Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 564 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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564 Doktor Weil, der sich der großen Gesellschaft gleichfalls nicht anschloß, aber den prächtigen Jungen gut leiden konnte, nahm ihn ebenfalls häufig mit auf seinen Spaziergängen. Wegen aller Verabredungen, Ausflügen ivurde die Abreise immer noch um einige Tage hinausgeschoben. Frau Berger sollte Badenweiler der weichen Luft wegen schon längst verlassen haben, aber da sie sich wohl fühlte und alles flott mitmachen konnte, besonders aber „weil sie endlich passenden Berkehr gefunden", wollte sie gar nicht abreisen. Doktor Weil war der erste, der den Kreis verlassen mußte. Vor seiner Abreise gab ihm der dankbare Herr Berger eine Abschiedsbowle und nahm ihm das Versprechen ab, ihn zu Hause zu besuchen. „Sehr gern", scherzte der Doktor, „um als Gesundheits- Polizei die gnädige Frau vor Leichtsinn zu behüten." „Herr Doktor, ich fühle mich bei Ihren thrannischen Verordnungen so wohl, daß mir die langweiligste Soiree nichts mehr schaden kann. Wir müssen ja auch unser Töchterchen ausführen." „Fräulein," sagte der Doktor ernsthaft, „sollte dies Vergnügen nicht mit der Gesundheit Ihrer Mutter zu teuer erkauft sein?" „Aber gewiß. Ihre Ratschläge, welche die liebe Mutter Pünktlich befolgt, ivirken so günstig ans ihren Gesundheitszustand, daß auch alle ferneren Verordnungen unbedingt befolgt werden müssen. Ich würde lieber auf alle Gesellschaften verzichten, wie meine Mutter dem Trubel anssetzen. Sie sehen, Herr Doktor," fuhr sie mit reizendem Lächeln fort, „daß ich unbegrenztes Zutrauen zu Ihnen habe." Der Doktor küßte ihr dankbar die Hand, daun sagte er humoristisch: „Möge Gott weinen sämtlichen Patienten solch' einsichtsvolle Töchterchen bescheren!" <Fortsetzung folgt.) Litersrilche Mitteilungen. Am 8. d. M. hatten die Herren Professoren Dr. M. Philippson, Professor Dr. Otto Marburg, Professor Dr. Leopold Landau die hervorragendsten jüdischer: Gelehrten auf allgemein-wissenschaftlichem und speziell-jüdischem Gebiete, die sich zur Zeit in Berlin betätigen, geladen, um ihnen Gelegenheit zu geben, einen Vortrag des Herrn Redakteurs N. Sokolow-Warschau über die von ihm in Angriff genommene hebräische Encyklopädie zu hören und sich über ihre eigene wissenschaftliche Mitarbeit an dem Werke zu äußern. Den Vorsitz in der Konferenz führte, unterstützt von Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer als Schriftführer, Herr Professor Dr. M. Philippson, der nach herzlicher Begrüßung der Erschienenen dem Herausgeber der Encyklopädie, Herrn N. Sokolow, Redakteur der „Hazephira", das Wort erteilte. Für die Massen des jüdischen Volkes, die noch in der hebräischen Sprache wurzeln, werde die Encyklopädie ein Bildungs- und Belehrungsmittel großer: Stiles sein, um so wesentlicher, als sie jetzt aus ungenügender Kenntnis anderer Sprachen oder Infolge der Unzulänglichkeit der kleinenzwissenschastlichen Arbeiter: in hebräischer Sprache solcher Möglichkeiten zur Selbsterziehung entraten müsse. Die Encyklopädie werde den Schlnßpunkt in derstaunenswerterr Entwickelung bilden, welche in den letzten Jahrzehnten die lebendige hebräische Sprache über die Journalistik, Belletristik urrd Poesie zur Wisserrschaft hinüber genommen habe. Bei dem Unternehmen handle es sich darum, die Summe allgemeinen urrd jüdischen Wissens in dem Ausmaße und in der Form, die den Bedürfnissen und der Veranlagung der jüdischen Masse entsprechen, in einem Werke^vorzusühren, dem, rvas wissenschaftliche Exaktheit und Originalität betreffe, die besten enchklopädischen.Leistungen anderer Völker als.Beispiel vorschweben sollen. Es werde darum des Herausgebers und seiner redaktionellen Bureaus Hauptsorge sein, sowohl für der: allgemeinen als