Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 582 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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582 Staatsrechtslehrer Hvfrat Dr. G. Jellinek-Heidelberg, Jellineks Sohn, sowie der Vorstand der jüdischen Gemeinde Wien im Verein mit ihrem Archivar Dr. Lieben und dem gelehrten Lektor M. Friedmann, der dem voll Jellinek ins Leben gerufenell Lehrinstitut und der großen Bibliothek des Beth Hamidrasch vorsteht, dem Biographen Jellilleks an die Hand gehen. Im Vorjahr habe ich hierüber Herrn Hofrat Professor Jellinek schristlich und allch nlündlich nach einem hier in Hamburg gehaltenen Vortrag interpelliert, auch mit Herrn Lektor Friedlnanil habe ich diesbezüglich korrespondiert, aber eine Zusage aller erwünschten Daten ist nicht in Aussicht gestellt worden; sonst hätte ich es gern ullternommen, soweit meiue Zeit und rueine Kraft es vermocht hätten, lllich dieser Arbeit git widmen. Familienpapiere enthalten gewiß auch vieles über den Beginn der Seelsorgertätigkeit Jellineks in Leipzig sowie über seine Beziehungen zu manchen Orientalisten. Die Wiener ©emeiube besitzt unstreitig eine Fülle voll Material über die Anregungen, Schöpfungen, Leistungen und Erfolge seines gottbegnadeten Wirkens nach allell Richtungen hin. Gern begnüge ich mich mit der Anregung der Veranstaltung einer umfassenden Biographie Jellineks, die alldere in Angriff llehmell mögen, vielleicht einer oder mehrere meiner Herren Kollegen, die der Stätte der Wirksamkeit meines verewigten Lehrers und väterlichen Freurldes nahe stehen. Würdig ist der Mann der Errichtung eines bleibellden literarischen Denkmals! Er, der feine stupende Gelehrsamkeit, seine immellsen Kenntnisse, seine bahnbrechenden Forschungen und vor allem das gewaltige Genie seiner Beredtsamkeit nicht nur der Leipziger und der Wiener Gemeinde, sondern der ganzerr Judenheit in eminenter Weise geweiht und in den Dienst gestellt hat! Würdig ist der geistige Urheber einer Apologetik des Judelltuuls Ulld seiner Geschichte der Verehrung und Huldigung eines Geschlechts, dem nichts mehr von llöten ist, als der selbstbewußte Kampf für Israel und seine Wahrheiten! Würdig ist Jellillek der Anerkennung aller Epigonen, die sich zu feiner Schule und zu feinen Jüngern zählen! Würdig ist der größte Prediger der Judenheit iln 19. Jahrhundert, der sich durch seine Werke ein monumentum aere perennius gesichert hat, einer Ehrullg unserer gesamten Glaubensgenossenschaft! 73 Jahre hat er gelebt, gelebt für die höchsten Ideale der Menschheit, gelebt für seinen Gott und feine Religion, die er so zülldend, glühend, beredt wie kein zweiter, mit seinem Herzblut in Wort, Schrift und Tat verherrlicht hat vor Königen und Fürsten, vor Christen und Juden, vor Frommen und Gottlosen, auch vor denen, die nichts hatten als — um mit Mommsen zu reden — die Gesinnung der Kanaille! Mit ben Worten Goethes: „Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne Verwechselt er die Zeiten wundersam, Begegnet so, im Würdigsten beschäftigt. Der Dämmerung, der Nacht, die uns entkräftigt." diese Anregung zu einem Momento der Pietät schließend, widme ich dir, unsterblicher Meister, wie alljährlich an deinem Jahrzeitstage eine Zähre innigen Gedenkens und mein tief empfundenes Wort der Liebe. Und wenn dein zehnter Todestag den ftitlen Wunsch mir ein gab, deinen Namen auch jenen Sterblichen zu fiutben, die dich nicht kennen, verzeih es meiner Schwäche. Du, der Hohepriester meines Volkes, bedarfst keines Denkmals, bedarfst keiner Ehrung; aber ich möchte, daß die sich ehren, die dich ehren. Teilte Gemeinde hast du groß gemacht, so zolle