Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-20 · Heft 47 (20.11.1903) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228575--60356-3296937
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 einem eingehenden Referate und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Ausführung dieser Anträge geeignet sein werde, in manchen Kreisen das Interesse für das Judentum zu erhöhen und in manchen neu zu erwecken; der Vorstand wolle einen Versuch machen, auf diesem Wege eine Besserung anzubahnen. An der sich hieran anknüpsenden Debatte beteiligten sich mehrere Herren, worauf folgende Beschlüsse gefaßt wurden: 1. Es soll im Laufe dieses Winters ein Cyklus von Vorträgen für die reifere Jugend abgehalten werden. Gegenstand dieser Vorträge sei die Geschichte der Juden in der Diaspora. Diese Vorträge sollen allwöchentlich in einem noch zu bestimmenden Lokale stattfinden. 2. Außerdem wird ein Cyklus von Vorträgen für Erwachsene aus jüdischer Geschichte, Literatur und Volkskunde in Aussicht genommen. Bravo! — In zahlreichen Protesten und Versammlungen haben sich die hiesigen Aerzte und Studenten gegen die schmählichen Vorwürfe verwahrt, mit denen sie die christlichsozialen Laudesansschüsse in den letzten Sitzungen des niederösterreichischen Landtags verunglimpften; die Professoren der medizinischen Fakultät haben es jedoch zumeist vorgezogen, sich nicht mit Menschen in Auseinandersetzungen einzulassen, denen die Fähigkeit über diese Dinge zu urteilen, vollständig abgeht, denen die Fähigkeit zu schmähen und Skandal zu machen jedoch stets zu Gebote steht. — In Meran ist im hohen Alter die in der ganzen Gegend bekannte und als Wohltäterin geschätzte Frau Betti Wodianer gestorben, sie testierte 6000 Kronen für Meraner Witwen und Waisen, 2000 Kronen zur Bekleidung armer Schulkinder ohne Unterschied der Konfession, 4000 Kronen dem Dienstbotenheim „Karolinum", außerdem gehen viele Legate in ihre Heimat nach Budapest ab. Zur Beerdigung war Landesrabbiner Dr. Tänzer aus Hohenems erschienen, welcher in glänzender Rede die Verschiedene als edle und gütige Frau, als Mutter der Armen pries, in der alle Wohltätigkeitsanstalten ihre langjährige Gönnerin verlieren. 6. K, Teplitz in Böhmen, 13. November. Am 4. d. M. verschied hier im 89. Lebensjahre der Rentier Li pp man Auerbach. Derselbe stammte aus einer hochachtbaren alten jüdischen Patriziersamilie Posens, woselbst er viele Jahre Inhaber der 1797 gegründeten Firma S. I. Auerbach war. Der Verewigte war in Posen Vorsteher verschiedener jüdischer Vereine und unterstützte auch andere gemeinnützige Bestrebungen. Im Jahre 1872 erhielt der Heimgegangene auf Befehl Se. Majestät des Kaisers durch die königliche Ordenskommission sür geleistete freiwillige Dienste die Kriegsdenkmünze 1870—71. Nachdem der Verblichene sich 1881 von seiner geschäftlichen Tätigkeit zurückzog, siedelte er später nach Teplitz über. Auch hier erwarb sich der Verstorbene durch seinen biederen, vornehmen Charakter, sowie durch seine wahrhafte Frömmigkeit Achtung und Liebe. Die Beerdigung fand Freitag, den 6. November unter großer Beteiligung statt. Ehre seinem Andenken! Amerika. h. Newhork, im November. Major Alfred Morris Rap hall, Vertreter der kommerziellen Interessen der Vereinigten Staaten in Aguas Calientes. Mexiko, starb daselbst, wie erst jetzt gemeldet wird, am 20. Juni. Er war als Sohn des Newyorker Predigers und Wortführers der Orthodoxie, Morris I. Naphall, in London geboren, wo sein Vater damals Sekretär des Oberrabbiners Salomon Herschell war. Er diente als Freiwilliger im Bürgerkriege verlor in der Schlacht bei Gettysburg seinen rechten Arm, diente dann aber weiter und wurde wegen Tapferkeit zum Major ernannt. Nach Beendigung des Krieges wurde er zum Offiziere in der regulären Armee ernannt und erhielt nach seiner Verabschiedung, 1886, eine Stellung im diplomatischen Dienste der Vereinigten Staaten. Von Kah und Fern. Dem außerordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät Dr. Martin B ernhardt wurde der Charakter als Geheimer Medizinalrat verliehen. — Dr. Max Herrm ann, Privatdozent der Germanistik an der hiesigen Universität, ist zum Professor ernannt worden. — Am 12. d. M. ist hier der bekannte Schriftsteller Richard Schmidt-Cabanis nach langem Leiden gestorben. Er war sein Lebenlang eilt mutiger, energischer Vorkämpfer für Humanität und Freiheit, der stets in Vers und Prosa für -ieJuden und gegen ihre Gegner begeisterteingetreten ist. Ehre seinem Andenken! — Das jüdische Mädchenstist zur unentgeltlichen