Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 teilweise Neubau des Tempels mit gleichzeitiger Einführung einer Orgel unter einem Kostenaufwande von 60—70 000 Mark beschlossen worden. Die Orgel ist ein Geschenk eines früheren Lissaer Gemeindemitgliedes, und der Umstand, daß die Orgel in die früher wegen ihrer Frömmigkeit so berühmte Lissaer Gemeinde eingeführt werden sollte, hat zu lebhaftem Widerspruche seitens des orthodoxen Teiles der Gemeinde und zu einer Agitation geführt, deren Wogen noch nicht vollkommen zur Ruhe gekommen sind, obwohl in einer zahlreich besuchten Gemeindeversammlung vom 1. November der Beschluß des Gemeindevorstandes und der Repräsentanten mit sehr großer Majorität gebilligt wurde. Ini Interesse des Friedens in der Gemeinde ist zu hoffen, daß diesem Beschlüsse, der ja nur der Andacht und Verschönerung des Gottesdienstes und der zeitgemäßen Ausgestaltung des letzteren zu Gute kommen soll, keine weiteren Schwierigkeiten bereitet werden. 3. Breslau, 13. November. Am 8. d. M. wurde hier im Alter von 69 Jahren der Buchhändler Leopold Priebätsch auf dem Friedhofe in der Lohestraße zur letzten Ruhe bestattet. Aus kleinen Anfängen hatte er seinen Buchhandel in 40jähriger Wirksamkeit im SOevein mit seinem noch lebenben Bruder zu einem der geachtetsten in der Provinz erhoben. Der Sohn eines Lehrers in einer kleinen Stadt, dessen zahlreiche Schüler noch hent hier in angesehener Stellung sich befinden, hat er grade mit großem Verständnis dem Betriebe von Lehrmitteln, namentlich der der Volksschule sich gewidmet und durch Vielseitigkeit wie durch eine permanente Ausstellung dieses Zweiges der Pädagogik seiner Firma Ansehen und großen Ruf verschafft. Durch die Mustergültigkeit ihrer Darbietungen wurden die Inhaber bei Ausstellungen vielfach durch Prämiierung ausgezeichnet. In Lehrerkreisen ist die Priebatsch'sche Buchhandlung ferner durch die in ihrem Verlage erscheinende Schulzeitung mit ihren inhaltreichen Beiblättern Jugendschriftenwarte rc. weit über die Grenzen unserer Heimatsprovinz rühmlichst bekannt. Neben seiner emsigen Berufstätigkeit, die den Dahingejchiedeneu bis zu seinem Lebensende auszeichnete, widmete er sich in seinen Mußestunden mit wahrhaft künstlerischem Sinn einer eifrigen Sammeltätigkeit von Münzen und Siegeln. Verschiedene ehrende Nachrufe in hiesigen Zeitungen jedweder politischer Richtung, sowie ein zahlreiches Trauergefolge legten Zeugnis von der Beliebtheit und Wertschätzung, die sich der Verstorbene nicht nur bei seinen Berufsgenossen. sondern in weiten Kreisen unserer Stadt erfreuen konnte. Rabbiner Dr. Guttmaun würdigte in seiner Grabrede die Verdienste des Toten, der eine eigenartige Persönlichkeit war, wie man sie selten fände und trotz seiner rauhen Außenseite ein warmes Herz voll Liebe besaß. t. Ans Westfalen, 12. November. Der Gesamtvorstand des Vereins „Israelitisches Altersheim in Westfalen" hatte am 25. v. Mts. in Dortmund eine Sitzung, in welcher der Bail des Hauses endlich beschlossen wurde. Schon vor drei Jahren wurde bei Unna (unweit des Bades Königsborn) ein größeres Gelände zwecks Erbauung des Asyls erworben. Die Baukommission, bestehend aus den Herren Rechtsanwalt Dr. Kempenich-Dortmund, 1. Vorsitzender, Isidor Goldschmidt-Dortmund. 2. Vorsitzender, Josef Friede-Dortmund, M. Liebenfeld-Bochum und Lehrer a. D. Ostwald-Witten hielt am 8. d. Mts. unter Hinzuziehung des Stadtbaumeisters, Herrn Modersohn-Unna, eine Ortsbesichtigung ab. Demnächst soll ein Preisausschreiben zum Wettbewerb für geeignete Baupläne ausgeschrieben werden. Das Haus soll zunächst für 40 Insassen so eingerichtet werden daß es leicht vergrößert werden kann. Es soll 20 Zimmer für je eine Person und zehn Zirnmer für je zwei Personen erhalten, außerdem selbstredend die nötigen Baderäume, Speisesaal, Gesellschaftszimmer, eine Andachtsstätte und was sonst dazu gehört; dann natürlich Wohnung für den Verwalter rc. Man hofft bestimmt, die Vorarbeiten im Laufe des Winters zu erledigen, so daß im kommenden Frühjahr mit dem Bau begonnen werden kann, der so gefördert werden wird, daß das Haus zum Herbst unter Dach ist. Zum Bau und zur Sicherstellung des Betriebs eines derartigen Asyls ist nach den eingeholten Unterlagen — wie der Vorstand in einem Rundschreiben an die Gemeinden Westfalens sagt — ein Kapital von mindestens 250 000 Mark erforderlich. Die vorhandenen Barmittel belaufen sich ans etwa die Hälfte dieser Sunrme. Zur Beschaffung des Restes sollen die Sammlungen in den westfälischen Gemeinden, die seinerzeit unterbrochen wurden, wieder ausgenommen, und die in einzelnen Gemeinden Westfalens bereits erfolgte Werbung von Vereinsmitgliedern überall organisiert i werden. Der Vorstand des Altersheims wendet sich deshalb an die Synagogenvorstände mit der Bitte: 1. Diejenigen Gemeindemitglieder, die sich an den bisherigen Sammlungen nicht beteiligt haben, zu veranlassen, das sreundlichst nachzuholen. 