Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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67. Jahrgang. No. 48. Berlin, 27. November 1903. Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung üe§i Judentum^" korrelpondkn?kn und Nachrichten. Deutschland. -A. Berlin, 21. November. Der geschästsführende Vorstand des Rabbiner Verbandes in Deutschland hat die Mitglieder des Centralausschusses 311 der statutenmäßigen Iahressitzung am 23. Dezember d. I. vormittags 10 Uhr nach Berlin, Oranienburgerstraße 30/31, eingeladen. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Bericht über die Geschäftsführung des Verbandes seit der Rabbinerversammlung in Frankfurt a. M. 2. Kassenbericht und Entlastung des Kassierers. 3. Bericht des Vorsitzenden der Kommission zur Beratung der Allträge auf Statlltenabänderung (Dr. Cohn-Kattowitz). 4. Bericht des Vorsitzenden der Kolnmission zur Beratung der Statuten des ihnen bereits srüher zugegangenen Entwurfes der Pensions- und Reliktenkasse deutscher Rabbiner (Dr. Freudenthal-Danzig). 5. Bericht des Vorsitzenden der Kommission zur Schaffling geeigneter Lektüre für die iüdischen Strafgefangenen (Dr. Prager-Cassel). 6. Wahl eines Vertreters für den Ausschuß zur Beratung der Gesamtorganisation der deutschen Juden. 7. Beitrag des Rabbinerverbandes zu den Ausgaben des deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels. lDr. Werner-München.) S. Berlin, 18. November. Eine erhebende Trauerfeier um ein im vorigen Jahre heiulgegangenes Ehrenmitglied, ben Geheimen Negierungsrat Professor Dr. Moritz Lazarus, veranstaltete heute Mittag im Saale des Vrüdervereins der Akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur. In dem aufs würdigste mit Blattpflanzen und Topfgewächsen geschmückten Raum, an dessen Querseite sich die schwarz drapierte Büste des Verblicheneil wirkungsvoll abhob, hatte sich eine zahlreiche und destinguierte Schar von Freunden und Verehrern des großen Totell eingefuuden. Neben den Allgehörigen der Familie Lazarus war als Vertreter der Universität der Rektor derselben, Professor Freiherr von Nichthofell, erschienen; aus dem Lehrkollegium bemerkten wir noch u. a. die Herren Professor Nich. Boeckh und Lasson. Das Kuratoriunr und Dozentenkollegium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums hatten sich in eorpore eingefunden, der Vorstand der jüdischen Gemeinde, das Rabbinat und das Rabbinerseminar hatten gleichfalls Vertreter eutsandt und auch die an der hiesigen Universität bestehenden jüdischen Verbindungen hatten ihre Chargierten in vollem Wichs delegiert. Nachdem der Chor der Synagoge Lindenstraße die Feier mit denl Gesang: „Ach des Todes finstere Schauer" eingeleitet, hielt Herr Rabbiner Dr. Blumenthal die Gedächtnisrede. In schlichter, vornehmer, aber gerade dadurch wirkungsvoller Weise schilderte der Redner eingehend das Leben und Schaffen des Heimgegangenen. Nach einer allgemeinen Würdigung der Lebensarbeit Lazarus' und einer Kennzeichnung der Weltanschauung desselben, führte er die Zuhörer in psychologisch feiner Weise von der Wiege bis zum Grabe des Philosophen. Er zeichnete das Bild des Menschen wie des Gelehrten, des Philosophen wie des Schriftstellers und würdigte die Verdienste, die sich Lazarus um die Philosophie wie um das Judentum erworben. Aus Grund seiner jüdisch-rabbinischen Bildung wie andererseits infolge der Eindrücke, die er in seiner Vaterstadt Filehne mit ihrer gemischt nationalen, wie gemischt konfessionellen Bevölkerung in sich ausgenommen, habe sich Lazarus, wie er selber bekannte, der Völkerpsychologie, in deren Erforschullg er so Hervorragendes geleistet, zugewandt. Zum Schlüsse sprach Redner die Ueberzeugung aus, daß noch einlnal der gegenwärtigen Periode des Rassen-, Klassen- und Massenhasses eine Zeit folgen werde, in der das bedeutsame Schaffen und Wirken von Lazarus im deutschen Volke zu dauernder Anerkennung gelangen werde; das Judentum werde seiner nie vergessen. Auf die Rede, die auf alle einen tiefen Eindruck hervorrief, folgte abermaliger Chorgesang („Ihm, der zum Frieden ging durch Todesschauer"), der die stinnnungsvolle Feier beendete. 