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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-27 · Heft 48 (27.11.1903) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 571 (sequence 9)
Language
German
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571 Bikur-Cholim zollfreie Einfuhr für aus dem Auslande kommende pharmazeutische Fabrikate erwirkt. — Die Saloniker Gemeinde übt auch auf die in der Umgebung bestehenden jüdischen Gemeinden wie die in Monastir, Karaferia, Newrecop und Usküp, einen gewissen moralischen Einfluß aus. So hat Monastir nach dem Vorbild der Metropole Gaben für die Kischinewer Juden zu sammeln begonnen. Usküp hat drei kleine Elementarschulen gegründet, Karaferia, das Veria der Evangelien, wohin der Apostel Paulus predigen ging, zählt heute noch hundert jüdische Familien. Aber man könnte sagen, daß die Jahrhunderte spurlos an ihnen vorübergegangen seien und daß sie wie einst in ein Ghetto eingesperrt seien, dessen Tore man bei eintretender Nacht schließt. 4- * -i- Tie israelitische Gemeinde von Smyrna, die so dringend einer Ruheperiode bedarf, um das verrostete Räderwerk ihrer Verwaltung wieder in Gang zu bringen, ist wieder von einem kleinen Unglück heim gesucht worden. Eine Feuersbrunst hat eine Art Karavanserei eingeäschert, die 40 armen Familien Schlitz bot. Der Gemeinderat und die Reichen der Stadt sind daher genötigt, die disponiblen Mittel zur Linderung der Not zu verwenden. Abgesehen von unvorhergesehenen Ausgaben liegt der Gemeinde als dauernde Last die Aufbringung der Unterhaltungskosten für vier Institutionen ob, nämlich der Schulen der Alliance Israelite, des großen Kindergartens, des Vereins zur Bekämpfung der Bettelei und des Gemeindekrankenhauses, alles in allem vier Sorgenkinder. Ebenso wie Saloniki auf seine Umgebung, so übt auch Smyrna auf mehrere kleinere Gemeinden einen belebenden Einfluß aus, wie z. B. Tirich, Pergarna, Budrum, Cassaba, Magnasia rc. Tirich besitzt bereits eine leidlich geleitete Schule und zwei Wohltätigkeitsvereine; Pergama hat der Alliance Israelite mehrere neue Mitglieder gegeben; Budrum das Halicarnaß der Evangelien, birgt von einer einst zahlreicheren Gemeinde nur noch 30 bis 35 jüdische Familien in seinen Mauern, die mangels Initiative alle Mühe von der Welt haben, aus ihrer geistigen Erstarrung herauszukommerr. Was Magnasia angeht, so hat es geradezu rapide Fortschritte zu verzeichnen: es besitzt eine gut geleitete Schule, einen literarischen Verein, Wohlfahrtseinrichtungen und, last not least, eine von gutem Willen beseelte Bevölkerung. AI. F. Schiller und die Juden. Von Ludwig Geiger.') I. m Leben Schillers haben Inden keine hervorragende Rolle gespielt, in seinen Dichtungen hat er ihnen keine bedeutende Stelle eingeräumt, weder Spottverse gegen sie geschrieben, noch sie in Dramen und Romanen ausführlich behandelt, und doch lohnt es sich wohl, die Frage zu beantworten, ob der Dichter. Eindrücke von Juden empfing, die er in seinen Werken gelegentlich wiedergab, ob jüdische Persönlichkeiten in seinem Leben auftraten und welchen Eindruck bedeutende Männer der damaligen Judenheit von ihm empfingen. In den kleinen Dörfern und Städten, in denen Schiller seine Kindheit zubrachte, scheinen ihm keine Juden begegnet st Dem nachfolgenden Aufsatz sind, nachdem er in erster Gestalt 3er Redaktion Vorgelegen hatte, einige Hinweise des Herrn Dr. Karpeles sehr zu statten gekommen. zu sein. In Stuttgart, wo um 1770 viele Juden lebten, trat die Erinnerung an Jud Süß (Süß Oppenheimer), den Finanzagenten des Herzogs Karl Alexander, 1733—1737, ihm vor die Seele. „Eine freche Tat des Jud Süß scheint vorzuschweben