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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-27 · Heft 48 (27.11.1903) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 576 (sequence 14)
Language
German
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576 »Wie heißt Du?" fragte sie ihn wohlwollend, und nachdem sie ihn genügend allsgefragt, setzte sie großartig hinzu: „wenn ich etwas zu stricken habe, werde ich sicher zu Deiner Mutter kommen." Philipp, der sich inzwischen gefaßt hatte und über die zehn Pfennig furchtbar wütend geworden war, sagte, das Geld auf den Tisch legend: „Geben Sie diesen Nickel Ihrem armen, kurzsichtigen Dienstmädcheil zurück, ich will es llicht darum berauben," und mit diesen Worten war er verschivunden. Die Familie Meyer schaute ihm verblüfft nach. Herr Meyer sah auf und bemerkte in zornigem Tone zu seiner Frau: „Es ist empörend, daß dieser arme Junge uns beschämen kann. Wenn er nicht vornehmer denkt wie Du, kann er Dich gerichtlich um die zugesagte Belohnung belangen," Seine Frau antivortete giftig: „Für diesen Betteljurigen sind zehn Pfennig genug, außerdem ist das meine Smhe." „Nein," schrie er, „es ist meine Sache, wenn die Leute uns ein direktes Unrecht vvrwerfen können; ich werde übrigens den Jungen wiederfiuden und ihn zufrieden stellen." Mit diesen Worten stolzierte er ans beni Zimmer, die Frau aber ächzte, die Nase melancholisch bewegend: „Selma, der Vater ist krank geworden." Bei Kuhls entstand »unmehr große Aufregung, als Philipp sein Abenteuer erzählte. Sie beschlossen jedoch, nicht gerichtlich vorzugehen, sondern den kleinlichen Geiz der Frau Meyer der Oeffentlichkeit Preis zu geben. In einem Hause mit drei Töchtern ist dies keine schwere Aufgabe. Die Mädchen saßeil fleißig an ihrer Strickmaschine, als Fräulein Dora eintrat. Sie wandte sich freundlich nickend an die älteste Tochter Rosalie. „Fräulein, kommen Sie heute Abend in die Vier Jahreszeiten, es ist Beschüstigung für Sie da. Ich habe dem Fräulein Schmidt vom Strumpflager versprochen, es Ihnen anszurichten, also seien Sie bitte pünktlich." Die Mutter hatte inzwischen einen Stuhl geholt, auf den sich Fräulein Dora „für eine Minute" niederließ. „Denken Sie, Fräulein, ich muß Ihnen doch eine Unverschämtheit einer Frau Meyer vom Südring erzählen," begann die Mutter, schöpfte tief Atem und schilderte das ganze Abenteuer. Fräulein Dora wurde furchtbar aufgebracht. „Soll denn der Hexe alles durchgehen! Was fängt denn Philipp überhaupt an?" „Er ist Lausbursche iin Zentralbazar, fühlt sich aber unglücklich, weil er höher hinaus will. Wir können ihn aber doch in keine kaufmännische Lehre tun oder studieren lassen, dazu reicht es uns nicht, und er will sich von anderen nicht nnterstützeu lassen." Dora sagte nachdenklich: „Für einen Laufjungen ist Philipp in der Tat zn schade. Wir brauchen einen gescheiten Jungen für die Expedition und für kleinere schriftliche Arbeiten, da könnte er, wenn er strebsam ist, in die Höhe kommen. Ich werde einmal mit dem Ehef reden." „Ach Fräulein, wie dankbar werden wir Ihnen sein!" „Ist gar nicht nötig." lachte das junge Mädchen, „ich helfe ihm gern, weil er Frau Meyer geärgert hat." lForts. folgt.) Litersrilchr Mitteilungen. Zur Kenntnis der russischen Judenfrage wird ein Werk cm» der Feder des Brüsseler Professors Leo Errera nicht unwesentlich beitragen, welches soeben in autorisierter deutscher Ausgabe > (Leipzig, Schulze & Co., 1903) erschienen ist. „Die russischen Juden, Vernichtung oder Befreiung?" betitelt sich dieses aufsehenerregende Werk, dem Professor Theodor Mommsen u. a. folgende Worte widmete: „Das erschütternde, leider auf zu zuberlässigen Tatsachen begründete Bild, das