Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 572 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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572 innere hervorgeholt werden: die Aeußerungen des Stückes i selbst. Ich habe in nochmaliger Lektüre das Auftreten Spiegelbergs genau verfolgt und muß sagen, daß seine Sprache sickl in keiner Weise sprachlich von der der anderen Räuber unterscheidet, daß spezifisch Jüdisches sich nirgends findet, man müßte denn ben Ausruf II, 8 „Denn warum bin ich nicht geblieben j in Jerusalem," d. h. die Stellung des Wortes geblieben vor, ' nicht nach „Jerusalem" dafür annehmen. Sonst kommt gerade! im Munde Spiegelbergs das Wort jüdisch oder Anspielungen! auf Palästina gelegentlich vor, aber diese Anspielungen beweisen! wenig. Tenn die Aeußerung: „hatte nichts als diesen Stab, > da ich über den Jordan ging," läßt sich zu keinen Schlüssen; verwenden. Es soll ganz gewiß nicht bedeuten, daß Spiegelj berg sich habe taufen lassen, sondern ist sicher nur ein biblisches 1 Bild vorr dem Auszug aus einer bürgerlichen Stellllng zu den! Räubern, eine Gegenüberstellung der früheren Armut und des! gegenwärtigen Reichtums —, ein Bild, das einem Bibelkenner geläufig war, welches Glaubens er auch sein mochte. Noch weniger beweist meines Erachtens das erste Wort, welches Spiegelberg zu sprechen hat: „Den Josephus mußt du lesen", Worte, die er nachher so variiert: „Lies den Josephus, ich bitte dich darum" (beide Ausdrücke I, 2). Denn eilte Empfehlung j des Historikers Flavius Josephus konnte Schiller, wie Minor j nachweist, hu Schwäbischen Museum gelesen haben, und daß! Juden gerade dieses Werk damals gelesen hätten, dürfte sich j schwerlich dartuu lassen; dagegen war eine solche Empfehlung passend im Munde eines Liebhabers von Greueltaten, ohne daß dieser gerade dein Judentum entstamurte. Geradezu gegen die Annahme, daß Spiegelberg ein Jude j sei, spricht aber das, was er über seine Bltbenjahre erzählt, j Wer weiß, tvie eingezogen die Juden damals lebten, wie wenig! sie sich trauten mit Andersgläubigen zu verkehrett, wie gerittgen! Wert die Eltern in ihrer verkehrten Anschauung über Er-! ziehtmg auf körperliche Uebungett legten, der kann nicht glauben,! daß ein Judenkuabe damals so wie Spiegelberg erzählt (1,2), j mit seinen Altersgenossen verkehrte, z. B. mit ihtten über einen > acht Schuh breiten Graben sprang. Gegen diesen jüdischen Ursprmtg sprechen aber auch Aetlßerungen wie: „Warum sollte der Teufel so jüdisch zu. Werke gehen," die doch gewiß eher im Munde eines judeufeindlichett Christen als in dem eines Juden begreiflich wäre, und namentlich die (1,2): „Wie wür's, wenn wir Juden würden und das Königreich wieder ans das Tapet brächten." Einer, der Jude ist, kann eine solche Aeußerung tticht macheit, weil sie Uitfirm wäre, und einer, der Jude war und Christ geworden, tnüsse doch mindestens ein „wieder" nach „wir" einschieben. Aber auch die einzige Stelle, die für Spiegelbergs jüdische Abstammung zu sprechen scheint, ist nicht beweiskräftig. Sie steht auch in der ersten Unterredung zwischett Moor uttd Spiegelberg, tu der oft angeführten Szene (I, 2). Moor sagt: „Nun merk ich. Du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die Deinige schon hat," worauf Spiegelberg sagt: „Ich bin freilich wunderbarerweise schon vorausbeschnitten."2) Denn märe Spiegelberg wirklich als Jude gedacht, so wäre es durchaus kein Wunder, daß er beschititten ist, sondern, int 18. Jahrhundert wenigstens, eher ein Wunder, wenn er dieses Merkmal seiner Glaubensgemeinschaft nicht an sich trüge. Das „wunderbarertveise" kann sich also tltttnöglich auf den bei ben 0 In der zweiten Bearbeitung sind diese beiden Stellen ausgelassen. Erwähnt mag sein, daß die neuere fleißige Arbeit von H. Carrington: Die Figur des Juden in der dramatischen Literatur des 18. Jahrhunderts, Heidelberg 1897, Schiller nicht erwähnt. 