2. Sämtliche Gemeindemitglieder, auch die bisherigen Spender auszufordern, dem Verein als ordentliche Mitglieder beizutreten. Ordentliche Mitglieder können physische Personen (durch Zahlung eines Jahresbeitrags von mindestens 5 Mark), juristische Personen (Synagogengemeinden durch Zahlung von mindestens 20 Mark Jahresbeitrag für je 100 Personen) und Vereine durch Zahlung von mindestens 25 Mark Jahresbeitrag werden. Möchte kein Sohn der roten Erde — auch wenn er fern von der Heimatsprovinz ein glückliches Heim gefunden hat — sich seiner Pflicht entziehen, durch Schenkung, Spende oder Zeichnung eines Jahresbeitrags dieses Werk von hoher kultureller Bedeutung in feiner heimatlichen Gegend fördern zu helfen! — Die in Siegen, der Hochburg Stöckers, existierende kleine Synagogengemeinde hat den Entschluß gefaßt, an Stelle des seitherigen unwürdigen Betsaales ein wenn auch schmuckloses und einfaches so doch würdevolles Gotteshaus zu errichten. — Die Syuagogengemeinde Dortmund hat ein Gesangbuch für Synagoge und Schule zusammengestellt, das sich unter der Presse befindet und in längstens sechs Wochen fix und fertig sein wird. Das Büchlein enthält 92 Lieder für alle Verhältnisse, es sind darunter beispielsweise zehn Lieder zur Begrüßung des Sabbattags, 40 Predigtlieder, Lieder für alle Festtage, für besondere Gelegenheiten; aus dem vorhandenen diesbezüglichen Material ist das beste nach Inhalt und Form ausgesucht und in dem Büchlein vereinigt worden. Jedem Liede ist die Melodie vorgedruckt. Das Büchlein wird (je nach Größe der Auflage) in schönem Einbande 50 bis höchstens 75 Pfennige kosten. Die Gemeinde Dortmund stellt dem Verbände der Synagogengemeinden Westfalens jede gewünschte Anzahl dieses Büchleins für feine Mitglieder zum Selbstkostenpreise zur Verfügung. — Die Königliche Regierung zu Arnsberg hat den jüdischen Lehrern an öffentlicher! einklassigen bezw. den Hauptlehrern oder Ersten Lehrern an mehrklassigen Schulen die Mitteilung zugehen lassen, daß sie dem Schulvorstande als ständige Mitglieder angehören. n. Essen a. d. R., 45. November. Die hiesige israelitische Gemeinde hat zur Errichtung einer neuen Synagoge ein ca. 3000 gm großes Grundstück in bester Lage der Stadt für den Preis von 180000 Mark erworben. Schon lange hat sich in der Gemeinde der Gedanke geregt, es müsse entsprechend der Zunahme der Gemeinde auch ein neues Gotteshaus errichtet werden, weil die alte Synagoge in keiner Weise mehr den Bedürfnissen entspricht. Durch die Erwerbung des erwähnten Grundstückes ist das Streben nach Errichtung einer neuen Synagoge in die nächste Nähe gerückt. Gegenüber dem neuen Synagogenterrain wurde erst im vorigen Jahre der Grundstein zur Errichtung eines Gedenkbrunnens der 100jährigen Zugehörigkeit Essen zum Königreich Preußen gelegt. Es bleibe nicht unerwähnt, daß die Stadtverwaltung Essen in wohlwollendster Weise als Käuferin für die israelitische Gemeinde eingetreten ist und selbst auf das ihr zuerst angebotene Grundstück zu Gunsten der Israelitischen Gemeinde verzichtet hat. München, 12. November. Die israelitische Kultusgemeinde wiederholte ihre bereits im Jahre 1901 an das Gemeindekollegium gestellte Bitte, ihr einen weiteren Zuschuß zur Bestreitung der Kosten des Religionsunterrichtes an den städtischen Volksschulen zu bewilligen, nachdem ihr bis jetzt eine Antwort auf das seinerzeitige Gesuch nicht zugegangen ist. Der Vorstand des Gemeindekollegiums» Kommerzienrat Seyboth, bemerkte dazu, daß das Gemeindekollegium das Gesuch befürwortend an den Magistrat geleitet habe und es nach der Gemeindeordnung nicht angängig sei, daß das Kollegium mit Privaten direkt verkehre, es sei vielmehr Sache des Magistrats, der Kultusgemeinde Antwort zu erteilen. Gesterretch-Mngarn. O Wien, 16. November. Der Vorstand unserer Gemeinde hat in seiner letzten Plenarsitzung am 8. d. einen sehr wichtigen und nachahmenswerten Beschluß gefaßt. Zur Debatte standen zwei Anträge der Unterrichtskommission auf Abhaltung von Vorträgen über jüdische Geschichte, Literatur und Volkskunde. Dr. Gustav Kohn begründete die Anträge der Unterrichtskommission, denen sich das Vertreterkollegium vollinhaltlich angeschlossen hat, in