Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 584 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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584 Horen beigegeben und der Herausgeber deS AlmanachS konnte Mitteilen, daß der Verleger seinen Honorarverpflichtungen vollständig nachgekommen war. Aber da dieser am 8. Dezember noch keine Exemplare des AlmanachS gesendet hatte, so wurde er „dummer Mensch", „der elendeste Tropf voll Buchhändler" betitelt und von ihin gesagt: „er, der die Unordnung selbst ist." *) Die erstell Exemplare des Allilanachs kamen durch Humboldts Vermittlung seitens der Druckerei (vergl. oben S. 11 Anm. 1) nicht.seitens des Verlegers am 30. Dezember ill Jena an, freilich sehr spät für einen Almanach, der spätestens im Laufe des Herbstes für das kommende Jahr ausgegeben zu werden pflegt. Da Schiller am 9. Januar noch feine Exemplare von Michaelis erhalten hatte, während alle Sortimentsbnchhandlungen in Jena damit versehen warell, so nahm er von diesen Exemplaren zu feinem Privatgebrauch und wollte den Betrag dafür Michaelis all einer Bücherrechnung abziehen: „Allders weiß ich mir nicht zu helfen, da ich dem Publikum nicht sagen darf, wie sehr der elende Mensch mir manquirt." Endlich anl 18. Januar 1796 kamen die ersehnten Exemplare des Almnnachs an und wieder folgte seitens Schillers, der ungern einem Unschllldigen Unrecht tat, eine kleine Ehrenrettung für Michaelis (an Goethe): „Wir haben dem armell Tiere, denl Michaelis, doch Unrecht getan, derin die Exenlplare lvaren ohne des Verlegers Verschulden zwölf Tage liegen geblieben." Trotzdem war die Verbindullg mit ihm nun definitiv zu Ende. Cotta, der aus kollegialischer Gesinllung Michaelis nicht verdrängen wollte, erhielt am 7. März 1798 Schillers Erklärung, wolle er den Almanach nicht llehmen, so müsse der Herausgeber sich nach einem anderen Verleger umsehen, da Michaelis absolut nicht zu diesem Geschäfte tauge. Dieser wandte sich jedoch noch mehrmals, Mitte März, ja noch einmal Mitte Juni all seinen Autor, ohne freilich auf den letzten Brief eine Antwort zu erhaltend) Die Briefe, die von Michaelis erhalten sind, ruachen feinen üblen Eindruck. Sie sind etwas wortreich, sehr ergeben, nicht gerade devot, lvenn auch manchnlal von einer etwas unbegründeten Vertraulichkeit. Aus ihnen geht hervor, daß Michaelis den Allfaug eines philosophischen Journals deutscher Gelehrter, Niethammer und Flchte herausgab, daß er daran dachte, die Oden Klopstocks zu edierell, und ein Trauerspiel Eugels, daß er auch mit ben Brüdern Schlegel in Verbindung trat und die ersten Shakespeare-Uebersetzungen des älteren, die Schrift des jüllgereu Schlegel über das griechische Altertum herausbrachte. Die Verbindung mit den Brüdern Schlegel löste sich bald 1798.*) Im allgemeinen war das Urteil Friedrichs über den Verleger viel günstiger als das Schillers, z. B.: Michaelis „übertrifft Goesehen (der damals doch als einer der ersten h Vergl. Brief an Goethe vorn 17. Dezember 1795, an Körner vom 21., an von Hoven 9. Januar 1796. ") Vier Briese, die Schiller an Michaelis geschrieben hat, 14. und 22. Oktober 1795, 18. Januar und 21. April 1796 (diese Daten nach Müllers Zusammenstellung in seiner Ausgabe von Schillers Kalender, Stuttgart 1893, S. 273) sind nicht erhalten, dagegen sechs Briefe und ein Kontrakt nebst einem Briefe von Michaelis. Die beiden letzteren sind abgedruckt bei L. Nrlichs Briese an Schiller. Stuttgart 1876; die ersteren bei K. Goedeke, Geschäftsbriefe Schillers, Leipzig 1876. Vielleicht dienen diese Ausführungen dazu, diese verlorenen Schillerbriefe aufzuspüren; es würde von höchstem Interesse sein, wenn diese einzigen Briefe, die Schiller an einen Juden geschrieben, bekannt würden. a) Für das unmittelbar folgende vergleiche Friedrich Schlegels Briefe an seinen