8. Berlin, 19. November. In der heutigen Delegiertenversammlung des Verbandes für jüdische Wohltätigkeitspflege stand als einziger Beratungsgegenstand die Organisation der Kranken- und Hauspslege auf der Tagesordnung. Die Versammlung war aus dem Grunde, daß andere Vereinigungen den gleichen Abend zu ihren Sitzungen gewählt hatten, nicht so gut besucht wie die bisherigen. was um so bedauerlicher war, als ein die Wohltätigkeitspflege integrierender Bestandteil zur Diskussion gestellt war. Der Vorsitzende des Verbandes, Herr Justizrat Breslauer, gab nach Begrüßung der Vertreter der angeschloffenen Vereine die Einleitung zum Thema des Abends. Er legte dar, daß gemäß der rastlos fortschreitenden Entwicklung unserer Stadt und ihrer einzelnen Institutionen auch eine Neuorganisation der Krankenpflege, soweit sie die Armenpflege berühre, von dringender Notwendigkeit sei. Als glänzende Unterlage für eine Umgestaltung der Krankenpflege gab er der Versammlung einen Ueberblick über die Fortschritte, die in der erst jüngst geschaffenen Zusammenfassung der Wöchnerinnenvereine zu Tage getreten sind. Es sind in der Zeit vom 1. April bis zum 1. November dieses Jahres 273 Gesuche von 185 Parteien eingereicht worden; im verflossenen Jahre sind in der gleichen Zeit 482 Gesuche von 232 Parteien eingelaufen. Im vergangenen Jahre sind auf 186 Gesuche 4760 Mark bewilligt, in diesem Jahre sind aus 169 Gesuche 5063 Mark gegeben worden, also 300 Mark mehr für die verringerte Anzahl. Die Befürchtung derjenigen, die da annahmen, daß durch die neue Organisation die Petenten geschädigt würden, habe sich als grundlos erwiesen, da im Gegenteil im Einzelfalle durch die Zusammenfassung der Vereine habe mehr gegeben werden können, wo wirkliche Not und Bedürfnis vorhanden gewesen sei. Ein gleicher Fortschritt lasse sich auch in der Krankenpflege auf dem Gebiet des Armenwesens erreichen. Der Ausschuß des Verbandes habe sich zwar bereits mit dieser Frage besaßt, habe aber noch nicht Definitives beschließen wollen, ohne einen Meinungsaustausch der Vertreter der einzelnen Vereine herbeizuführen. Die Hauptursache der meisten Verarmungsfälle sei erfahrungsgemäß auf Krankheit zurückzuführeu. Das wesentlichste Erfordernis sei somit die Gesundung des Kranken, soweit dies möglich, herbeizuführen, um ihn durch Arbeitsfähigkeit der Armenpflege zu entziehen. Hierzu sei nur der Arzt im stände, und es werde sich zweifellos eine große Zahl junger Aerzte finden, die gegen ein mäßiges Honorar — etwa in Höhe von drei Mark — an der Hand eines genauen Fragebogens die erforderliche Untersuchung vornehmen und sich gutachtlich über den Fall und die eventuellen Heilmaßnahmen äußern. Die bestehenden Institutionen, wie Krankenhaus, Hospital, Alterversorgungsanstalteu, Sanatorien k. könnten nach dieser Richtung hin alsdann noch mehr herangezogeu werden als bisher. und die Schaffung neuer bisher fehlender, wie z. B. Gemeindepflegeschwestern, Heim für verkrüppelte oder sieche Kinder n. a. m. in die Wege geleitet werden. Durch Regelung der Krankenpflege in diesem Sinne, daß also auf Grund des ärztlichen Gutachtens die Armenkommission die erforderliche Hilfe gewähre, könne nach Ansicht des Referenten Besseres geleistet werden als früher. Herr Martin Simon hält diese Anregung nicht für zweckmäßig. Nach ihm könne der von der Armenkommission entsandte Laie mit praktischem Blick unter Umständen mehr leisten als der Arzt, der erforderlichen Falls auch von der Armenkommission entsandt werde, sobald das recherchierende Kommissionsmitglied die Hinzuziehung desselben für notwendig erachte. Es sei fernerhin nicht ratsam, aus die Autorität eines jungen Arztes hin die ganze Hilfsaktion aufzubauen. Auch eine stärkere Heranziehung der bestehenden Institute, wie Krankenhaus, Hospital. Altersversorgungsanstalten, sei nicht so leicht durchsührbar, wie der Referent sich vorstelle. Zunächst seien dieselben zum Teil stark überfüllt. alsdann aber ftäuben gewisse statutarische Bedingungen einzelner Organisationen der Aufnahme einer größeren Anzahl von Petenten hindernd im Wege. Im übrigen wisse die Mehrzahl auch ohne Zutun des Aerztes, wo sie Hilfe zu finden habe und wende sich aus eigenem Antrieb an die zuständigen Stellen. Er halte die Aureguug des Referenten nicht für eine Verbesserung, sondern nur für eine Erschwerung des Geschäftsganges der Armenkommission, die ja bereits im Sinne des Vortragenden als vornehmste Aufgabe die