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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-04 · Heft 49 (4.12.1903) · p. Seite 585

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
Seite 585 (sequence 11)
Language
German
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585 vorgekommen, er brachte mirS, als er's geschrieben hatte, weil er mir. alS einem bekannten Franzosen - Nichtfreunde einen Gefallen damit zu tun glaubte. Ich nahm deswegen, um ihn zu überraschen, die Parthey der Sprache, und was er zur Verteidigung seiner Meynung beybrachte, lief auf nichts heraus; ivaS er wußte, war schon in dem Buche gedruckt." Bon Heidelberg aus soll Michaelis nach Tübingen zu Cotta gegangen sein und an seinen Blättern Beschäftigung und Anstellung gefunden haben. Ist diese Nachricht richtig'), so würde Schillers glücklicherer christlicher Verleger dem unglücklichen jüdischen die Hand zur Stütze geboten haben. III. In Weimar lebten wenig Juden, hauptsächlich die Familie Elkan. „Der Jude Elkan, der mit manchem Rest läuft", wie Goethe in der ersten Fassung seines Gedichtes „auf Miedings Tod" sang-), war auch einmal Schillers Lieferant. Er hatte, wie dieser seinem Schwager Wvlzogen schrieb^), Frau v. Stein Tuchproben gegeben; Schiller bestellte fünf Ellen der einen Probe. Ein anderer Weimarer Jude, Gabriel Ullmann — er ebenso wie Elkan, der Begründer eines zahlreichen und vornehmen Geschlechts — war sein Bankier Goeschen gegenüber.-«) Schon ehe Schiller seinen dauernden Aufenthalt in Weimar genommen hatte, war Cotta sein ständiger Verleger geworden. Bei ihm erschienen bekanntlich die ferneren vier Jahrgänge der Zeitschrist „die Horen", auf die Autor und Verleger die größten Hoffnungen gesetzt hatten, welche sich freilich nicht verwirklichten. Am Musenalmanach beteiligten sich jüdische Autoren nichts an der Zeitschrift dagegen waren zwei Judeir als Mitarbeitertätig: Bendavid und Salomon Maimon. Von der Korrespondenz mit ihnen hat sich freilich nichts erhalten. Der erster« steuerte zu den Horen den Aufsatz „Ueber griechische und gotische Baukunst" bei. Er hatte gewiß aus seine Anfrage einen zusagenden Brief erhalten, bei der großen Unordnung aber, die bei Bendavid herrschte, dessen Nachlaß, in dem Zunzschen aufbewahrt, nur sehr geringe Bruchstücke seines gewiß großen literarischen Verkehrs enthält, ist dieser Brief mit so vielen übrigen verloren. Er erhielt ein Exemplar des Heftes und ein Honorar von vier Louisdors?) Salomon Maimon war Schiller schon bekannt, ehe er seine Zeitschrift herausgab. Er hatte des jüdischen Philosophen „Streifereien in das Gebiet der Philosophie" gelesen und „viel Vortreffliches darin gefunden." °) Daher wurde er bei der Begründung der Horen unter denen genannt, die eine Aufforderung zur Mitarbeit erhalten sollten, eine Ehre, die bekanntlich nicht übermäßig vielen deutschen Autoren zu teil wurde. Wirklich sandte er eine Abhandlung über den Schönheitsbegriff ein, die Schiller als lesenswert charakterisierte und bei einer Reise nach Weimar ‘) Ich habe mich a» das Cotta'sche Archiv in Stuttgart um Aus kauft gewandt, und auch die Antwort erhalten, daß nur ein Brief von Michaelis au Cotta sich erhalten hat. Ueber dessen Veröffentlichung ist bereits verfügt, so daß mir der Inhalt nicht niitgeteilt werden konnte. ") Vergl. meine Vorträge und Versuche, Dresden 1890, S. 218. A»m. daselbst S. 266. ::) 27. Juni 1797, Briese ed. Jonas V, 209. 4) A. a. O. III. 100, 131, 28. September 1790, 28. Januar 1791. 