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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-27 · Heft 48 (27.11.1903) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 569 (sequence 7)
Language
German
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569 Wer als Jude „deutschnational" im Sinne jener Herren gesinnt ist, d. h. also die Oppositionsparteien für bekämpfenswert hält — der handle nach seiner Ueberzeugung! Aber für das Judentum ist das völlig belanglos. Unsere ewig unveräußerlichen Rechte als Juden und als Menschen liegen außerhalb der Machtsphäre einer Politischen Partei. Ob die Antisemiteil uns Mangel an nationaler Gesinnung voriversen oder Ueberflnß daran, ob sie uns loben oder tadeln — unsere Stellungnahme zu den Frageil des politischen Lebens wird nie und nimmer dadurch beeinflußt, die ivird einzig und allein von unserer Ueberzeugung bestimmt. Die Teutschgesinnten von dem neuen Verein wollen auf eine Ueberzeugung verzichten und setzen an ihre Stelle — Gründe der Opportunität! Weil es ihnen nützlich scheiiit, werden sie — teutschnational! Vielleicht haben sie, ehe diese Zeilen gedruckt sind, ihre „Ueberzeugung" schon wieder geändert, denn wenn uuglücklicheriveise sich „oben" die Anschallungen über die Opposition geändert, dann „bekennen" sie sich auch zur Opposition und ziehen gegen die Deutschnationalen zu Felde. Wer den pvlitischeil Radikalisiilns der Juden für die Ursache des Antisemitismus hält, der befindet sich über das Wesen des Alltisemitismus in einem für einen Juden kaum glaublichen Irrtum. Lrirke aus dem Orient. Im November 1903. erschiedene Ereignisse mancher Art, die sich in letzter Zeit unter den Juden des Orients zugetragen, verdienen ivieder einmal einem größeren jüdischen Leserkreise bekannt zil lverden. Ich gehe auch diesmal wieder nach Ländern und Hauptgemeinde». Bulgarien. Vor kurzem hat das Orgail des israelitischen Centralkonsistoriums Bulgariens „Evreiski Eco" das Ergebnis der am 31. Dezember 1900 stattgehabten Volkszählung veröffentlicht. Wir entnehmen derselben, daß die Gesamtzahl der bulgarischen Juden eigentlich 33 663 beträgt und zwar 16 607 männlichen und 17 056 weiblicheil Geschlechts. Nicht weniger als 17 352 sind Analphabeten. Außerdem wird konstatiert, daß circa 100 Juden 90 bis 100 Jahre alt sind und daß sich die jüdische Bevölkerung im Vergleich zur Zählung von 1895 um 6000 Seelen verniehrt hat. Auf Veranlassung des internationalen Sozialistenkomitees wurden die Sozialisteil in Sofia zu einer großen Versammlung zu Gunsten der Kischinewer Opfer zusammenberufen. Zuerst fand sie im Zirkus Bulgaria statt. Als aber der erste Redner gleich zu Anfang von anwesenden Macedoniern durch erregte Rufe: „Nieder mit den Juden!" am Sprechen verhindert wurde, begab man sich nach dem Sveti-Kral, einem großen Saale, der gerade zur Verfügung stand. Aber auch dort wiederholten sich die Lärmscenen. Daraus benachrichtigte der Großrabbiner Dr. Ehrenpreis, der von der drohenden Situation in Kenntnis gesetzt ivorden war, sofort den Minister des Innern Petkoff, der auch eine Schwadron Kavallerie zur Zerstreuung der Manifestanten beorderte. Einige Tage darauf brachte ein sehr verbreitetes orthodox-bulgarisches Blatt, die „Vetscherna Poshta", einen Leitartikel, in welchem sie u. a. ausführte, daß es lächerlich sei, einen solchen Lärm um die paar Kischinewer Juden zu erheben, für die durch öffentliche Subskriptionen mehr als eine Million Franks zusammengekommen seien. Was