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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-27 · Heft 48 (27.11.1903) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 575 (sequence 13)
Language
German
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575 Wehmütig betrachtete Dora den Berg Jacketts, der sich angehäuft hatte, und gab dem Lehrmädchen einen Wink, mit dem Aufräumen zu beginnen. Eine Kollegin nahte und fragte: „Welchen Drache» hast Du da bedient?" Dora erwiderte wütend: „Gerade auf mich hat sie es abgesehen. Sie hält mich stundenlang auf und kauft nichts und dann macht der Chef mir Vorwürfe." „Wer ist es denn eigentlich?" „Es ist eine Frau Meyer, die Frau eines Versicherungsinspektors, die schon eine große Tochter hat. Sie hat die größte Zunge der Welt und ist der Schrecken aller Geschäfte." Die Mädchen waren flink, beim Plaudern lichtete sich der Wust ans dem Tische. Auf einmal sagte das Lehrmädchen zitternd: „Da kommt sie wieder," und richtig, Frau Meyer schoß heran. „Ich habe meinen goldenen Kneifer hier liegen lassen, haben Sie ihn gefunden?" „Bis jetzt noch nicht, wir wollen einmal suchen." Die Jackets wurden auseinander gewühlt, man suchte ans dem Tisch, unter dem Tisch, es ivar nichts da. Frau Meyer schlängelte dränend ihre Nase gegen Fräulein Dora: „Er muß da sein!" Das Mädchen zuckte die Achseln. „Hier ist er nicht, Sie werden ihn noch in der Tasche oder unterwegs verloren haben." Frau Meyers Augen funkelten, sie zog ihre Taille straff, um eben eine längere Rede zu beginne», als sie stutzte. Sie faßte eine dünne Schnur, zog daran und zog, bis sie das zerfaserte Ende in der Hand hatte, ein Kneifer jedoch war nicht daran. Fräulein Dora sagte etwas schadenfroh: „Sie scheinen das Pincenez auf der Straße verloren zu haben." Fran Meyer sah sie mit einem furchtbaren Blicke an und herrschte ihr zu: „Wenn Sie es finden, schicken Sie es nach meiner Wohnung, Südring 22." Der Rayonchef nahte, die Hände in den Taschen: „Nun, Fräulein Dora?" „Ich soll es nach ihrer Wohnung schicken." „Was denn, was hat sie gekauft?" „Gekauft nichts. Ader den Kneifer, den sie hier verloren haben will." „Nichts gekauft und doch so lange aufgehalten. Gnade Gott dem Kneifer, wenn ich ihn finde, dann hat er ansgelitten." Lachend gingen die jungen Leute wieder an ihre Beschäftigung. Kapitel 5. In einem hell erleuchteten Zimmer saß die Familie Kühl, der angenehmen Beschäftigung des Abendbroteinnehmens obliegend. Obschon die. Familie aus sieben Personen bestand, war es doch sehr ruhig im Zimmer, inan hörte nur das Klirren der Messer und Gabeln und das Geräusch, das aus der volkreichen Straße gedämpft in das Zimmer des zweiten Stockes hereintönte. Nachdem nun das Verlangen nach Speise getilgt war, fragte die Mutter, eine lebhafte Fran mit scharfen Zügen: „Nichts Neues?" Als nun alles ruhig blieb, fragte sie spezieller ihren Mann: „Moses, warum bist Du so spät gekommen?" Der gefragte Gatte erwiderte: „Ich wurde lange aufgehalten. Herr Ullmaun, bei dem ich gelernt, hat mir eine Jahrzeittabelle bestellt." Die Mutter nickte befriedigt. Die Töchter, die an der Strickmaschine arbeiteten, hatten ebenfalls genügende Arbeit mit nach Hause gebracht. Die beiden Söhne, die Schneider waren, erzählten, daß sie trotz der stillen Zeit weiter beschäftigt würden, und so waren die fleißigen Leute allerseits zufrieden. „Und wo bleibt Philipp so lange?" fragte die Mutter, als draußen munteres Pfeifen ertönte und ein etwa fünfzehnjähriger bildschöner Bengel, mit übermütigen Angen, hereinstürmte und seine betreßte Mütze der ältesten Schwester Rosa in den Schoß warf. „O, welchen Hunger habe ich mitgebracht," rief er lind ließ sich auf einen Stuhl fallen, vor den die Mutter einen Teller, berghoch mit Kartoffeln gehäuft, stellte. Bevor der Junge sich aber daran machte, wusch er sich die Hände und murmelte den Segensspruch, was inklusive Mauze allerdings keine Viertelminute dauerte. Als der Junge nun sein ausgiebiges Stück Fleisch erhielt, setzte er einen goldenen Kneifer auf und betrachtete es mit kritischem Blicke, ivorüber die ganze Gesellschaft in lautes Lachen ausbrach. „Junge, wie kommst Du an das Glas?" „Ich habe es heute nachmittag gefnndell." Eine der Schivestern, die den Kneifer näher betrachtete, sagte: „Das ist ein wertvolles Stück, ivir müssen morgen im Anzeiger Nachsehen, ob es verlangt wird." „Jawohl," sagte Philipp vergnügt, „dann bringe ich ihn ivieder, und für die Findergebühren kaufe ich mir ein Buch." Der Vater brnmiilte: „Narr, lerne Thora, die brauchst Du nicht zu kaufen." „Ja Vater, die lerne ich auch, ich will aber auch etwas anderes wissen." Wie Philipp andern Mittags heim kam, zeigte ihm seine Schwester die Anzeige im Blatt, daß der Finder des Kneifers diesen gegen hohe Belohnung bei Meyer, Südring 22, abgeben möge. „Ich bringe ihn sofort hin, Mutter," sagte Philipp eifrig und nahm seine Mütze. Die Fainilie Meyer saß auch um den Tisch versammelt, aber weder so zahlreich, noch so vergnügt, wie Kuhls. Außer der Frau Meyer waren da ihr Gemahl, ein kleines, wohlbeleibtes Männchen und ihre einzige Tochter Selma, welche die kleine Figur des Vaters mit der Nasenschärfe der Mutter vereinigte. „Also ist der Kneifer noch immer nicht da?" sagte der Vater. „In," zeterte seine Frau, „ich sagte Dir doch sofort. Du sollest durch die Polizei Haussuchung in den Vier Jahreszeiten halten lasten." „Das geht nicht," sagte Selma sanft. „Wenn die Person den Kneifer behalten will, ist er längst nicht mehr im Geschäft. Dieser Dora traue ich alles zu, sie hat auch in der Tanzstunde so mit den Herren kokettiert, daß sie immer Tänzer hatte, wenn Herrenmangel >var, und ich zusehen konnte." Bei diesen Worten klingelte es. Ein Junge trat bescheiden ein, mit abgezogener Mütze. „Haben Sie einen Kneifer verloren?" „Jawohl," rief Frau Meyer und schoß wie ein Torpedo auf den Jungen los. „Hast Du ihn gefunden?" Philipp zog ihn aus der Tasche. „Ich habe diesen auf der Seestraße ausgehoben, ist es der verlorene?" „Gewiß," sagte Frau Meyer freudestrahlend, setzte aber mit großer Geistesgegenwart hinzu: „Er ist ja an und für sich nicht viel wert, ich habe ihn für mein Dienstmädcheli reparieren lassen, doch sollst Du etwas für Deine Mühe haben," und damit drückte sie dem verdutzten Jungen zehn Pfennigen die Hand.

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