Sie von der Lage entwerfen, wird nicht verfehlen, viele Herzen zu rühren und iftnen den Abgrund zu enthüllen, von dem gesunder Menschenverstand und Menschlichkeit, beide zu gleicher Zeit, verschlungen zu werden scheinen." Der Verfasser appelliert au das Solidaritätsgefühl der ganzen zivilisierten Welt und geht ihr mit einem bestimmten, unanfechtbar glaubwürdigen Material an die Hand. Er führt für seine Behauptungen eine stattliche Reihe von Zeugen an, u. a. den Fürsten Demidow San Donato, die Amerikaner Weber und Kempster. Tolstoj und einflußreiche Zeitungen, die bereits ein „kräftig Wörtlein" zur Linderung der vollständig zu unrecht drangsalierten russischen Juden gesprochen haben, das an maßgebender Stelle wohl gehört wurde, aber keinen Widerhall fand. Der Verfasser stellt die Frage: Welche Wege bieten sich für schnelle Lösung der russischen Judenfrage? Soll sie in der Vernichtung des jüdischen Volkes bestehen, oder in der Massentaufe? Die einmütige Antwort kann nur sein: Gleichstellung der Juden und völlige Freiheit, sich im ganzen unermeßlichrn Rußland ansiedeln zu können. Alle allderen Versuche, die überaus brennende Frage auf andere Art aus der Welt zu schaffen, scheiterten bis jetzt au der Unausführbarkeit, und vor einer Lösung durch Vernichtung des ganzen Volkes wird selbst der erbarmungsloseste Judenfeind zurückschrecken, wie andrerseits allen Allzeichen nach Massentaufen die Regierilng zu verhindern suchen lvird. „Tua res agitur“ ruft der Verfasser zum Schluß seilles menschenfreundlichen Werkes der ganzen Welt zlt und ermahnt alle diejenigen, denen es ihre Stellung im öffentlichen Leben erlaubt, ihreu Einfluß zur Befreiung eines unmenschlich bedrängten Volkes, dem nur der Vorwurf geniacht werden kann, als Juden geboren zu sein, auszuüben. Das Buch sollte von jedermann gelesen werden, da es die menschenunwürdigen Verhältnisse der russischen Juden rücksichtslos aufdeckt. Sxrechsaal. Verehrter Herr Redakteur! estatten Sie mir, eine Lücke in Ihrem freundlichen Bericht vom 30. Oktober über meinen in Berlin gehaltenen Vortrag „Judentum und Musik" (sie!) auszufütlen, weil sonst eine Ansicht als die meinige geltend bliebe, die das nicht ist. Außer von jenen Völkern, bereu Gehör von der Natur einseitig für Dur oder für Moll disponiert ist — wie die Deutschen, die kein Volkslied in Moll haben, und die alten Griechen, deren sämtliche Skalell »rach Niemann Ausschnitt aus der Molltonleiter sind — habe ich von Völkern gesprochen, die wie die Russen für Dur und Moll gleich gut disponiert, also musikalisch reicher begabt finb, und llicht nur in jedem der beiden Klailggeschlechter Volkslieder besitzell, sondern auch beide im selben Lied schon einander entgegensetzen, lmd endlich von Völkern, die in ihren Skalen scholl Dur und Moll mischen lvie es die zigelnlerischen, urspri'ulglich zweifellos orientalischen (2) Skalell tun. Die jüdische (Sailg- und Spielweise) mischt nun griechische und orientalische Skalen (oder Skalenhälften, Tetrachorde) — eine Ansicht, in der ich im Prinzip mit Singer zusammentrefse — ich habe nur mehr Skalell für den Schatz jener angenommen, als er, weil die seinigen zuni Beispiel jenes archaische N2N ^3 am Jom Kippur, wie es Lewandowski mitteitt, nicht erklären und meine sieben oder acht jüdischen Skalen (Tonarten) es auch begreiflicher machen, daß die Musiklehrlinge im Tempel zu Jerusaleln fünf Jahre (ohne Noten) studieren mußten, ehe sie als Sänger zugelassen wurden. Heute ist noch der Gesang guter Chasonim die Quelle zur Feststellung wirklich jüdischer Tonweise. Darlzig. D r. C. Fuchs. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Lerlin.

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