Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 581 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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581 verschiedensten Gemeinden erwartet werden darf. Diese Hoffnung wird nicht trügen; eine solche Begeisterung, wie sie mährend des ganzen Abends sich bekundete, kann nicht so leicht verrauschen. Der Zentralvereiu will alle deutschen Juden sammeln, jeder ist ihm willkommen, der auf nationalem Boden stehend sein Bekenntnis hoch und in Ehren hält. Er mag sonst jeder wie inlmer denken, auf dieser Unterlage ist für alle Raum vorhanden. Sammelt euch! möchten wir insbesondere den Inden in der Ostmark zurufen, machet euch zu eigen all jene Bestrebungen, die jenen Verein zum Vertreter der deutschen Judenheit gemacht — unter diesem Zeichen wird schließlich der Erfolg nicht ausbleiben, Recht muß Recht bleiben, und eine Sache des Rechts und der Gerechtigkeit ist es, die wir im Lichte der Oeffentlichkeit vertreten. Wir vertrauen zu sehr dem Fortschritte der Menschheit, um nicht an den endgültigen Sieg des Guten zu glauben. Keine Abkehr vom Vaterlande, keine Gleichgültigkeit gegen unser Bekenntnis — diese Parole sammle uns Juden im Deutschen Reich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. Lur Lrimirrung an Molk Irliinrk. Von Dr. D. Lei m d ö r fe r-Hamburg. „Nun schmückt er sich die schöne Gartenzinne, Von wannen er der Sterne Wort vernahm. Das dem gleich ew'gen, gleich lebend'gen Sinne Geheimnisvoll und klar entgegenkam. Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne Verwechselt er die Zeiten wundersam, Begegnet so im Würdigsten beschäftigt Der Dämmerung, der Nacht, die uns entkräftigt." n diese herrliche Strophe aus Goethes „Epilog zu Schillers Glocke" denke ich, so oft der Gedenktag des Todes meines unsterblichen Lehrers und Freundes, des Wiener Predigers Dr. Adolf Jellinek, seligen und gesegneten Andenkens, im Dezember wiederkehrt. Und nun sind es schon 10 Jahre, seit dieser Feuergeist mit der Jesaianischen Zunge die schöne Garteuzinne sich schmückt, von wannen er der Sterne Wort vernahm. Ein Dezennium unter der Erde! — Wer von der Gegenwart denkt und fühlt es, daß ein Jellinek nicht mehr unter den Lebenden weilt? Ist es nicht sein Wort, das in der Nacht, die uns entkräftigt, lichtvoll und weithin tönend, die Herzen seines Volkes begeistert, soweit die deutsche Zunge klingt? Gibt es eine deutsche Kanzel im Judentum, wo man sich nicht mühte, „Jellinek" zu predigen, ihm, dem vollend et eil Vorbild des Rhetorikers, in irgend einer Beziehung, sei es in der Auslegung, sei es in der Anwendung, sei es in der Diktion, sei es in des Inhalts Tiefe oder in der Form-Schönheit, oder beträfe es die klassische Erhabenheit der Anlage oder die wissenschaftliche Höhe der Systematik, und gar erst die fesselnde Weise der Darstellung und die hinreißende Gewalt des Vortrages. nachzutnn oder ähnlich zu werden? Aber warum „deutsche Kanzel?" Sitzen nicht Jellineks Jünger allenthalben, auch außerhalb Deutschlands auf hohen Rabbinatsstühlen und Lehrkathedern? War Jellinek nicht der Lehrer der Gesamtjudenheit? Bildeten sich nicht nach ihm, an seinem Geiste, seinem Worte, seinen Werken die Prediger beider Hemisphären seit der Mitte des 19. Jahrhunderts? Schon der Vorgänger des berühmten Verfassers der „Sermons“ in Frankreich, Zadok Kahn, der selige Grandrabbin Isidore und seine Zeitgenossen im britischen Reich, haben Jellinek als den schöpferischen Bahnbrecher auf dem Gebiet der Homiletik gekannt, sich in das Studium seiner Meisteritnb Musterwerke vertieft und es weiten Kreisen empfohlen. Viele von den Modernen, die Jellinek vielleicht nur dem Namen nach kennen, sind