Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Sehr geehrter Herr Redakteur! us Anlaß von Th. Mommsens Tod wurde von der Presse seine Stellung zum Judentum allgemein behandelt. Hierbei wurde auch einer Stelle in Mommsens römischer Geschichte gedacht, wo der große Historiker die Juden ein „Element der nationalen Dekomposition" nennt. Die antisemitischen Zeitungen suchten diese Stelle für ihre Zwecke auszubeuten, während der dem Judentum nicht feindliche Teil der deutschen Presse sowie die Gesamtheit der jüdischen Zeitschriften, u. a. auch Ihre sehr geschätzte „Allgemeine Zeitung des Judentums" in Anbetracht der ganzen Haltung Mommsens gegenüber der antijüdischen Bewegung obige Stelle mit Recht nur in einem.dem Judentume nicht ungünstigen Sinne gedeutet wissen wollte. Mommsen selbst gibt uns jedoch erschöpfende Aufklärung, in welchem Sinne er jene Bemerkung aufgefaßt haben wollte, in seiner im Jahre 1880 bei Weidmann in Berlin erschienenen, gegen Treitschke gerichteten Flugschrift „Auch ein Wort über unser Judentum", auf Seite 9 bemerkt er hier: „Gewiß, die Unterschiede sind da; und sie sind so beschaffen, daß der Jndenkultus einer gewissen Epoche oder — in welcher Form er heutzutage aufzutreten pflegt — die Judenfurcht wohl zu den einfältigsten Verwirrungen gehören, deren unsere Nation zu bedienen sich beliebt hat und noch beliebt. Aber diesen Schranken und Mängeln sieben wieder Fähigkeiten und Vorzüge gegenüber. deren^Besitz nicht zum letzten Teil diese Agitation mit veranlaßt hat. Daß der reinste und idealste aller Philosophen als Jude gelebt und gelitten hat, ist auch kein Zufall; und an der jüdischen Wohltätigkeit auch gegen Christen könnten diese sich ein Beispiel nehmen. Es ist eben wie überall. Licht und Schatten sind gemischt; ob mehr oder minder ungleich, wiw niemand zu entscheiden wagen, der nicht Hos° Prediger ist. Ohne Zweifel sind die Juden, wie einst im römischen Staat, ein Element der nationalen Dekomposition, so in Deutschland ein Element der Dekomposition der Stamme, und darauf beruht es auch, daß in der deutschen Hauptstadt, wo diese Stämme sich faktisch stärker mischen, als irgendwo sonst, die Juden eine Stellung einnehmen, die man anderswo ihnen beneidet. Dekompositionsprozesse sind oftmals notwendig, aber nie erfreulich und haben unvermeidlich eine lange Reihe von Uebelständen im Gefolge; der unserige weniger als der römische, weil die deutsche Nation keineswegs ein so blasser Schemen ist, wie die cäsarische Reichsangehörigkeit; aber so sehr bin ich meiner Heimat nicht entfremdet, daß nicht auch ich oft schmerzlich empfände, was ich gehabt habe und was meinen Kindern fehlen wird. Aber Kinderglück und Männerstolz sind nun einmal unvereinbar. Ein gewisses Abschleifen der Stämme aneinander, die Herstellung einer deutschen Nationalität, welche keiner bestimmten Landmannschaft entspricht, ist durch die Verhältnisse unbedingt geboten, und die großen Städte, Berlin voran, bereu natürliche Träger. Daß die Juden in dieser Richtung seit Generationen wirksam eingreifen, halte ich keineswegs für ein Unglück und bin überhaupt der Ansicht, daß die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker begriffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel beizusetzen waren." Aus diesem kurzen Citat allein wäre wohl Mommsens Standpunkt in der Jndenfrage — wenn er nicht ohnehin bekannt wäre— klar genug zu ersehen, als der des wohlwollend prüfenden, objektiven Historikers oder, um mit ihm selbst zu sprechen, als der eines Mannes, der den Ausspruch erhebt, den Jndeuschmeichlern ebenso zu mißfallen als den Judenhassern. Mit ergebensten Grüßen bin ich, sehr geehrter Herr Doktor, Rawitsch, 17. November. 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