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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-20 · Heft 47 (20.11.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 47. Berlin, 20. November 1903. Der Gemeindetzrite. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums" Korrelpondenzen und Sachrichtm. Deutschland. 8. Berlin, 15. November. Zum geschäftlichen Teil der heutigen gut besuchten Repräseutantenversammlung liegt die Mitteilung des Gemeindevorstandes vor, daß er dem Beschlüsse, eine gemischte Kommission behuss Festsetzung des Kultus in der Synagoge Rykestraße zu wählen, beigetreten ist und Herrn Martin Simon und Julius Jacoby in dieselbe abgeordnet hat. Aus dem Nachlaß des Geheimrats Louis Simon sind 25000 Mark für die Stiftung zweier Betten in der Altersversorgungsanstalt Schönhauser Allee und 25 000 Mark für den Fonds für verschämte Arme gestiftet worden. Herr Abraham Albert Nathenau hat 32 000 Mark der Gemeinde zugewendet und zwar sollen 200O0 zur Erhaltung des Erbbegräbnisses dienen und 12000 Mark der Altersversorgungsanstalt zu gute kommen; endlich haben die Nechtsamvalt Stei nau'schen Eheleute dem jüdischen Krankenhause 6000 Mark überweisen lassen. Diese drei Stiftungen werden debattelos angenommen, eine Stiftung des Herrn Louis Aaron wird in die geheime Sitzung verlegt, da Personalien hierbei zu erörtern sind. Das gleiche Schicksal erfährt die Interpellation eines Mitgliedes der Versammlung betreffend das Verfahren bei Aufnahme und Veranschlagung von Reparaturen an Gemeindegruudstücken. Die Kommission zur feierlichen Ausgestaltung der B armizwahfeier ist sich nunmehr auch schlüssig geworden und hat im Einverständnis mit dem Gemeindevorstaud folgende Ordnung festgesetzt. Die Einsegnung der Knaben erfolgt im Anschluß an die Kasualien. Die Knaben treten vor die Kanzel, darauf Chorgesang, Gebet des Rabbiners, welches mit dem Segensspruch über die Knaben endigt, zum Schluß abermaliger Chorgesang. Die Kommission hatte übrigens noch weitere Wünsche, welche fast sämtlich vom Referenten dieser Vorlage Herrn Hirsch nusgegangen sind und welche der Gemeindevorstand in wohlwollende Erwägung ziehen will. So soll entweder jeder Knabe ein Gebet sprechen oder ein Knabe für die anderen das Gebet sagen, ferner solle jedem Knaben ein Werk religiösen Inhalts auf Kosten der Gemeinde gegeben werden, in welches der amtierende Rabbiner einen Spruch als Widmung einzntragen hat. Herr Martin Simon erklärt hierzu, daß bezüglich dieser Punkte noch gewisse Schwierigkeiten obwalten, so besonders beim Gebet der Knaben, wodurch die Feier eine unerwünschte Verlängerung erfahren würde. Es würde auch die Frage sein, falls man das Gebet für alle einem Knaben übertragen würde, wer hierzu auszuwählen sei. Beim Geschenkbuch würde es sich darum handeln, ob das Buch das gleiche für alle sein solle, wie etwa die Bibel, oder individuell für jeden ausgewählt werden solle. Zunächst ist übrigens die Neuordnung der Feier nur für die drei Orgelsynagogen bestimmt, doch ist der Vorstand geneigt, die Feier in dieser Gestalt in allen Synagogen einzuführen. Unter den Chorgesäugen befinden sich zwei deutsche Lieder, deren Annahme in den Synagogen nach altem Ritus vielleicht auf Widerspruch stoßen könnte. Herr Prof. Vlaschke, welchem der Barmizwahkn abe bei der bisherigen Feier zu „passiv" war, will besonderen Nachdruck auf das GebA gelegt wissen; die Auswahl des Geschenkbuches soll nach ihm am besten dem Rabbiner selbst überlassen bleiben. Auf Anfrage des Professor Bag inski erklären Herr- Martin Simon und Herr Hirsch, daß die bisherige Feier durch diese Neuordnung selbstverständlich nicht tangiert werden und daß nach wie vor die Knaben zur Thora aufgerufen werden sollen. Wie Herr Hirsch hinzufügt, soll das Gebet an die Stelle eingefügt werden, bevor der Segensspruch über die Thora von den Knaben gesprochen wird; das Gebet soll gleichsam eine Einleitung zu dem Segensspruch über die Thora sein. In dieser Art wird übrigens die Feier in den Synagogen Londons abgehalten. Der Referent richtet noch an die Gemeindemitglieder den dringenden Appell, eine Barmizwahfeier für die Synagoge rechtzeitig anzumelden, damit alsdann die Vorbereitungen in würdiger Weise getroffen werden können. Bei der Abstimmung erklärt der Vorsitzende die einstimmige Annahme der Vorlage; dagegen erklärt Geheimrat Blumenthal, daß er