5) Beides ging ihm ivohl direkt durch die Cotta'sche Buchhandlung zu. Vergl. Schillers Briese 9. Anglist, 7. September 1795, 19. Februar, 16. November 1796. Briefe IV, 232, 252, 422, 510. Aus der letzteren Stelle sieht man. daß sich die Sendung ungebührlich lange verzögerte. °) An Körner 17. Juli 1793, Briese III. 345. Goethe mitbringen wollte.') Sie wurde aber, trotzdem Goethe ein freundliches Wort für sie einlegte, nicht in die Horen ausgenommen. Maimon und Bendavid gehörten, wenn auch nicht dauernd, dem Kreise der Berliner Aufklärer an; auch ein Dritter dieser Aufklärer, Markus Herz, wird gelegentlich bei Schiller erwähnt, freilich nur einmal als Arzt Wilhelm v. Humboldts?) Das Haupt der Aufklärer, Moses Mendelssohn, war zu früh gestorben, als daß Schiller mit ihin in irgend welche persönliche Beziehungen hätte kommen können. Daß dieser indessen manche Schrift des jüdischen Weltweisen las, wird anch in den Briefen mehrfach bezeugt. Schon 1782 nannte er Mendelssohns philosophische Schriften unter seinen Desideraten; er bestellteste aufs neue zehn Jahre später?) Für die Lektüre und Benutzung der Mendelssohnschen Schriften weit wichtiger als diese wenigen Briesnotizen sind die aus den Quellen geschöpften Mitteilungen der Biographen und Schillers ästhetisch philosophische Schriften selbst. In seiner Jugend hatte er durch Abels Unterricht Mendelssohnsche Lehren gehört, vielleicht anch geradezu eine oder die andere Schrift gelesen?) In seinen philosophischen Schriften nannte Schiller Mendelssohns Namen mehrfach oder erwähnte seine Gedanken. In der „Philosophie der Physiologie" (1780) wird er unter den „großen Denkern" genannt, „die das Instrument ihres Verstandes verstimmt haben, daß es keinen rechten Laut mehr von sich gibt." In dem „Versuch über deu Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" (1780) wird in dem Satz: „Mehrere Philosophen haben behauptet, daß der Körper gleichsam der Kerker sei", an einen Ausspruch Atendelssohns im „Phädon" gedacht und die Fortsetzung dieser Stelle schwebt vor, wo in derselben Abhandlung von der „Verachtung" gesprochen wird, „mit der der Geist auf die Bewegung seines Geführten herabsieht." In dem Aufsatz „über Anmut und Würde" wird die Mendelssohnsche Ansicht bekämpft, daß die Schönheit der erscheinenden oder nachgeahmten Bewegung zur Anmut gehöre; in dem Fragmente: „Kaüias über die Schönheit" wird Mendelssohn „unter der ganzen Schar der Vollkommenheitsmänner genannt, die das Schöne rational objektiv erklären." Trotz solcher Ausdrücke, die nicht immer ganz frei von Spott und Mißachtung sind, hat Schiller gar manches aus den Anschauungen des jüdischen Weltweiseu geschöpft, besonders die Theorie des Naiven, wie der neueste Bearbeiter dieses Themas angibt, h Tritt schon in dieser verhältnismäßig seltenen Erwähnung des Namens Mendelssohn ein Gegensatz gegen Goethe hervor, der Mendelssohn besucht haben soll und einzelnen seiner Schriften große Aufmerksamkeit zuwandte °), so zeigte sich dieser Gegensatz noch deutlicher in der Stellung beider Männer zu Spinoza. Während nämlich Goethes gesamtes Denken durch Spinoza bestinunt ist'), wird der Amsterdamer Philosoph von Schiller r) 12. Septeuiber 1794, Briefe IV. 14, vergl. auch scholl vorher 12. Juni 1794 a. a. D, 111. 452. 2) 25. Sanuax 1796, Briefe IV, 400. :!) An Reinwald 1782, Briefe 1,85. An Goeschen 16. November 1792, 111, 228. An Körner 11. Januar 1798. Daselbst 236. ') Vergl. Mellrich (oben S. 571, Sp. 2 Anm. 3) 1.117, 234; die letztere Stelle nach denl ausdrücklichen Zeugnis der Karoline von Wvlzogen. ') V. Basch, In Poetique de Schiller, Paris 1892. ,:) Vergl. meine schon angeführte Abhandlung: Goethe und die Juden besonders S. 229 ff. Anl angeführten Orte S. 227 fg. Die gesamte Literatur über Goethe und Spilloza fcuui natürlich an dieser Stelle llicht angeführt werden.

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