Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-27 · Heft 48 (27.11.1903) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228576--60377-3296959
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 unserer Toten beherbergte. Seit dieser Zeit war die Ruhestätte als Eigentum der israelitischen Gemeinde betrachtet worden, bis vor einigen Jahren die Militärverwaltung dieses Terrain als Eigentum beanspruchte. Es kam zum Prozeß und die Militärverwaltung siegte in oberster Instanz. Vor kurzem wurden nun militärische Gebäude auf diesem Terrain gebaut. Das israelitische Konsistorium ließ nun die Gebeine, die ans der Baustelle gefunden wurden, sammeln und auf dem jetzigen israelitischen Friedhofe in einem Massengrabe beisetzen. Am vorigen Sonntag versammelte Oberrabbiner Dr. Netter die israelitische Gemeinde an der neuen Grabstätte und hielt, nachdem die rituellen Gebete verrichtet wurden, eine ergreifende Rede; er gedachte der großen jüdischen Gelehrten, deren Gebeine überführt werden mußten, und ermahnte die Gemeinde, die Religion, wie dieses ihre Vorgänger getan, als höchstes Gut hochzuhalten. Nach dem üblichen Kaddisch-Gebet verließen die Gemeindemitglieder die Grabstätte. Mögen die jüdischen Gemeinden aus solchen Vorkommnissen lernen, ihre Eigentumsurkunden und Besitztitel besser auszubewahren. Sicherlich hätte die israelitische Gemeinde in Metz diesen Platz nicht als Friedhof benützen können, wenn er nicht ihr Eigentum gewesen wäre. Leider war kein Kaufbrief da, um dies dokumentarisch zu beweisen. n. Saarbttrg i. &♦, 14. November. Die hiesige Gemeinde feierte das 50jährige Amtsjubiläum ihres verehrten Oberkantors I. Kahn. Aus diesem Anlaß war das Gotteshaus in ein herrliches Festgewand von Blumen und Immergrün gekleidet. Rabbiner Dr. Wiener und Rabbiner Jaques Kahn, Professor am Pariser Rabbinerseminar, ein Sohn des Jubilars, feierten in ihren aus dem Herzen fließenden Festreden das Vorsängeramt im allgemeinen, und den in verdienstvoller Tätigkeit ergrauten Oberkantor tut besonderen. Der Chorverein, vom Jubilar gegründet, besorgte den liturgischen Teil, der sich durch die Mitwirkung des von der Nachbargemeinde Straßburg zur Feier delegierten, rühmlichst bekannten Oberkantors Heimann besonders weihevoll gestaltete. Am Abend fand das Jubelfest seinen würdigen Abschluß mit einem fröhlichen Bankett, an dem der größte Teil der Gemeinde teilnahm, und im Verlaufe dessen Herr S. Berr, Vorsteher der Gemeinde, dem Jubilar ein wertvolles Kunstobjekt als Geschenk der Gemeinde, sowie Herr Religionslehrer Kohn aus Diedenhofeu als Delegierter der Kantoren Lothringens einen vor: denselben gestifteten prachtvolleil Becher überreichte. Die Feier trug in allen ihren Teilen den Stempel der zwischen Gemeinde und Beamten bestehenden gegenseitigen Würdigung. Gesterretch-Mligam. Q Wien, 23. November. Alljährlich am 11. November übersendet bekanntlich die Preß bürg er israelitische Gemeinde dem Kaiser die üblichen Martini-Gänse. Aus diesem Anlasse begaben sich die beiden Gemeindesekretäre Wilhelm Grünsfeld und Leopold Löwy nach Wien, um in der Hofburg in den betreffenden Kammerämtern die mit Nationalbändern geschmückten Gänse zu übergeben. Im Kammeramte des Kaisers wurden vier Stück und im Kammeramte des Erzherzogs Franz Ferdinand zwei Stück überreicht. Eine Deputation der Gemeinde, bestehend aus den Vorstehern Lazar Gesteiner, Dr. Stein und Ignaz Herzseld wurde vom Kaiser in Audienz huldvoll empfangen. — Vor einigen Tagen sind 30 Waisen, Hinterbliebene der bei dem Massakre in Kischinew ermordeten Juden, in Wien angelangt. Die Kinder begeben sich unter Führung eines Lehrers aus Palästina, namens Belkind, nach Jaffa, um in einer dortigen Ackerbauschule zu Kolonisten erzogen zu werden. Die Expedition ist nach mancherlei Fährlichkeiten auf österreichisches Gebiet gelangt, wo sie von Palästinafreunden in allen Stationen herzlich empfangen und bewirtet wurde. Hier in Wien wurde sie von zahlreichen Studenten, den zionistischen Frauenvereinen und der Leitung des Verbandes „Zion" erwartet. Die Waisen verbleiben bis zum Abgänge des nächsten Lloyddampfers in Wien und wurden im Hotel Romania in der Leopoldstadt ein quartiert. Die Mehrzahl der Waisen befindet sich in einem Alter, das ihnen den Ernst d'es Schlages, der sie mit dem Verluste ihrer Eltern getroffen, noch nicht zum vollen Bewußtsein kommen läßt. Sie sind von den noch nie erschauten Wundern völlig im Banne gehalten. Ein Waisenknabe ist mit darunter, der bei dem Gemetzel selbst mit Mühe und Not dem Tod entronnen ist. Er wurde durch