sei jedoch für die Tausende und Abertausende der durch die macedonischen Unruhen Geschädigten geschehen? Nichts! Man solle doch über fremde Angelegenheiten nicht die eigenen vergessen! * Vergangenen Passah haben die vierhundert Juden Plewnas, dieser im russisch-türkischen Krieg von 1876/77 durch den Heroismus Osman-Paschas so berühmt gewordenen Stadt, eine kleine Ritualmordaffäre gehabt, die wieder zeigt, wie schnell die Blntbeschuldigung im Orient gegen die Juden erhoben wird. Am zweiten Feiertage, gegen Mittag, wurde die Synagoge von der Gendarmerie umzingelt, an der Spitze einerkleinen Truppe drang der Unterprüfekt ins innere und durchsuchte, mlgeachtet aller Vorstellungen der Israeliten, alle Ecken und Winkel, selbst die Thoraaufbewahrungsstätte, auf das sorgfältigste. All dies geschah lautlos, so daß man hätte glauben mögen, man habe es mit Taubstummen zu tun. Allen Fragen nach den Gründen setzten sie eilt hartnäckiges Schweigen entgegen, und erst durch Zufall erfuhr mau, daß die Polizei auf der Suche nach einem 12 jährigen Bulgarenknaben war, der plötzlich aus den: Dorfe Orehovo verschwunden war. Auf diesbezügliche Vorstellung des Großrabbiners Dr. Ehrenpreis wurde der Unterpräfekt, der sich zu einer derartigen Amtshandlung hergegeben hatte, seines Postens enthoben. * * * Der bulgarische Zionismus lebt immer noch! Es ist in der Tat erstaunlich, wie groß seine Vitalität ist. Die stärksten Niederlage!: haben ihn weder geschwächt noch entmutigt. Bekanntlich steht die Alliance israelite im Begriff, ihren Schulkomites wegen der Skandale in. Philippopel den Stuhl vor die Tür zil setzen. Das hinderte die Zionistelt aber nicht, in den meisten Ortschaften Bulgariens ihren großen Festtag, den Jom hascliekel, zu feiern. Sonntag, beu 15. Juni gab es also die Signatur des Tages in Sofia.- Festreden, Straßenprozessionelt ullter Vorantritt der Musikantell der Vereine Samson, Bne Zion, Zervath Zion Towist, ferner im Chor gesungene Nationallieder, flatternde Fahnen re. In Philippopel dieselben Ceremonien und derselbe Enthusiasutns wie in Sofia, gleicherweise in Tschirpan, Dubnitza, Haskvw, Stara-Zagora, Plewna, Kustenvil rc. In gewisse!: Pmckten sind die bulgarischen Zionisten sehr empfindlich. Vor drei Jahren loarf ihnen ein in Philippopolis erscheinendes türkisches Blatt vor, sie hätten einen gehässige!: Artikel gegen die Türkei erscheinen lassen. Der Führer des bulgarische:: Zionismus, der Advokat Preciado Rou:ano, strengte darauf einen Prozeß gegen den Redakteur au. Als es nun vor den: Gericht zur Verhandlung kommen sollte, bat dieser um Verzeihung und die Parteiei: einigtei: sich. Der Redakteur verpstiehtete sich, die ausdrückliche Zurückziehung der von ihn: erhobenen Beschuldigung in tausend Exemplaren seiner Zeitung zu veröffentlichen und die Gerichtskosten zu tragen. Die bosnischen Juden. Auch die bosnischen Juden beginnen sich jetzt zu regen, dank der Tätigkeit der zionistischen Agitatoren Bulgariens; n:ag man es diesen nun zun: Verd:enst aurechne:: oder nicht. Seit der Trennung Bosniens von dem türkischen Reiche im Jahre 1878 hatte die jüdische Presse der europäischen Türkei und Anatoliens diese Glaubens- und Stammesgenossen ganz vergesse::. Infolge der zionistischen Bewegung ist nun auch dort jüdisches Leben er:vacht. Serajevo, das alte Bosna-Serai, zählt bereits zwei jüdische Vereine, und die Bewegung macht auch dort unverkennbar größere Fortschritte.

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