Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 587 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228577--60393-3296982- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
587 vor Schrecken tief erblaßt und reichte dem gleichfalls vor Aufregung zitternden Philipp dankend die Hand. Das ganze Personal eilte herbei und drückte seine Freude über das glücklich verhütete Unheil aus. Im N» verbreitete sich im ganzen Bazar die Nachricht von irgend einem Unglück, welches den einzigen Sohn des Chefs betroffen haben sollte, und so erfuhr auch Herr Berger selbst davon. Er eilte entsetzt in die Expedition, sah jedoch mit unaussprechlicher Freude seinen Sohn unverletzt sund nmnter daherkomrnen. „Lieber Vater," sagte er lächelnd, „beinahe wäre ein Unglück passiert, ich war zu vorwitzig." Der Vater ließ sich den Vorfall erzählen und erbleichte, als er an die Gefahr dachte, in der sein Sohn geschwebt. Bei dem Bericht über die Rettung rief er Philipp, der wieder bei seiner Beschäftigung war, zu sich und sagte, ihn umarmend: „Ich danke Dir mein Sohn. Du hast uns vor unsäglichem Leid bewahrt und ich werde Dir dankbar sein. Du gehörst jetzt zu meiner Familie." Philipp stammelte vertvirrt einige Worte und eilte >veg. Nun aber forschte Herr Berger nach dem Nachlässigen, der das Geländer offen gelaffen. Der Schuldige, ein junger Bursche, hatte sich einen Augenblick entfernt, um Vesperbrot zu holen und gedacht, für den Moment sei keine Aufsicht nötig. Herr Berger wollte ihi» sofort entlassen, aber auf das inständige Bitten Heinrichs, der sich allein die Schuld zuschrieb, wurde er nur einer anderen Abteilung zugewiesen. „Nun will ich aber nach Hause eilen, damit Mutter die Nachricht von meiner glücklichen Rettung zuerst von mir erfährt." So geschah es. Die Freude der Mutter äußerte sich so leidenschastlich, >vie der Ausdruck der Dankbarkeit, die sie dem jugendlichen Retter ihres Sohnes schuldig sei. Abends war die Familie Kühl wieder beisammen und unterhielt sich lebhaft über die Ereignisse des Tages, als sich die Tür öffnete und Herr Berger mit seinem Sohn eintrat. Die Leute sprangen verwirrt auf, Herr Berger sagte freundlich, er »volle Philipp und seine Eltern sprechen. Die Töchter und Söhne verschwanden in die Küche. Herr Berger wandte sich an Philipp: „Ich habe Dich schoir längere Zeit beobachtet und Deinen Fleiß und Eifer wohl bemerkt. Heute bist Du aber auch uuserm Herzen näher getreten, und meine Dankbarkeit soll Dir Deine Zukunft sichern. Wähle Dir eine höhere Laufbahn." Philipp zitterte und konnte kein Wort sprechen. „Herr Kühl, helfen Sie mir. Wie hat sich denn Philipp seine Zukunft gedacht, will er immer kleiner Arbeiter bleiben?" „Ach Herr Berger, er will immer lesen, immer studieren. Wenn er Zeit hat, rechnet und zeichnet er, er ist ganz aus der Art geschlagen." Herr Berger lächelte. „Philipp, willst Du denn immer die Pakete in meiner Expedition zählen, sprich doch!" Heinrich halte unterdessen in herumliegenden Hefte» gestöbert und rief plötzlich: '„Sieh Vater, lvelch saubere Maschinenzeichnungen." Herr Berger nahm das Heft. „Philipp, hast Du dies gezeichnet?" „Ja, Herr!" „Interessiert Dich denn das Maschinenfach?" „O, ich möchte den ganzen Tag daran herumstudieren." „Hättest Du denn Neigung, Techniker zu werde»:?" „Das ist mein einziger Wunsch, dazu ist aber ineine Vorbildung zu mangelhast." Sein Vater unterbrach ihn. „Seitdem er aus der Schule ist, besucht er die Fortbildungsschule, und die versäumte er niemals, und rvenn er noch so müde aus dem Geschäft kain." Heinrich, der voller Teilnahme zugehört, zupfte seinen Baker am Arm. „Vater, er kann das alles nachholen." Sein Vater