2) Die in derselben Rede vorkommeude Stelle, in der er die kein Schweinefleisch Essenden znsammenrufen will: „Da bewies ich nun aus triftigen Dokumenten. Herodes, der Viersürst, sei mein Großahnherr gewesen," soll doch wohl nur eine Prahlerei sein. Juden gebräuchlichen Akt acht Tage nach der Geburt beziehen, sondern kann nur andeuten, daß dem verworfenen Gesellen vielleicht infolge einer geschlechtlichen Krankheit oder bei Gelegenheit einer Verwundung die Vorhaut von einem Chirurgen abgelöst werden mußte. Auch was über Schtlfterle gesagt wird, scheint mir in keiner Weise beweiskräftig. Die Namensendtmg le ist eine altdeutsche, besonders int Süden übliche, keineswegs eine auf jüdischen Ursprung weisende; für die Sprache Schufterles gilt übrigens dasselbe, was über die Spiegelbergs gesagt war. Sodattn mag daraufhingewiesen werden, daß es im 18.Jahrhundert verhältttismäßig selten vorkant, daß die Juden derartige deutsche Familiennamett führten, wie die beiden hier besprochenen Mitglieder der Räuberbande, sottdern sich zumeist mit biblischen oder jüdischen Bornantetr unterschieden, denen der des Vaters zugefügt wurde. Doch ist dieser Einwand, wie ich zugeben will, nicht ganz beweiskräftig; denn die beiden könnten ihre Namen erst angenommert haben, als sie in die Räuberbattde eintraten. Jedenfalls wird utan nach dem eben Ausgeführten nicht sagett können, daß in Schillers Räubern Juden dargestellt feien; es müßten denn kräftigere Beweise beigebracht werden als bisher. II. In Leipzig l) lernte Schiller einett Juden kennen, aber in jener traurigen Gestalt, in der sie durch das ganze Mittelalter zogen und auch iit der Neuzeit oft genug anftraten, als Geldverleiher, die daneben oft Wucherer waren. Der, mit welchem Schiller zu tun hatte, mit Namen Beit, war jedenfalls nicht der schlimmste seiner Art. Das Geld, das Schiller von jenem, entlehnt hatte, tvollte er von Weimar aus berichtigen, Körner sollte die Zinsen auf ein halbes Jahr zahlen und die Sendung des Wechsels veranlassen.-) Bon der Schuld, die int Ganzen 300 Laubtaler betrug, waren im April 1788 erst 100 Taler getilgt; im Oktober mußte Beit wieder prolongieren, aber Schiller ntachte sich ans, daß er jeden Monat etwa 50—55 Taler abzahlen könnte. Aber auch ein halbes Jahr später (März 1789) war noch fein Geld zur Bezahlung da, wenige Wochen später kündigte der stets in Geldnöten befindliche Schriftsteller für die nächste Zeit 150 Taler nnd den Rest ans Michaelis oder Ende des Jahres an; wirklich wurden im April zwar nicht die ganze Sttnune, aber 22 Carolin — 110 Taler gesendet. Schiller in seiner Naivität meinte nurt, der Darleiher warte geduldig auf den Rest, ohne zu mahnen, sodaß er erst drei Jahre später (21. Februar 1792) den: Dresdner Freunde den Attftrag gab, sich zu erkundigen, wieviel er denn eigentlich an Beit zu zahlen habe. Dieser jedoch, als Geldmann, hätte ganz gewiß schon früher gemahnt, wenn nicht Körner schott lange den ganzen Posten getilgt hätte und damit dem Freunde eilten lveniger zittsuttd kapitalhuttgrigen Gläubiger verschafft hätte. Ihm wurde dann bei einem Besuche Schillers in 0 Es wäre denkbar, daß Schiller auch früher schon Juden als Geldverleiher gekannt hätte. Am 11. Februar 1784 schrieb er (Schillers Briefe. 6d. Jonas, nach dies er vorzüglichen Ausgabe, 7 Bände. Stuttgart 1895 ff. wird in folgendem immer zitiert. 1, 178): „Wenn es möglich ist, daß Israel tGeldverleiher in Meiningen) bis Ostern wartet, so ist alles gut. wo nicht, so muß ich Geld auf Jndenzins aufnehmen." Dagegen war die „Judith", die 1783 Botendienste zwischen Bauerbach uttd Meiuntgett versah, schwerlich eine Jüdin, trotz Jonas Meittung, I, 471. Ein jüdisches Dienstmädchen bei einer adligen Dame ist damals schwer denkbar. Schiller gedachte ihrer noch vott Mannheim aus: „Auch die Judith laß ich schön grüßen, und es freut Ulich, daß sie mich noch lieb hat." 2) 6. Oktober 1787. I, 422. *) Die oben benutzten Stellen sind alle an Körner gerichtet. 16. April 1788, I, 43; 1. Oktober 1788, II, 122, vergl. 133; 30. März. Anfang April. 30. April 1789. II. 268, 272, 284.