ein Werk der eifrigen Tätigkeit des Herrn Kadisch-Danzig ist, riefen allgemeine Bewunderung hervor, und das vorzügliche Aussehen und gesittete Auftreten der Waisenkinder lieferte den besten Beweis dafür, daß die Stiftung sich in guten Händen befindet und die voll der Verwaltung eingeschlagene Methode sich bewähren wird. Möge es der Anstalt dank der regen Anteilnahme edler Wohltäter vergönnt sein, allezeit ihre segellsreiche Bestimmung in hervorragelldem Maße erfüllen zu dürfen. x. Liffa, 29. November. Am heutigen Tage verstarb hierselbst der durch seine Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und Redegabe bekannte Rabbiner M. W re schn er im Alter von 82 Jahren. Nachdem er längere Zeit hindurch das Rabbineramt in Lublinitz bekleidet hatte, übernahnl er die Klausrabbinerstelle an der Abraham, Jol und Bertha Sächsischen Stiftung in hiesiger Gemeinde, und hat diesem Amte viele Jahre hindurch treu und mit Fleiß vorgestanden. Eine nicht geringe Zahl von Schülern ist voll ihm für das rabbinische StudillNl vorbereitet worden. Sein Andenken wird nicf)t mir bei ihnen, sondern bei allen die, ihll kannten, in Ehren bleiben. u. Dresden, 23. November. Unter zahlreicher Beteiligung wurde gestern Landgerichtsrat Juftizrat Johannes Meyer aus denr israelitilchen Friedhofe an der hiesigell Trinitatisstraße zur letzten Ruhe bestattet. Es war dies die erste Beerdigungsfeier itt der erst kürzlich umgebanten und bedeutend vergrößertell Friedhofshalle. Der Verstorbene, ein Sohn des bei vielen alten Dresdener noch in guter Erinlleruug stehenden Kommerzienrat Joseph Meyer, Begründers des Geschäftes „au petit bazar“ am hiesigen Neumarkte, gehörte seit etnev langen Reihe von Jahren dem Königlichen Landgerichte zu Dresden als Richter a»l. Er war meist, häufig auch als Vorsitzender von Straskammern, in Strafsachen tätig und erfreute sich wegen seiner beruflichen Tätigkeit und vorzüglichen Charaktereigenschaften allgenleiner Wertschätzung und Beliebtheit. Auch für gemeinnützige ulld wohltätige Zwecke hatte er jederzeit offenes Herz und offene Hand. Vor wenigen Wochen wurde er zum Schwurgerichtspräsidenten für die nächste Schwurgerichtsperiode in Chenlllitz ernannt. Als er sich zur Vorbereitung für diese Tätigkeit nach Chemnitz begeben hatte, ereilte ihn dort im Hotel, fern von den Seinell, plötzlich und unewartet ein einsamer Tod infolge Schlagflnsfes. Die Beerdigung