Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 soziale Fürsorge betrachte. Zn der ferneren Diskussion wurde noch mitgeteilt, daß bereits vom Verein jüdischer Krankenpflegerinnen drei Schwestern für Armenpflege abgegeben werden, daß diese Zahl jedoch den Bedürfnissen gegenüber bei weitem nicht ausreiche. Der Vorsitzende schloß die Diskussion mit der Bitte, den von ihm angeregten Gedanken vielleicht doch an einer kleinen Zahl von einschlägigen Fällen zu erproben. um danach den Wert oder Unwert dieses neuen Modus zu ermessen. 3. Berlin, 19. November. Eine zahlreich besuchte öffeutliche Versammlung. welche vom Ze ntralvereiu für die religi ösen Interesse n der jü di sch e n Gemeinde nach dem Saale der Brauerei Königstadt eiuberufen war. nahm heute zu derFrage der Errichtung einer Orgel in der bereits im Bau begriffenen Synagoge Nykestraße Stellung. Nach einigen einleitenden Worte»» des Leiters der Versammlung, Herrn Geheimrat Blumenthal, gab der Referent Herr Aron Hirsch der Versammlung Kenntnis von dem augenblicklichen Stande der Errichtung einer Orgel in der genannten Synagoge. Er teilte mit, daß der Gemeindevorstand, als dieser in einer Vorlage die Bewilligung von 500 000 Mark für den Ban der Synagoge forderte, mit keinem Worte die Einrichtung einer Orgel erwähnt hätte; wohl sei in dieser Vorlage davon die Rede gewesen, daß für eine Orgel Platz gelassen sei, doch hätte niemand deshalb auf die Vermutung kommen können, daß rinn eines Tages der Gemeindevorstand mit der Forderung einer Orgel an die Reprüsentanten-Versammlung herantreten würde. Aus der Statistik der mit Ausnahme von drei Vereinen sämtlich von der Gemeinde subventionierten, im Norden und Nordosten bestehenden Synagogenvereine, in denen ausschließlich »»ach altem Ritus gebetet wird, und unter Hilizurechnung der von der Großgemeülde in diesen Stadtgegenden errichteten Festgottesdienste ohne Orgel entnahm der Redner, daß ca. 6000 Plätze während der hohen Feiertage von Synagogenbesuchern in Anspruch genommen waren, welche dem Alten traditionell anhangen. Er folgerte daraus, daß ein bedeutender Prozentsatz dieser 6000 Besucher voraussichtlich in Zukunft zum Gottesdienst in der Synagoge Nykestraße gehen werde, und bezeichnete es als ein Gebot der Billigkeit, daß schon aus diesem Grunde die neue Synagoge orgelfrei gelassen werden müßte. Die Angabe des Gemeindevorstandes. daß sich in einer Synagoge von ca. 2000 Plätzen ein geordneter Gottesdienst nicht ohne Orgel vollziehen könne, weist er als irrig zurück; denn, wie er durch Rundschreibell an die verschiedenell Gemeinden habe feststellen können, finde in den großen Synagogen zll Hamburg. Hannover, Frankfurt a. M., Posen orgelfreier Gottesdienst statt. Jil dem großen London bestehe heute noch keine einzige Synagoge mit Orgel, in Paris werde in der großen Synagoge in der Rue de la victoire ohne Orgel gebetet und auch in Wien seien die größten Synagogell orgelfrei. Nachdem der Redner in einem geschichtlichen Rückblick noch interessante Daten über die Orgelfrage gegeben, über die Gutachten, die znr Zeit des Hamburger Tempelbaus (1818), als die Orgelfrage akut lvurde. von den hervorvorragendsten Rabbinern eingeholt wurden, wie über die Gutachten, welche vom Berliner Gemeilldevorstand im Jahre 1861 behufs der Errichtung einer Orgel in der Neuen Synagoge erfordert wurden, betont er mit allem Nachdruck, daß die Prinzipienfrage als gelöst betrachtet werden müsse, daß es sich aber in dem vorliegenden konkreten Falle um eine Frage der Billigkeit handele. Die Mitglieder des Zentralvereins sowie die vom Zentralverein gewählten konservativen Repräsentanten würden, eingedenk der Devise des Vereiirs „Gleiches Recht für alle", mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Orgel in der Synagoge Nykestraße einstehen, wie sie aus den gleichen Billigkeitsrücksichten wahrscheinlich sür die Orgel in einem im Westen oder Nordwesten der Stadt zu errichtenden Gotteshause stimmen würden. Endlich weist der Redner auch noch den Einwand des Gemeindevorstandes zurück, daß eine Orgel für die Trauungen wünschenswert sei. Zunächst beständen in Berlin bereits drei Synagogen, in denen die Trauung unter Orgelbegleitung vollzogen werden könne, alsdann entspreche es aber auch altjüdischem Brauche, Trauungen mit Musik stattfinden zu lassen. Der Referent macht alsdann noch der Versammlung Mitteilung über die von den konservativen Repräsentanten angeregte, unseren Lesern bereits bekannte Umgestaltung der Barmizwahfeier ituö gibt unter lebhaftem Beifall der Hoffnung Ausdruck, daß die Wünsche, welche viele Teilnehmer der Versammlung bewegen, sich zum Wohle der Gemeinde und zum Heile des Judentums erfüllen mögen. In der bisweilen sich recht stürmisch