Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 567 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Graf Pückler könnte das auch nicht schöner ausgedrückt haben. Wir wundern uns darüber nicht; denn schon nach dem Parteitag erklärte eine „Genossin" von einem der „Führer", daß ihm aus der Zeit, „wo er tief in den Vorurteilen der Pücklerbande stak, diese jetzt noch in so hohem Maße anhaften, wie schon sein Auftreten in Lübeck und wieder die einleitenden Worte seiner Rede iti einer Versammlung bewiesen hätten." Sie stellte hiernach öffentlich die Frage, „ob ein Mann geeignet sei, eines der höchsten Vertrauensämter in der Partei zu bekleiden, der sich mit seinen antisemitischen Jnvektiven auf das Niveau des Grafen Pückler stelle." Diese Frage ist bis heute nicht beantwortet worden. Aber ebensowenig wie die antisemitische Entgleisung des Sozialistenblattes hat uns die Art und Weise gefallen, in der ein fortschrittliches Blatt diese alsbald ansschlachtete, indem es dabei noch einmal auf den Fall Kopsch zu sprechen kam. Wir glauben, daß es vornehmer geivesen wäre, das anmutige gestügelte Wort einfach zu ignorieren, anstatt es zu Parteizwecken auszunutzen. * Die Antisemiten Hetzen weiter gegen Italien wegen der dort herrschender« Zustände. „König Viktor Emanuel und die italienische Regierung können sich bei der jüdischen Clique des italienischen Parlaments dafür beda««ken, daß der Besuch des russischen Kaisers für absehbare Zeit aufgeschoben ist." So schrieb ein antisemitisches Blatt, ohne aber z«r erwähnen, daß der Führer der Hetze gegen den Zaren in Italien, der Abgeordnete Ferri, ein ausgesprochener Judenfeind ist. Auch die Ernennung Luzzattis zum Minister ist ihnen wie den Agrariern sehr unangenehm. Da ist es denn interessant zu lesen, >vie ein sonst nicht gerade sehr judenfreundliches Blatt diese begrüßt: „Luigi Luzzatti, einer der ältesten Parlamentarier Italiens, übernimmt zum fünften Male den Posten eines Schatzministers, den er stets zu allgemeiner Zufriedenheit zu verwalten gewußt hat. In seiner dreißigjährigen Tätigkeit als Unterhändler bei dem schwierigen Abschluß von Handelsverträgen mit allen leitenden Kulturstaaten, errang er sich aus nationalökonomischem Gebiet einen Weltruhm uud das unbedingte Vertrauen der maßgebenden europäischen Staatsmänner. Ein Umstand, der bei den bevorstehenden Verhandlungen für die Erneuerung der Handelsverträge, die sich diesmal ganz besonders mühsam abwickeln dürften, nicht hoch genug zu schätzen ist." * Bei den Prozeßverhandlungen in Kischinew wird der Ausschluß der Oeffentlichkeit so streng durchgeführt, daß sämtliche Korrespondenten der Odessaer Blätter wieder abgereist sind. Aber das wird Herrn v. Plehwe nur sehr wenig nützen. Die Wahrheit kommt doch an den Tag. So weiß man jetzt schon, daß am 20. v. M. das Zeugenverhör begonnen. Vorder Beeidigung verlangte der bekannte Antisemit Schmakow, die Juden müßten de«« Eid in der Synagoge bei schwarzen Kerzen und im Gebetmantel ablegen, sonst sei ihnen nicht zu trauen. Der Vorschlag wurde jedoch abgelehnt; der Staatsanwalt erklärte, seit Einführung der neuen Prozeßordnung in Rußland hätten fich die Juden ebenso iin Eide bewährt wie andere Russen. Als erster Zeuge wurde der Bürgermeister Schmidt von Kischinew verhört, der aussagte, er habe beobachtet, daß die Polizei sich weigerte, während der Ausschreitungen zu intervenieren, auch die Offiziere der u« den Straßen postierten Truppen antworteten auf die dringenden Bitten, doch einzuschreiten, es sei keine Ordre ausgegeben worden. Die Frage, ob die Juden bewaffnet waren, verneinte er entschieden und sagte, sie seien so eingeschüchtert gewesen, daß sie wie Schatten herumschlichen. Er versicherte auch, daß bis vor fünf Jahren Juden und Christen