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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-04 · Heft 49 (4.12.1903) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
Seite 580 (sequence 6)
Language
German
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580 die Polizist Nr aufgefordert hatte, den über falltncn Juden zu Hilfe zu kommen. Er veranlaßt schließlich nach langen Bemühungen den Adelsmarschall Krupenski, die Intervention des Gouverneurs anzurufen. Ueber die Ursache des Hasses gegen die Juden befragt, bezeugte er: „Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, daß mir seit 50 Jahren nichts bekannt ist, daß den Juden etwas Besonderes zur Last gelegt werdet! könne, Gesetzesübertretungen kommen bei ihnen entschieden seltener vor, als bei den Armeniern, Griechen und Bulgaren, und ihre Reichtümer sind zumeist auf besondere Sparsamkeit und ausgesprochenen Familiensinn zurückzuführen." — Telegraphisch wird weiter gemeldet, der antisemitische Anwalt Schmakow habe Kischinew verlassen, was aber auf die Fortsetzung des Prozesses ohne Wirkung sei. Mehrere Hundert jüdischer Familien sind kürzlich von allem entblößt an der marokkanischen Küste bei Ceuta eingetroffen und haben spanischen Schutz erfleht. Sie berichten, daß sie vor drei Wochen aus Tazza entflohen seien, als dieses von den Soldaten des Sultans besetzt wurde. Wahrend sie unter der Herrschaft des Prätendenten ungehindert ihren Geschäften hätten uachgehen können und sich ihr Leben und Eigentum vollsten Schutzes erfreut hätten, seien die Scheriffianischerr Trupperr mordend und brennend in die gar nicht verteidigte, von den Berbern verlassene Stadt eingebrochen, hätten ihre Häuser zuerst ausgeplüudert, dann alles, was sie nicht hätten mitschleppen können, in Brand gesteckt, einen Teil der jüdischen Männer niedergemacht, während sie derell Weiber und Töchter mißhandelten. Die Flüchtlinge konnten nichts retten und nicht einmal Lebensmittel inituehmen, so daß sie jetzt die Wohltätigkeit der Einwohner von Ceuta anrufen. Es ist schon wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die Juden in dem Thronstreit in Marokko am schlünmsten daran sind, gleichviel ob sie sich für den Sultan oder den Prätendenten aussprechen. Tatsächlich sind Juden in beiden Heeren, und die Behauptung, daß sie eine zweideutige Haltung einnehmen, wird durch die Tatsachen leider nur zu gründlich lviderlegt. Sammlung. Von Dr. M. Lew in in Wrelchen. uf alle» Gebiete» kann man i» unseren Tagen den Ruf der Sammlung hören; in dieser Tatsache liegt die Anerkennung des Zusammenschlusses als Gewähr der Stärke. Leider wird aber vielfach die Aufforderung zur Sainmlung auch dort vernommen, wo sie zugleich Trennung. Scheidung bedeutet. Wenn jüngst durch die Tageszeitungen die Nachricht ging, daß sich verschiedene evangelische Vereinigungen zusammengetan, um in den Ostmarken geeint vorzngehen, so wissen wir Juden am besten, waS das für uns bedeutet. Sonst gilt die Parole, daß aller Deutschen tätige Mithilfe willkommen sei, um in diesen sprachlich gemischten Provinzen deutschen Geist, deutsche Sitte und Kultur zu pflegen und zu fördern; wollen dies nun die evangelischen Deutschen getrennt von den übrigen auf eigene Faust tun? Was ist die Folge hiervon? Zersplitterung, Bruderzwist, und wir insbesondere, wir Juden werdenZv zwischen zwei Feuer gestellt, und haben sozial und gesellschaftlich bis zur Verwundung zu kämpfen. Zur rechten Zeit war es da. daß der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sein Augenmerk aus die Provinz Posen gelenkt hat. Für ihre Hauptstadt selbst bedurfte es keiner gesteigerten Propaganda, da jene zugestandenermaßen die relativ höchste Mitgliederzahl stellt. Jedoch waren die übrigen Gemeinden mehr oder weniger gegen die Bestrebungen des Centralvereins, die sie vielleicht nicht genug kannten, bislang teilnamslos geblieben; wenigstens find aus ihnen nur sehr wenig Mitglieder bisher zu verzeichnen. Wann aber mehr als gerade jetzt bedarf es der Anlehnung an die Gesamtheit? Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit ist der beste Rückhalt, der auch die Schwächsten aufrecht erhält und tapfer macht. Darum ist nur zu wünschen, daß jene Propaganda, welche von Berlin und Posen aus in so anerkennenswerter Weise jetzt eingesetzt hat, weiter betrieben werde. An den nötigen Erfolgen wird es gewiß nirgends fehlen, wo die einzelnen über die Erfolge des Verbandes in seiner zehnjährigen Wirksamkeit gebührend aufgeklärt werden. Was überhaupt darin geleistet werden kann, hat die in Posen stattgehabte Versammlung vollauf bewiesen. Aus allen Städten waren Vertreter der einzelnen Gemeinden erschienen, so daß der mächtige Saal, der größte Posens, die aus Hauptstadt und Land Erschienenen, wohl an die zweitausend, kaum zu fassen vermochte. Der 17. November, hoffen wir, wird für den so bewährten Verein einen Wendepunkt bedeuten, der gewiß in unserer Provinz an Ausdehnung gewinnen wird, und am meisten für die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen hier. Die Zugehörigkeit zum Centralverein vermag allein — das wissen wir wohl — noch nicht alle Schäden zu beseitigen, der inneren Kräftigung und Sammlung wird aber schließlich die Anerkennung und gerechte Würdigung bo» außen sicher solgen. Die Stärkung des Selbstbewußtseins, die Erivecknng des Solidaritätsgefühls, die Erkenntnis, daß wir unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung nicht mit der Verlengnung unseres Bekenntnisses erkaufen dürfen, das hat jener Abend in der glänzendsten Weise hier angebahnt. Die beiden Vorsitzenden des Vereins waren aus Berlin herbeigeeilt, um dieses große Werk der Sammlung anzuregen. Herr Justizrat Fuchs sprach über „Aktuelle jüdische Fragen", in denen er die Stellung des Centralvereins zu den verschiedenen politischen Parteien wie auch zur zionistischen Partei innerhalb der Juden in klaren und deutlichen Umrissen zeichnete und einen Ausblick auf jene zukünftigen Ziele und Bestrebungen darbot. Erfreulich war es hierbei zu höre», daß die Gesamtorganisation in kürzester Zeit ins Leben gerufen werden soll. Wir wollen den Wert des Vortrages und seinen Erfolg nicht abschwächen und unterlassen es daher, auch nur in gedrängten Zügen den Gedankengang desselben wiederzugeben, wir hoffen, daß die ebenso geistreichen wie stilvollen und von gewaltiger Begeisterung für das Judentum getragenen Ausführungen des Redners durch den Druck der weitesten Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werde». Sie werden das beste Mittel sein, jene gewünschte Aufklärung zu verbreiten und auch von außen dem Centralverein neue Sympathien zu erwerben. Wer diesen Vortrag lesen wird, der ivird, wenn anders noch ein Funke der Liebe und Anhänglichkeit zu unseren! Bekenntnis in seinem Herzen glimmt, es als eine Ehrenpflicht betrachten, der gerechten Sache seine Dienste anzubieten. Recht wirkungsvoll waren auch die einleitenden und insbesondere die abschließenden Worte des ersten Vorsitzenden, des Herrn Rechtsanwalts Dr. Horwitz. In seine»! Schlußworte galt es, zu den in der Diskussion gemachten Ausführungen Stellung zu nehmen. Ja, diese Diskussion! Sie hielt sich leider nicht ganz auf der Höhe und bewegte sich meist im zionistischen Fahrwasser. Von den füns Rednern, die sich zu Worte gemeldet, suchten vier Zionisten — gerade nicht mit zn großem Geschick — ihre Bestrebungen zu verteidigen, um dann von dein Schlußreduer geschickt und treffend abgeführt zu werden. Vor dem Vortrage fand eine von! Posener Vorstände geleitete vertrauliche Besprechung statt, an der etwa hundert Herren teilnahmen. Schon hier zeigte es sich, welch' reicher Erfolg von der Gewinnung neuer Kräfte und Mittel aus den

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