nickte ihm zu. „Philipp, Du bist von jetzt an aus »»»einem Geschäfte entlassen. Wir »vollen Dich zun» tüchtigen Techniker heranbilden und »verden »norgen überlegen, »vie Dn Dein Studirrin beginnst." Er »vandte sich zun» alten Kühl und sagte freundlich: „Also von »norgen an ist Philipp »vicder Schüler. Da er Sie aber bis jetzt von seinem Verdienst unterstützt hat, soll er dies auch ferner mit dein gleichen Betrage tun. Es »vird Sie doch ailch freuen, daß aus Ihren» Sohn ein tüchtiger Mensch gemacht wird, auf den Sie einst stolz sei»» werden." Das Ehepaar Kühl sah ihn freudestrahlend an. „Wie können »vir Ihnen danken, »vas Sie für uns lnn, Herr Berger." „Na lassen »vir das. Heinrich »vird Dir morgen »veiteren Bescheid geben, Philipp. Gute Nacht." (Forts. folgt.» Literarische Mitteilungen. ----- Pädagogische Briefe von Professor Dr. M. Lazarus. Mit einem Vorwort, herausgegeben von Dr. Alfred Leicht, Breslau, Schlesische Verlagsanstalt von S. Schottlaender. 1903. Schon beim ersten Erscheinen des „Leben der Seele" hob die Kritik die in diese klassische Psychologie für Gebildete eingestreuten pädagogischen Bemerkungen hervor. Lazarus' reiche Lehrtätigkeit sowohl wie fein schriftstellerisches Wirken war von Anbeginn der Erziehung gewidmet, die er immer aus dem Gesichtspunkte der Volkserziehung betrachtet. Der Erziehung des Heranwachsenden Geschlechts galt sein Sorgen ebenso wie der Belehrung und Aufklärung der Erwachsenen. So ist er. den Fortlage schon vor nahezu 50 Jahren wegen seiner lichtvollen Monographien, deren erste Bildung und Wissenschaft behandelt, mit Sokrates verglich und dessen „erzieherisches Gemüt" der Herbartianer Griepenkerl, fein Lehrer in Vraunschweig. schon in dem jungen Gymnasiasten erkannte, ein Lehrer des deutschen Volkes geworden. Pädagogik las er au der Universität mit Vorliebe, ihrem Gebiete entnahm er gern die Themen zu seinen öffentlichen Vorträgen. Nur so rnehr muh es als eine Lücke (in Lazarus' Schrifteil) betrachtet werden, daß — von einem Vortrag in „Nord und Süd" abgesehen — keine pädagogische Arbeit voll ihnr erschienen ist. In dieser Erkenntnis lvählte Dr. Leicht, den die Vorarbeiten zu einer Lazarus-Biographie nach Meran führten, aus den dortigen reichen literarischen Schätzen die pädagogischen Briefe aus. itm sie als Geburtstagsgabe zum 15. September zu bieten. Die Briefe sind für jeden Gebildeten geschrieben, nicht nur für den eigeirtlichen Lehrstand, denn Erziehuugssragen beschäftigen jedermann. Sie zeigen die Verbindung von edler Popularität und eindringender Tiefe des Denkens, die alle Schriften Lazarus' auszeichlket. Ueber die Aufgabe der Briefe, idealistische Stimmung zu wecken, spricht er sich im ersten derselben aus, der an den Herausgeber der „Wiener Allgemeinen Zeitung" gerichtet ist, in welcher sie zum gröhten Teile früher erschienen fiub. Fünf Briefe behandeln im wesentlichen die Staatserziehung und Schulverwaltung. Sie find an den verstorbenen Gesandten Freiherrn von Spitzemberg, nächst Steinthal dem bestell Freund von Lazarus, und an zwei Schulleiter gerichtet. Schon im „Leben der Seele" hat Lazarus nachdrücklich auf die Bildung des öffentlichen Geistes als eine Pflicht der Staatserziehuug hingewiesen. Was der berühmte Völkerpsychologe über dieses Kapitel in seinen Briefen sagt, stellt sich dem besten zur Seite, was er hinterlassen hat. Die folgenden drei Briese über die Dauer der Schulzeit, das achte Schuljahr und die obligatorische Fortbildungsschule wenden sich an ein Mitglied des Abgeordnetenhauses und enthalten für die Volksschule neue, fruchtbare Gedanken. Der letzte Brief an eine Dame behandelt das Wesen der Erziehung, insbesondere im