in Bessarabien im besten Einvernehmen gelebt hätten, daß aber außer der Verhetzung auch die Regierungsruaßregeln gegen die Juden die Verachtung gegen diese großgezogeu habe. Es ist dringend notwendig dies zu konstatieren angesichts der Lügen und Entstellungen, die die Genossen des Herrn v. Plehwe in antisemitischen Blättern sich leisten. Man traut seinen Augen kaum, wenn man folgenden Bericht liest: „Gestern begann vor dem in Kischinew eingetrvfseuen Odessaer Gerichtshvs im Beisein von Vertretern der Stände unter Ausschluß der Oeffentlichkeit das Hauptversahren in der Angelegenheit der Unruhen vom 12. und 20. April d. I. Angeklagt sind 36 Christen und ein persischer Untertan. Vorgeladen sind drei Sachverständige und 566 Zeugen. Die Hauptschuldigen, die Juden, die durch ihre Roheit gegen eine Frau und ein kleines Kind die Unruhen hervorgerufen und verschiedene Christen meuchlings ermordet haben, ehe auch »ur ein Jude nennenswert verletzt war, sind durch die Art, in der die Voruntersuchung geführt ist, ausgeschieden worden, sie sollen somit voraussichtlich von den Gerichten überhaupt nicht zur Verantwortung gezogen werden. Diese Ungeheuerlichkeit in der Rechtspflege ist auch der Grund, weshalb man sich hinter verschlossenen Türen versteckt. In der christlichen Bevölkerung ruft dies Vorgehen, das geeignet ist, das Vertrauen auf die russische Rechtspflege schwer zu erschüttern, die größte Erbitterung hervor. Es herrscht eben in Rußland der bekannte Zustand, den man auch anderivärts beobachten kann: das Judentum als Träger der Geldmacht und im Besitz der internationalen Presse übt selbst an Stellen Einfluß aus, wo man ihn nicht verniutcn sollte. Die Bevölkerung denkt sich ihr Teil, und die Liebe zu den obersten Gerichtsherren, wie auch zu ihren untergeordneten „Handlangern" wächst nicht gerade dabei. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht." Sollte man es wohl für möglich halten, daß sich Leute nicht scheuen, die Wahrheit dermaßen auf den Kopf zu stellen? Aber noch schlimmer treibt es der offiziöse russische Preßapparat. Die halbamtliche „Ruff. Telegr. Agentur" verbreitet aus Wilna, 22. d. M. nachstehendes: „Ein heute veröffentlichter Tagesbefehl des Kommandanten der Truppen des Wilnaschen Militärbezirks teilt folgende» Vorfall mit: In der Stadt Orscha wurden am 19. d. M. elf Häftlinge unter Bedeckung von sechs Untermilitärs und einem Gefreiten ans dem Gesängnis abgefertigt. Unterwegs wurde die Bedeckung von einer großen Schar Juden umringt, welche die Arrestanten zu befreien versuchten und mit Knütteln und Steinen warfen. Die Menge mit den Gewehrkolben abwehrend, setzte das Kommando seinen Weg fort und erreichte seinen Bestimmungsort. Der Tagesbefehl lobt das Verhalte» der Soldaten." Nach dieser Darstellung liegt ei» unwesentlicher Lokalfall vor, bei dem nur das eine bemerkenswert ist, daß die russische Telegrapheuagentur sich belvogen fühlt, die ganze Welt davon in Keirutnis zu setzen. Darin liegt System. Man will die Fernstehenden glauben inachen, daß nicht die Juden von den russischen Behörden, sondern umgekehrt, die russischen Behörden von den Juden bedrängt werden. Die eingeschüchterten unglücklichen Juden werden eben als die Karnickel hingestellt, die den Streit beginne««, in welchem sie, wie sichs gebührt, totgeschlagen werden. Doch «vie immer es sei, die schioere Blutschuld, die auf den russischen Behörden lastet, kann durch Darstellungen wie die obige nicht abgewaschen «verden. yüdjlchr Mrrbankpoljtjkrr. Von Alfred Dallmann in Rügenwalde. ie Juden sind wirklich Fanatiker des Optimismus — «nir scheint sogar: i«ur «veil sie unverbesserliche Optimisten sind, die dem Widerwärtigste«« noch eine erträgliche Seite abzugewinnen verstehen, ver«nochten sie mit so zäher