Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 568 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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568 Ausdauer dem Andrängen ihrer Feinde standzuhalten und sich den Glauben an bessere Zeiten zu bewahren. Wenn die Schläge hageldicht auf sie niederfielen, wenn Jahrzehnte des entsetzlichsten Martyriums ihre Seele niederdrückten -- immer sahen sie den Beginn der besseren Zeit schon für die nächste Zukunft voraus. Ueber die Geschichte des Judenvolkes sollte man als Motto setzen das Wort: gam su l’tauwo! Nie erschien ihnen eine Lage absolut trostlos, eine ewig unergründliche Hofsnungsfreudigkeit ließ sie stets die augenblickliche Misere vergessen oder milderte sie wenigstens. Immer lag es für sie nur an einem geringsügigen Umstande, daß die Verfolgung noch nicht aufhörte - und der würde in kurzem behoben sein! Das erinnert mich an einen kleinen jüdischen Geschäftsmann meiner Heiinatssladt, der sich über den ewig schlechten Geschäftsgang fortwährend hinwegtröstete: einmal können die Landleute nichts kaufen, lueit sie mit der Ernte beschäftigt sind, dann wieder haben sie mit dem Dreschen des Getreides zu tim und können nicht zur Stadt kommen, ein andermal haben sie mit den Vorbereitungen zum Fest 511 tun, gestern war das Wetter zu schlecht, heute haben sie kein Geld-aber es wird schon wieder besser werdell! Ten unzähligsten und unmöglichsten Dingen hat man schon die Schuld an dem Wachsen des Antisemitismus gegeben und sofort nach der Entdeckung der neuesten Ursache war mall sich darüber einig, daß llur dieser oder jener Umstand geändert werdell müsse, um den Antisemitisnius verschwindell zu lassen. Ich glaube, wenn morgen jemand behauptete: der ganze Antisemitismus rühre nur daher, daß die Juden ihre Schnurrbärte nicht gedreht tragen — bereits morgen würde man die Juden schon an ihren zum Himmel ragenden Schnurrbärtell erkennen. Jetzt haben wieder einige Juden die etwas angestaubte Entdeckung gemacht. der Antisemitisnms sei einzig und allein die Folge des politischen Radikalismus der Juden. Der Antisemitisnills sei völlig berechtigt, weil die Juden llicht „deutschnational" gesinnt seien!" Nun wissen wir also! Die jüdischen Sozialdemokrateil tragen die Schuld und die jüdischen Parteigänger der freisinnigen Oppositioll! „Wer. als Jude nicht deutschnational gesinnt ist, begeht politischen und gesellschaftlichen Selbstmord. Wer als Jude sich zu einer Oppositionspartei bekennt, beweist dadurch, daß er zu höherer nationaler Gesinnung nicht fähig ist, und daß er das Nationalinteresse seinen persönlichen Jnteressell unterordnet." Also sprechen die Herren von dem neu zu begründendell Nationalverein! Und sie wollen ernsthaft genommen werden, diese Herren. Und mau soll seine Pflicht tun, auch wenn sie schwer fällt. Voll vornherein soll angenommen werdell, daß diese Mahnungen zur politischen Umkehr des Judentums dem aufrichtigen Wunsche elltspringen, dem Judentum zu nützen. Aber auch dalln noch bleibt die ullglallbtiche Naivität bestehen, die politische Ueberzeugung und Betätigung der Inden mit dem Antisemitismus überhaupt in Verbindung zu bringen. Man braucht doch nur darauf hinzuweisell, daß der Antisenlitismus schon längst zlMl eisernen Bestände des Gesellschaftslebens gehörte, als die politische Betätigullg der Juden noch an den Mauern des Ghettos ihre Grellze falld. Aber ignorieren lvir einmal dieses Faktum und llehmen wir an, daß zwischen der politischen Betätigung der Juden ulld denl Antiseulitismlls in der Tat ein Zusammenhang bestände. Dallll bliebe doch lloch zu beweisen, daß die Politik der