eitlen Hieb auf den Kopf schlver verwundet und sodann in den Fluß geworfen. — Am 11. d. M. fand hier das Leichenbegängnis des verblichenen Hofopernsängers Willibald Horwitz statt. Zahlreiche Künstler sowie viele persönliche Freunde des Verstorbenen nahmen an der Trauerzeremonie teil. Rabbiner Dr. Taglicht hielt die Trauerrede. Namens der Irenllde sprach Herr Gustav Edler v. Redlich Abschiedsworte. Der Sarg, den viele Kränze schmückten, wurde nun zur letzten Ruhestätte getragerr und ins Grab gesenkt. — Wie die „Neue Freie Presse" erfährt, sind die Zirkulare wegen der berüchtigten Ritualmord- Postkarte von München aus in großer Zahl besonders nach Tirol versendet worden; gerade dort konnten solche aufreizende Darstellungen leicht eine gefährliche Wirkung aus die Landbevölkerung ausüben. Tirol ist eigentlich auf den Import aus München gar nicht angewiesen, sondern besitzt schon seit längerer Zeit seine eigene heimische Produktion von „Ritualmord"-Postkarten. Zum Beweise dessen ist eine solche photographische Postkarte eingesendet worden, welche im Verlage von A. Czichua in Innsbruck erschienen und mit der bildlichen Darstellung des Blutmärchens von dem „Ritualmorde" versehen ist, der am 10. Juli 1462 an dem heiligen Anderl von Rinn verübt worden sein soll. Dieser „Ritualmord" ist in der Kirche von Rinn durch eine Gruppe lebensgroßer geschnitzter Holzfiguren dargestellt, und die Postkarten zeigen die Photographien dieser Gruppe, welche sich in einem Seitenschiffe der Kirche befindet. Vor der Kirche liegt ein Steinblock, auf dem der Lage nach der Knabe ermordet worden sein soll. Man ersieht daraus, daß in Tirol seit jeher für die Verbreitung des Blutmärchens unter der Bevölkerung gesorgt worden ist. Von Mh und ffmt Den österreichischen Orden der eisernen Krone IU. Klasse hat der Direktor der Deutschen Bank Paul Mankiewitz. den russischen Annenorden 111. Klasse der Kaufmann Alexander Rosenthal erhalten. — Der Generalintendant der königlichen Theater Graf Hülsen hat dem „Hitfsverein der deutschen Inden" eine Spende von 5000 Mark für die Opfer der Verfolgungen in Kischinew zugehen lassen. Die Sammlungen des „Hilfsvereins" haben nach dem zuletzt veröffentlichten Spendenausweis die Höhe von 543 000 Mark erreicht. — Neuerdings wurde wieder der hier verstorbene Hofopernsänger Heinrich Salomon von einigen auswärtigen Blättern zum Juden ernannt. Dies Treiben fängt nachgerade au lächerlich zu werden. — In Friedrichshagen ist der Arzt Dr. Max Reiß n er im 31. Lebensjahre an den Folgen einer Blutvergiftung nach dreitägigem Leiden gestorben. — Der Stadtrat Kaufmann M. Simon in Allenst ein ist anläßlich seines 25jährigen Jubiläums als Stadtrat znm Stadtältesten ernannt worden. — Freifrau Luise von Rothschild überwies dem Gumpe rtz'scben Siechenhaus in Frankfurt a. Main die Summe von 300 000 Mark. — In München starb kürzlich der pensionierte Wachtmeister Saul Bauer. Er war wohl der am reichsten dekorierte Unteroffizier der bayerischen Armee. Er besaß sämtliche Verdienst- und Ehrenauszeichnungen, die einem Unteroffizier während zweier Feldzüge überhaupt verliehen werden konnten. — Auf seinem Schlosse Pietra bei Florenz verstarb der bekannte ehemalige Financier und Intimus der Pariser Rothschilds, Horace Landau, im achtzigsten Lebensjahre. Er hatte eine großartige Kunstsammlung und Bibliothek. Landau war Junggeselle und hinterläßt ein Veri mögen, das auf siebzig Millionen Franks geschätzt wird. Der Unij versalerbe dürfte sein Bruder, der Privatier Albert Landau in Wien sein. — Am 19. d. M. begann in Kischinew der große Judenverfolgungsprozeß. Der Anklageakt stellt fest, daß 1350 Häuser zerstört, 38 Juden getötet und 438 verwundet, 2 Christen getötet und 67 verwundet worden sind. 250 Personen sind angektagt. Der Prozeß wird 6 Wochen dauern. — Die Universitäten von Charkow, Dorpat, Kiew. Noworossik und Tomsk haben in diesem Jahre den Minister für Volksaufklärung ersucht, die Aufnahme von Inden in einer Mehrzahl als der festgesetzten Prozentnorm zu gestatten. Diese Intervention hatte Erfolg; Minister Sänger bewilligte die Mehraufnahme von Juden als Studenten der genannten Universitäten. — Eine vom Kaiser von Rußland bestätigte Verordnung vom 10. November gestattet den russischen Untertanen, welche nicht finnische Bürgerrechte genießen, unbewegliches Eigentum jeder Art in Finnland zu erwerben und solches mit denselben Rechten zu besitzen, wie die finnischen Eingeborenen. Die früheren Einschränkungen behalten ihre Gültigkeit nur für Juden!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.