Ausbildung unbemittelter Mädchen für den Dienstbotenberuf nimmt für die zum 1. Januar freiwerdenden Stellen schon jetzt Anmeldungen, die an den Vorsitzenden Dr. Strelitz, Schönhauser Allee 162 zu richten sind, entgegen. — Alexander Trachtenberg, ein Bruder unsres geschätzten Mitarbeiters Leon Trachtenberg, der ehemalige Odesfaer Stadtverordnete und Kaufmann, starb dieser Tage im Alter von 64 Jahren in Pankow. Er war Vorsteher zahlreicher jüdischer Wohltätigkeitsvereine in Odessa und ein guter Kenner der hebräischen Literatur. — Ein jüdischer Studententag findet Mitte Dezember in Berlin statt. — Auf dem israelitischen Friedhof in Lötzen (Ostpreußen) wurden von ruchloser Hand 13 Grabmäler Zerstört. Zu gleicher Zeit hatten die Grabschänder auch aus dem evangelischen Kirchhof 14 Grabmäler zerstört. — Der Negierungsbaumeister Fränkel in Breslau ist zum Regierungs- und Baurat ernannt worden. — In der zweiten badischen Kammer wird auch diesmal nur ein Antisemit sitzen. — In Schwabach ist der allgemein geachtete Distriktsrabbiner L. W ißm an n, der auch Leiter der dortigen israelitischen Präparandenanstalt war, nach langem Leiden gestorben. Ehre seinem Andenken! — Das schweizerisch-jüdische Altersasyl wurde am 8. d. M. in Leng na u feierlich eingeweiht. Rabbiner Dr. Littmann-Zürich hielt eine sehr weihevolle Festrede. — In Budapest ist der Privatier Heinrich Lackenbacher im Alter von 54 Jahren gestorben. Der Verblichene nahm am 1870/71 er deutsch-französischen Kriege als Freiwilliger in der deutschen Armee teil und wurde anläßlich der Belagerung von Orleans mit der Tapferkeitsmedaille dekoriert. — Die von der „Nowoje Wremja" gebrachte Nachricht, daß den jüdischen Schauspielern und Künstlern in Rußland verboten worden sei, außerhalb des Ansiedelungsrayons zu wirken, wird von den „Odeßki Nowosti" dementiert. — Musikdirektor I. Hartog in Amsterdam ist berufen worden, an der Universität Musikgeschichte zu dozieren. Er ist der erste Universitätslehrer in diesem Fache in Holland. — Die „Libauer Zeitung" berichtet: Der Ausflug der Zöglinge der Libauer Handelsschule nach Moskau hat leider ein sehr plötzliches und wenig befriedigendes Ende gefunden. Nach zweitägigem Aufenthalt in der alteil Zarenstadt wurde dem die Schüler begleitenden Direktor der Schule, Herrll Dobrosrakow, von denr Oberpolizeimeister von Moskau mitgeteilt, daß die all dem Ausfluge teilnehmenden Schüler mosaischer Religion auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen, die Hebräern den Aufenthalt in den Hauptstädten untersagen, sofort die Stadt verlassen müßtell. Da die christlichen Schüler ihre Kameraden mosaischer Konfession — die sich in recht beträchlicher Zahl an dem Ausfluge beteiligt hatten — nicht im Stich lassen wollten, wurde die gemeinsame Rückfahrt angetreten. — Wie der halbamtliche „Warschafskij Dnewnik" meldet, wurde die Bahntechnikerschule von Löwy in Warschau, wo mehr als 300 jüdische Schüler sich befanden, auf Anordnung des Ministers des Innern geschlossen. — Der Prozeß wegell der Unruhen in Kisch in ew beginnt am 19. November und wird voraussichtlich bis zum 2. Januar 1904 dauern. — Wie die „Nowosti" melden, haben 12 Kischinewer Juden, welche während der Massakres ihr Hab und Gut eingebüßt haben, dem Landesgericht eine Beschwerde darüber eingereicht, daß die Anklage gegen bekannte Vertreter der christlichen Intelligenz von Kischinew, welche die Volksmenge zur Plünderung der Juden aufgestachelt haben, nunmehr niedergeschlagen wurde. — Die Alliance israelite universelle hat ihr Petersburger Komitee, welches noch über große Summen verfügt, beauftragt, die für die Unglücklichen in Homel erforderlichen Summen zu verauslagen. — Zwei Geheimagenten der russischen Regierung sind in Nishni Nowgorod und Pinsk ermordet aufgefunden worden. Diese Agenten, denen die Ueberwachung der jüdischen Vereine, die sich in letzter Zeit in vielen Städten zum Selbstschutz gebildet haben, über tragen war, waren gleichfalls Juden. Trotz strenger Untersuchung fehlt jede Spur von den Tätern. — Das amerikanische Staatsdepartement hat in dem Schreiben, in welchem es den Empfang der Petition des B'ne Brith-Ordens wegen der Metzelei in Kischinew bestätigte, erklärt, daß die Petition, wenngleich sie ihre Bestimmung (Uebergabe an den Kaiser von Rußland) nicht erreichte, wegen ihres Inhalts und wegell der Zahl und der Bedeutung der Unterschriften stets als ein denkwürdiges historisches Dokument dem Staatsarchiv einverleibt werden solle.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.