in der Episode des Kosinskh", meint ein neuerer Schillerbiograph, st Es wird darin angespielt ans die zuerst von Boxbergerst ausgegrabene Geschichte des Karl v. Stetten, dessen Schwester von Jud Süß geschändet wurde und sich danach tötete; der Bruder wurde gefangen gesetzt und erst nach Jahren befreit.:|) Durch den Haß gegen einen Inden, der das Land ruiniert, sich schändliche Uebergriffe erlaubt hatte und vor dem Morde nicht zurückgeschreckt war, wurde die Abneigung gegen die Juden überhaupt erzeugt oder sicherlich genährt. Aus solchen Erwägungen heraus wäre die Abschilderung eines Juden in den „Räubern" denkbar. Trotzdem war ich erstaunt, als ich in einer kürzlich erschienen Studie über dieses Schauspiel die direkte Bezeichnung „Le juif Spiegelberg“4) fcmb, umso erstaunter, als diese Studie von einem sehr hervorragenden Kenner der deutschen Literatur herrührt, und der Ausdruck daher nicht willkürlich, sondern aus guten Gründen gebraucht sein mußte. Die Behauptung gründet sich wohl auf die ausführlichste Schiller-Biographie, die wir besitzen5), wo es, nach der Ausführung, der Gedanke ein jüdisches Reich eiuzuführen, sei im 18. Jahrhundert mehrfach geäußert worden und nach der Darlegung, Spiegelberg als Großsprecher und Maulheld habe manche Züge von einem übrigens christlichen Schulgenossen Schillers erhalten, so heißte „Es war ziemlich überflüssig, daß Schiller diese ohnedies scharfgezeichnete Figur in Worten und Geberdeu mauscheln läßt und auch den Schufterle mit jüdischem Namen und semitischen Accenten versah. — Nicht bloß die Abneigung, welche seit den Tagen des elenden Süß in Württemberg gegen die Inden herrschte, hat ihn dazu bewogen, sondern nach Abels Erzählung vom Sonnenwirt gab es in Schwaben wirklich eine Räuberbande, welche von den Juden Löw und Schmerle angeführt und besonders gefürchtet war. Nach dem herrschenden Vorurteil nahm man an, daß die Juden durch christliche Verfolgungen dem Betrug, Diebstahl und endlich auch der Raubsucht nur umso leichter in die Arme Getrieben wurden." Diese Ausführung veranlaßt zu einem näheren Eingehen auf die Frage, die von dem französischen Literarhistoriker so bestimmt beantwortet zu sein scheint. Schiller hat sich nirgends über Spiegelbergs Judentum ausgesprochen: weder in dem großen Aufsatz über die „Räuber", noch in der Mitteilung über die erste Vorstellung des Stücks st kommt etwas darüber vor; auch die zeitgenössischen Kritiker und Berichterstatter über die Aufführung7) sagen davon nichts, was sie gewiß getan hätten, wenn etwa Spiegelberg nach des Dichters Intentionen in Kleidung oder Tonfall den Juden hervorgekehrt hätte. Da uns also äußere Zeugnisse im Stich lassen, so müssen st Schiller von Otto Brahm. Berlin 1888. I, 131. Unter den neueren Schiller-Forschern ist Brahm einer der wenigen Juden. Sonst sind zu erwähnen: Ed. Boas, der von 1838 bis 1851 eine Reihe wichtiger Editionen und Forschungen Schillers widmete, M. Ehrlich, Goethe und Schiller. Berlin 1899, Alexander Weill. Paris 1855. -) Archiv für Literaturgeschichte, 111, 285 fg. st Weltrich, Friedrich Schiller, Stuttgart 1885. l, 380 sg. st Chuquet, Ltuäes äs Litterature Allemande. 2. Serie, st I. Minor, Schiller, sein Leben und seine Werke. Von dem aus 5 Bände berechneten Buche sind erst zwei (der letzte 1890) erschienen. st Zuerst gedruckt im Württembergischen Repertorium, dann auch in Historisch-kritische Ausgabe von Schillers Werken Bd. 2; die Aufsätze sind auch in andere Schillerausgaben übergcgangeu. st Wenigstens soweit die Berichte bei Braun, Schiller im Urteile seiner Zeitgenossen wiedergegeben sind.

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