gestaltenden Diskussion sprachen fast sämtliche Redner gegen die Orgel. Den konservativen Repräsentanten wurde vorgeworfen, daß sie die der Reprätentanz aufgezwungene Revision der Gemeindestatuten nicht benutzt hätten, um endlich das Parochialsystem durchznsetzen und hierdurch die natürliche Gliederung der Gemeinde herbeizuführen. Ein Mitglied der Bankommission erklärte, daß der Bau der Synagoge auch nicht anders hätte aufgeführt werden können, selbst wenn man von vornherein auf die Ausstellung einer Orgel verzichtet hätte. Bemerkenswert erscheint noch die. Mitteilung eines konservativen Repräsentanten, daß unter den 13 konservativen Mitgliedern der Repräsentanz nicht eines für die Orgel zu haben ist. daß innerhalb des Gemeindevorstandes mit erdrückender Majorität die Orgel gewünscht wird, und daß auch innerhalb des Rabbinats eine sehr gewichtige Stimme sich zu Gunsten der Orgel ausgesprochen hat. Zum Schluß der Versammlung gelangte eine Resolution zur Annahme, wonach die aus Bewohner»» der Stadtviertel Schönhauser Tor. Prenzlauer Tor und Königstor sich zusammensetzende Versammlung gegen die Absicht protestiert, in der Synagoge Nykestraße eine Orgel zu errichten und den entschiedenen Wu»»sch ausdrückt, daß dort der Gottesdienst in althergebrachter Weise eingerichtet »verde. H. Berlin, 18. November. Im „Verein Jüdischer Studenten zu Berlin" sprach am Dienstag, den 11. November, Herr Dr. Tuch über „Indische Bodenkulturbestrebungen in Deutschland". Der Redner erörterte die Fragen, ob es möglich und ob es vorteilhaft sei, deutsche Juden in größere»» Massen der Landwirtschaft zuznsühren. An der Hand der bestehenden. Agrarverhältnisse wies der Vortragende nach, daß Genossenschaften selbständiger Ballern, welche die Bodenkultur mit alleil Hilfsmitteln der modernen Technik betreiben, in Deutschland wohl gedeihe»» können. Der Ei»lwa»ld. daß die Jude»» zum Ackerbau nicht geeignet seien, sei nur teilweise berechtigt; gerade die Bearbeituilg des Bodens könnte zu einer körperlichen Stärkung der Juden beitragen. Auch vom wirtschaftlichen Standpunkte sei ein solcher Versuch zu begrüßen, da es durchaus not»ve»»dig sei, den auf wellige Berufe beschränkten Jude»» einen neuen Erwerbszweig z»l erschließen. In sozialer Hinsicht sei eine derartige Massenansiedelung jüdischer Bauern von großer Bedeutung. Ein starker jüdischer Bauernstand würde der deutschen Jndenheit eine feste Gruildlage schaffen; auch die wirtschaftliche Schädigung der Juden durch den Antisemitismus »vürde »vahrscheinlich verringert werden. Zum Schluß sprach der Redner die Hoffnung aus. daß das Vorurteil, welches noch in vielen jüdischen Kreisen gegen diese Bestreblnlgei» bestehe, schwinde und das Kapital sich ihnen zuwenden möge. Al» die interessanten Ausführungen des Referenten schloß sich eine lebhafte Diskussion, an der sich sowohl die Vereinsnlitglieder als auch die zahlreich erschienenen Gäste rege beteiligten. -A. Berlin, 24. November. Der eben erschienene Bericht über die Rudolf Mosse'sche Erziehungsanstalt für Kllaben und Mädchen in Wilmersdorf ist ein erfreuliches Zeugllis für das Wachstum und Gedeihen dieses wahrhaft humanitären Instituts, das mm schon neun Jahre seiner Wirksamkeit hinter sich hat. Von besonderen» Interesse ist für uns in den Mitteilmlgen über den Entwicklungsgang der Anstalt, die Direktor Dr. Heinitz erstattet, die Tatsache, daß der Stifter seine Absicht, jüdische und christliche Kinder bei Vergebung der Stellen gleichmäßig z»l berücksichtigen, in den letzter» Jahren annähernd zur Ausführung bringen konnte, da im Gegensätze zu den Vorjahren auch an Bewerbungen aus gebildeten jüdischen Familien kein Mangel war. Zu Beginn des Schuljahres 1903—1904 waren 48 jüdische, 49 evangelische und 2 katholische Kinder in der Anstalt. Den Unterricht in der jüdischen Religion leitete Lehrer Mandel. Besoilders interessant sind die Mitteilungen über die Berufswahl der abgegangenen Zöglinge, ans denen eigentlich die wichtige und zielbewußte Erziehungsarbeit der Anstalt an» besten zu erkenne» ist. Der Stifter und seine Gattin bewahrten allen aus der Anstalt entlassenen Zöglinge»» stets ihre liebevolle Teilnahme und unterstützten sie auch mit Rat und Tat. Möge es der Erziehungsanstalt auch ferner gelingen, ihre großen huma»»en Prinzipien zu verwirklichen und das schö»»e Ziel, das der Stifter ihr gesteckt, in immer höherern Maße zu erreichen! x. Lifsa, 20. Novernber. Herr Stadtrat I. Jak»ibowski, der zugleich Provinzial-Landtagsabgeordneter und zweiter Gemeindevorsteher ist, feierte am 14. d. in» Kreise sei»»er Familie in seltener körperlicher und geistiger Frische seinen siebzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlaß rvurde derselbe von Nah und Fern durch zahlreiche