nicht für die Annahme gestimmt hat. — Ueber die Einsetzung einer freien Kommission zur Vorbereitung der Wahl von Gemeindemitgliedern in die Verwaltungskommissiouen haben sich Vorstand und Repräsentanten in der gemischten Kommission ebenfalls geeinigt. Mit wenigen Abänderungen hat der Vorstand die Beschlüsse der Kommission genehmigt. In der Regel sollen die Kandidaten von der Verwaltungskommission vorgeschlagen werden, auch will der Vorstand der Verpflichtung enthoben sein, stets die freie Kommission hinzuzuziehen. Der Gemeindevorstand hat sich auch das Recht des Widerrufs der Kommission, welche von Herrn Louis Sachs als Versöhnungskommission bezeichnet wird, die jedoch Friedenskommission genannt werden soll. Vorbehalten. Syndikus Lilienthal gibt noch auf Anfrage die Erklärung ab, daß diese freie Kommission keine offizielle Gemeindeeinrichtung im Rahmen des Statuts sei; es handle sich nach jeder Richtung um eine ganz unverbindliche Einrichtung, die hoffentlich segensreich funktionieren werde. Die Vorlage wird einstimmig angenommen. — Für die Veranstaltung von Festgottesdienst in der Friedhofssynagoge in Weißensee werden 300 Mark nachbewilligt, für die Veranstaltung von Jugendgottesdienst in den Residenzsälen 150 Mark. Zur Anschaffung eines Harmoniums für das Chorzimmer der neuen Synagoge werden 600 Mark genehmigt. In diesem Zimmer sollen die Chorprüfungen und die Einstudierungen für die Festgottesdienste stattfinden, während bisher zu diesem Zweck stets der große Raum der Synagoge benutzt resp. im Winter geheizt werden mußte. Professor Geiger bittet darum, die Kantorenprüfungen in der Synagoge selbst stattfinden zu lassen, weil sonst die musikalische Kommission über die Tragweite der Stimme sich kein Urteil bilden könne. Herr Martin Simon sagt dies zu. Herr Isidor Sachs gibt den Rechnungsabschluß des II. Waisenhauses pro 1902/03. An Einnahmen waren 40 044 Mark zu verzeichnen, denen 39 693 Mark an Ausgaben gegmüberstehen. Die Zahl der Zöglinge betrug 55, von denen 37 Schüler und 18 Lehrlinge waren. Die Kosten beliefen sich pro Kopf und Jahr auf 721,70 Mark. Vier- Lehrlinge bestanden die Gesellenprüfung, drei traten neu in die Lehre ein. Einer Anregung gemäß will das Kuratorium Bedacht nehmen, daß sich mehr Zöglinge dem Tischlerhandwerk zuwenden. Der Vermögensbestand des Waisenhauses ist durch Zuwendung der Maaß'schen Stiftung um 5000 Mark gewachsen, auch der Sparfonds der Zöglinge ist größer geworden. — Herr Mayer gibt die Abrechnung über die Synagoge Lützowstraße, welche an Zuschuß 38 150 Mark erhalten hat. Die Abrechnung bietet in Einnahmen und Ausgaben nichts Besonderes. Beide Abschlüsse werden debattelos dechargiert. — Für die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder der Armenkommission sowie der Fürsorgekommission wird Wiederwahl beantragt und von der Versammlung genehmigt. In dringlicher Vorlage werden alsdann noch 1500 Mark für ein baufälliges Erbbegräbnis, welches in den vierziger Jahren auf dem Friedhofe Schönhauser Allee errichtet ist. bewilligt. Damit schließt die öffentliche Sitzung, der eine geheime folgt. 8. Berlin, 16. November. Im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glanbens sprach heute vor dichtgefülltem Auditorium im Saale der Gesellschaft der Freunde der Hamburger Prediger Dr. D. Leimdörfer über „Die Sprache als ethischer Faktor der israelitischen Volksseele". In meisterhafter Gewandtheit legte er dar. daß aus keiner Sprache Rahmen das Bild ethischer Vollendung so deutlich und klar hervortrete, wie aus dem Rahmen der Sprache, in der die Weltethik geboren worden fei, der Sprache der Bibel, der Propheten und Psalmisten. In klaren und überzeugenden Ausführungen, au einer Fülle von gntgewählten Beispielen erörterte der Redner sein Thema nach der religiös-ethischeupsychologischen, nach der ästhetischen und nach der streng ethischen Richtung, jenen drei Momenten, denen die Sprache des Hohen (loschaun gowaua), die Sprache des Reinen (loseliaun nekiju) und die Sprache des Heiligen (loschaun hakaudesch) entspreche. Mit einem warmen Appell, im Dienste der Ethik des deutschen Vaterlandes gerade als Bekenner des jüdischen Glaubens die heilige Sprache zu Pflegen, schloß der Redner seinen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag. Im Anschluß daran gab Rechtsanwalt Dr. Lövinson,

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