politischen Oppositioll wirklich der nationalen Gesichtspunkte elltbehrte — wie die Märlller des neuen Vereins das ohne weiteres annehmen! Mit Leuten, die auf dem Standpunkt der Kriegervereinsblättchen stehen, daß nämlich Freisinn und Sozialdemokratie die geschworenen Feülde der nationalen Wohlfahrt seien, läßt sich allerdings nicht diskutieren. Wer den Sozialdemokraten eo ipso den Willen abspricht, die Geslindung des nationalen Lebens herbeiführen zu helfen - allerdings auf dem Wege, der ihnell der richtige scheint ~ und sie für prinzipielle Gegller des deutschell Volkes itnb dessen hält, was ihm not ist, der beweist damit, daß er nicht dasjenige Maß politischer Erkelllltnis und Einsicht besitzt, das ihn befähigt, sich zum Netter des Judentums aufzuwerfen. Die teutschgesinnten Juden blasen in dasselbe Horn wie ihre arischen Brüder: sie sprechen einfach allen denjenigen natiorlale Gesinllung ab, die nicht zu bat Anhängern des behördlich abgestempelten Hurrahpatriotismus gehörell! Diese haben nun einmal den Schutz der nationalen Güter in Erbpacht genommen — ulld die Parteigällger der Oppositionsparteien jutb antinational! Eine recht bequente Weisheit! Also all diese behördlicherseits sanktionierten Parteien sollen die Juden Anschluß suchen — um den Antisemiten zu beweisen, daß sie auch nationale Gesinnung besitzen. Du lieber Gott, darüber sind wir 'doch wohl hinalls - was die Antisemiten über llns benfen, berührt uns doch nicht lllehr. Oder aber — lvollell die teutschgesinllten Juden die nationale Gesinnung der Juden besonders betont wissen, damit das in „lnaßgebenden Kreisen" Eilldrllck lnache? Aus ben Juden so eilte Leibgarde der jeweiligen Regierullgspolitik machell, die nttr eine Ueberzeugttng kennt und zlvar diejenige, die man „oben" wünscht? Sollte das etwa gemeint sein? Mit der Wurst ltach der Speckseite werfen, auf daß die Gnadensonne der Regierung auch einmal leuchte über die bis ill den Tod getreuell Kammerknechte? Das wäre doch erbärllllicher Schacher - und schrecklich dumm! Denll erst dann hätten die Antisemiten allen Grund, verächtlich über die Juden zu urteilen, die um ihrer persönlichen Interessen willen Ueberzeugungen heucheln, die sie nicht haben. Wenn es aber wahr ist, wie sie sagell, daß der politische Radikalismus der Juden diesen schadet — wie kanll man denn da behatlpten, daß sie ihre persölllichell Interessen denen des Vaterlaltdes überordlten? Dann sind sie doch im Gegenteil Männer, vor denen man eilte besondere Hochachtung haben muß — denn sie nehmen nach ihrer Ueberzeugung die Interessen des Staates wahrlindem sie nällllich für die Partei wirken, die ihneil als die den Interessen des Staates am besten dienende erscheint) — obgleich sie sich selbst dadurch schaden und ihre Position gefährden! Doch auch abgesehen von alledem — die Juden Deutschlands sind in Wahrheit gar kein einheitlicher Organismus, der gemeinsame Interessen hat. Nichts Positives hält uns zusammen, sondern nur das negative Montent des gemeinsamen Bedrücktseins. Aber religiös und politisch sind wir nicht unter einen Hut zu bringen. Ueber unsere Zugehörigkeit zu einerpolitischen Partei entscheidet nicht das Judentum, sondern die respektive Intelligenz des eiltzellten und hundert andere Montente, die den einen zu dieser und den andern zu jener Partei führen. War nicht der Begründer der kotlservativeu Partei ein Jude? Nicht weil wir Judetl sind, schließen wir uns dieser oder jener Partei an, sondern weil unsere Ueberzeugung dahin geht, daß diese oder jene Partei für die Wohltat des Vaterlandes und aller seiner Bürger — und damit auch für uns — am wirksamsten eintritt.