Wien voran dein Großeil den schuldigen Tribut und arbeite mit an seiner literarischen Verewigung! Höret ihn, den Meister, nur ein bis zwei Minuten zu euch reden, und ihr müßt — lvie einst Juda Halevi den Staub von Zion zu küssen begehrte — die Scholle als eine heilige Zionsscholle segnen, auf der ein Jellinek einst geredet. Höret Adolf Jellinek ulld sehet im Geiste ihn selber wieder, wie er dachte, wenn er von seinem heiligen Prophetenberuf in unerreichtem Lapidarstil gesprochen: „Nicht die Vermehrung der priesterlichen Vorrechte und nicht die Befestigung der Priesterherrschaft wird die Zerrüttung des religiösen Lebens heilen, die verödeten Stätten des Glaubens bevölkern, die Bethäuser mit Andächtigen füllen, die Herzell für die idealen Güter erlvärmen, die Geister zu den Höhen des lebendigen Gottes emportragen, sondern Propheten und Volksweise, die Männer mit den Flammenworteu, welche aus den Tiefelr des Gottesgeistes hervorströmen, und mit den feurigen Zungen, welche das Harte erweichen rrnd das dunkle erleuchten, lind die Forscher, welche nach dem Golde der religiösen Wahrheit suchen, es voir Schlacken reinigen, ausprägen, in lieblicher und volkstümlicher Forlll dann ausbreit' n, anf daß jedermann damit sich freue lmd daran sich erhebe. Sie, diese Männer, leben zerstreut auf der ganzen Erde, sind die Schatzgräber der Menschheit, graben immerfort, ermüden nicht Ulld ermatten nicht, lösen einander ab im Wechsel der Geschlechter und werden noch Jahrtausende graben, bis „wie Wasser die Meerestiefen bedecken, die ganze bewohllte Erde voll sein wird von Gotteserkenntnis." Aus den Niederlanden. Jin November 1903. ls unser „antirevolntionäres" Ministerium Kuyper vor einigen Jahren ans Ruder kam, waren viele darauf gefaßt, eine Zeit der Reaktion anbrechen zu sehen. In freisinnigen Blättern wurde auch die Besorgnis ausgesprochen, daß an der Freiheit und beu Rechten, welche die Israeliten dem Liberalismus verdankten, werde gezerrt und gerüttelt werden. Wie sollte es auch anders sein können, hieß es, bei dem prinzipiellen Gegensatz zwischen Antirevolntionär und Jude? Die ultraprotestantische Partei sehe in letzterem zwar den Nachkommen des Erzvaters Abraham, den Verehrer des Gesalbten des Herrn, Königs David, den Rafsengenvssen des Nazareners, aber anderseits doch auch das verirrte Schaf, das sie in der Form der Glaubensbekehrung auf den wahren Lebenspfad zu leiten habe, den mit Blindheit Geschlagenen, dessen Auge dereinst durch den Christus werde geöffnet werde», den Fremdling, der hier als Büßender in der Verbannung lebe. In ihm sehe der Antirevolntionär noch immer den 2000 jährigen Sproß jenes Volkes, in dessen Milte der Stifter seiner Religion getötet worden sei, an dem er also noch etwas zu rächen habe. Dieser Funke glühe unter der Asche noch stets in seinem Gemüte, darin finde seine natürliche Abneigung gegen den Inden ihren Grund. Nun ist es gewiß auffallend, aber Tatsache, daß die jüdische Bevölkerung selbst im allgemeinen dem Ministerium Kuyper eher Vertrauen als Furcht entgegenbrachte. Die ganze politische Persönlichkeit des Ministerpräsidenten mag dazu mitgewirkt haben. Vor allem aber wurden die Israeliten durch verschiedene wohlwollende Verordnungen, Verleihung hoher Orden an hervorragende Glaubensgenossen u. d. m. in der Auffassung bestärkt, daß dies Ministerium mit den religiösen Forderungen und Beschwerden Andersgläubiger ernstlich rechnen und dieselben, wenn irgend möglich, berücksichtigen wolle. Freilich waren es in den letzten beiden Jahren zu wiederholten Malen Geistliche der herrschenden Richtung gewesen, die als Redner in öffentlichen Versammlungen unzweideutige