als Schüler von Lehrern, die sich von dem „lebendigen Midrasch" — so nannte man Jellinek — unmittelbar oder auch mittelbar beeinflussen ließen, Erben und Träger des Geistes der „Jellinekffchen Schule", und wenn man die Hillelffche Schule „Beth Hillel", Hillels Haus, genannt hat, so dürfen wir die Schule dieses Hohenpriesters Ahron — „Talmidow schel Ahron" — zum Gotteslobe dafür auffordern, daß uns die gütige Vorsehung gewürdigt hat, einen solchen Mann zum Lehrer 31t haben und und sie Beth Ahron nennen, d. h. Haus und Schule Ahrons. Adolf Jellinek hieß Ahron — preiset den Herrn! Aber nicht nur als genialer Lehrer der Kanzelredekunst, auch als Gelehrter, geschuiückt mit dem Doppeldiadem der Thora und der Wissenschaft, war Jellinek eine hochragende Größe. Abgeseherl von der immensen Gelehrsaiukeit auf fast allen Gebieten der orientalischen Literatur, der Geschichte und der Philosophie der alten und der neuen Zeit, die in seinen äußerst zahlreichen, nach huilderten zählenden Schriften zlim Vorschein kommt, besitzen wir in seinen 6 Bänden „Beth Hamidrasch“, Sammlung kleiner Midraschim, eine Fundgrube der anregendsten Forschungen. Mit kritischem Scharfblick, geübt an dem Geist der Talmudistik und der Philosophen der Alten einerseits, an der philologischen und historischen Methode eines Rappaport und Zunz, eines Geiger und Steinschneider andererseits, hat Jellinek aus seltenen Druckwerken und wenigen zugänglichen Handschriften Schätze der theologischen und geschichtsphilosophischen Wissenschaft gehoben und der forschenden Nachwelt hinterlasseu. Die Bibliographie fand in seinen „Kontresim" und anderen Schriften vielseitige Bereicherung. Wissenschaft, Poesie und Sagenkunde der orientalischen Völker, in denen Jellinek heimisch war, boten ihm reiche Gelegenheit zur kritischen Vergleichung mit den Werken der Griechen, Römer, Franzosen und Deutschen, und die Ergebnisse dienten Jellinek zur Beleuchtung seiner Exegese, sowie auch seiner Abhandlungen über den „jüdischen Stamm", den er ebenso gelehrt wie geistreich in einem ernsten und in mehreren Humor- und witzreichen Bänden, letztere mit Beziehung auf die Sprichw örter, behandelt hat. Hand in Hand mit feinem Hauptwerk: Beth Hamidrasch gehen Jellineks Forschungen über Gnosis und Mystik, und es dürfte kaum einen Gelehrten geben, der in die Grundbücher der Kabbala tiefere Einblicke genommen und gewonnen hätte. Das Buch Jezirah, der Sohar und überhaupt die kommeutierende kabbalistische Literatur war Jellinek so bekannt, daß er schon zu Salomon Munks Zeiten herrliche Proben seines Könnens auf diesem Gebiet den Wissenden vorzulegen vermochte. Vor seinem 70. Geburtstag äußerte er mir gegenüber, daß er nicht früher sterben möchte, ehe er den Grundriß zu einer wissenschaftlichen Geschichte der Kabbala seiner Mitwelt übergeben könnte. Zur selben Zeit legte er auch in fulminanten Artikeln die Wichtigkeit einer jüdischen Apologetik dar, ein Gegenstand, der in der Gegenwart in seülen Grundzügen trefflich von Dr. Friedländer, etwas früher schon von Dr. Gelbhaus-Wien, in Angriff genommen worden ist. In zerstreuten Aufsätzen und in der israelitischen periodischen Presse sind die wissenschaftlichen Arbeiten Jellineks zahlreichen Lesern vorgeführt, in manchell Lexicis chronologisch geordnet zusammengestellt worden, meist aber dürftig und mangelhaft. Es wäre an der Zeit, eine, die Persönlichkeit, die Studien, die seelsorgerische und wissenschaftliche Tätigkeit, eine das ganze Leben und Wirkeil des großen Mannes würdigende Biographie herauszugebeu, für welche aber das vorhandene Material all biographischen Daten nicht ausreicht. Dazu wäre notwendig, daß die Janlilie, an deren Spitze der bekannte