Bruder Wilhelm, herausgegeben von Walzel. Berlin 1890. Buchhändler galt) an Bildung, Geist und Tätigkeit sehr weit." Freilich muß man bei solchem Urteil bedenken, daß Schlegel in seiner Geldnot an dem Vermögenden oder sich als reich gerierenden Buchhändler einen Rückhalt zu finden hoffte und wohl auch fand. Das interessanteste Verlagsunternehmen *), das Michaelis Plante und ganz gewiß auch, wenigstens in einigen Heften, herausbrachte, war ein Oppositionsjournal, dessen Begutachtung er durch Schiller wünschte, für das er einen höchst interessanten Entwurf schrieb, und für das er verschiedene Mitarbeiter zu werben suchte. 2J Wie lange der Buchhändler dieses Journal herausgab, wie lange er überhaupt als Verleger tätig war, läßt sich nicht bestimmen, sicher ist, daß er 1802 krank war, und daß sich damals sein Verlagsgeschäft nicht mehr in seiner Hand, sondern in der des Buchhändlers Albanns befand, der einem Unterhändler Schillers die Mitteilung machen milßte, daß er von der „Baumzucht" des alten Schiller noch mehr als 600 Exemplare vorrätig und mit dem Buche kein Glück gemacht habe.3) Die letzten Nachrichterl, die über Michaelis vorliegen, und die wohl an dieser Stelle mitgeteilt werden können, da sie über den einzigen jüdischen Verleger Schillers handeln, sind merkwürdig genug. Görres schreibt nämlich an den Franzosen Villersh, der sich Jahrzehnte in Deutschland anfhielt und fast völlig zum Deutschen geworden war, folgendes: „Daß Sie Herrn Michaelis für Ihren Geistesverwarrdten erklären, tut mir leid, der allzu großen Herablassung wegen. Es ist der Buchhändler Michaelis in Nen-Strelitz, der dort böslichen Bankrott gemacht, viel geabenteuert hat, zu Paris dann im Bieötre fataler Wechselgeschäste wegen saß, später nach Brtsch (Festung in Lothringen) geführt wurde, dort ausriß und hier sprachmeistert, und zwar einer der Vertrauten von I. H. Voß ist. Er hat sich hier Ihrer Freundschaft gerühmt, und ein Manuskript Ihrer Parallele der deutschen und französischen Dichter vorgezeigt, das er von Ihnen erhalten haberr wollte. Ich glaube sehr gerne, daß er wichtigere Sachen, als das, was Sie anführen, aufgeschnappt von Jhnerr und eingetragen haben kann. Die Mumie liegt nicht so fern, daß sie ihm nicht allenfalls auch eingefallen sein könnte, garrz treffend finde ich sie übrigens auch nicht; an den Toten sollerr Haare und Nägel fortwachsen, und ich glaube immer, die französische rvächst irr bedeutenderen Teilen, wenn sie gleich von innen durch gewaltsame Einwirkung erstarrt. Mir ist sein Buch („Geist und Charakter der französischen Sprache und Literatur, ein Fragment." Mannheiin, 1808) sehr absprechend und oberflächlich l) Vgl. einen sehr merkwürdigen Artikel I. Minors „Ein verschollenes Oppositionsblatt" in dem Literaturblatt der „Neuen Freien Presse", 1903, März oder April. Vielleicht tragen auch diese Zeilen dazu bei, jenes außerordentlich wichtige Journal aus dem Staube der Vergessenheit zu ziehen. In den Bibliotheken von Rostock, Schwerin und Neustrelitz habe ich es vergeblich gesucht. ") Gegen dieses Journal richtete sich das Xenion „Flüchtlinge", vergleiche Suphan und Erich Schmidt. Genien, Weimar 1896, S. 51 und 77 und Minors oben angeführten Artikel. Das Xenion lautet: Flüchtlinge sagt, wer seyd ihr? von wannen trägt euch die Woge? Habt ihr wo ein Gewerb? streift ihr als Räuber uniher? Die Verse lehnen sich an eine Stelle der Odyssee an und parodieren geschickt einen Passus in dem von Michaelis selbst geschriebenen Avertissement. :J) Geschäftsbriefe Schillers, S. 296 ff., Albanus an Göppert. 4) Briese an Villers, herausgegeben von M. Jsler, Hamburg 1879, S. 80 ff. Die Stelle ist auch bei Minor mitgeteilt. In dem Buche von Herbst über Voß <3 Vd., Leipzig 1872 ff.) und in den Briefsamm-- lnngen von Boß ist über Michaelis nichts zu finden.