auch für den jüdischen Teil die hervorragendsten jüdischen Fachgelehrten zum Rat und zur Mitarbeit heranzuziehen. An die Ausführungen des Referenten schloß sich eine interessante Diskussion, au der sich die Herren Geheimrat Pinner, Professor Berliner, Professor Zabludowski, Dr. S. Bernfeld, Professor Landau, Professor Meyerhoffer, Professor Baginsky, Dr. Elbogen urrd Eduard Bernstein beteiligten. Es fehlte nicht arr verschiedenen Hinweisen auf die Schwierigkeit des Unternehmens, die meisten Redner aber unterließen es nicht, indem sie ihre persönlicher: Anschauungen und Ratschläge entwickelten, ihrer besonderen Sympathie für das geplante Werk warmen Ausdruck zu geben. Die Herren Professor Pinner und Meyerhoffer legterr dem Herausgeber nahe, ob nicht statt der alphabetischen Fornr besser die Einteilung nach Disziplinen gewählt Werder: solle. Professor Zabludowski meinte in sehr interessanten Ausführungen u. a., daß es gerade höchste Zeit sei, das Werk zu beginnen, da die Kenntniß des Hebräischen zu schwinde:: beginne. Ihm errtgegnete Dr. Elbogen, daß er gerade eine arrßerorderrtliche Renaissance der hebräischen Sprache jetzt als lebendige Volkssprache konstatieren müsse. Mit besonderer Wärme sprachen sich Professor Landau urrd Professor Baginsky für die Encyklopädie aus, irr der sie eine bedeutsame kulturelle und volksbildnerische Tat, insbesondere für die Brüder des Ostens, erblicken. In seinem Schlußwort hatte der Referent Gelegenheit, auf Kritik, Rat und Anregung erschöpfend urrd irr einer alle Anwesenden befriedigenden Weise einzugehen. Sein nochmaliger, herzlicher Schlußappell, dem er die Mitteilurrg ansügte, daß sich in Paris bereits ein wissenschaftlicher Beirat gebildet habe, hatte die erfreuliche Wirkung, daß sich folgende Herrerr in Berlin für den Beirat anschlossen: Professor Baginsky, Professor Dr. L. Landau, Dr. E. Landau, Professor Barth, Dr. Franz Opperrheimer, Professor Meyerhoffer, Eduard Verrrsteirr, Dr. Hoffmann, Rektor des Rabbinerseminars, Professor Dr. Berliner, Professor O. Marburg, Dr. Alfred Nossig, Dr. Preuß, Professor Dr. Pagel, Professor Oppert, Dr. S. Soskin, Dozent Dr. Ed. Baueth, Justizrath Dr. Heinrich Meyer Cohn, Dozent Dr. Elbogen, Oberrabbiner Dr. Fuchs, Dozent Dr. Hirsch Hildesheimer, Professor Dr. M. Philippson, Dozent Dr. I. Wohlgemuth und Professor Zabludowski. Diesem Beirat wird sich zweifellos eine Reihe vor: Gelehrten anschließen, die durch äußere Umstünde vor: der Teilrrahme an der Konfererrz abgehalterr worden waren. Dem bereits erwähnten Beirat in Paris gehören bis jetzt arr: Professor Oppert, Prosessor Derenborrrg, Prosessor Shlvain Levy. Grarrdrabbin Zadoc Kahrr, M. Schulhof, calculateur prindpal du Bureau de Lougitudes, Israel Levy. Morse Schwab de Ja hibliotlieque nationale, Maurice Levy, Dr. Syderski, Dr. Schapiro, Michel Levy, Iuspecteur general des miues, Michel Breal, Dr. Max Nordau, Mr. Bigart, Dr. Henry de Rothschild, Alexarrder Marmorek, Professor Joseph Halevy, Dr. Schwarzfeld und mehrere andere. Auch sind bereits seit einiger Zeit die redaktiorrellen Brrreaux konstituiert worden: das eine, hauptsächlich für den Verkehr mit der: russischen Mitarbeitern, unter Leitung des Herausgebers irr Warschau (Marjanska 2), das zweite, bestirnnrt für den Verkehr hauptsächlich mit der: westerrropäischen Mitarbeiter::, unter Leitung des^Herrn Dr. S. Bernseld in Berlin-Charlottenburg (Grolmannstr. 21). --- Die von Karl Emil Franzos herausgegebene Halbmonatsschrift „Deutsche Dichtung" (Concordia, Deutsche Verlagsanstalt, Berlin) derzeit die älteste, aber auch die vornehmste derjenigen Zeitschriften, die sich zum Ziele sehen, gleichzeitig eine Heimstätte der künstlerischen Produktion in Prosa und Vers und ein grrt orientierendes Literaturblatt zu sein, beginnt ihren XXXV. Band mit zwei Heften fl. und 15. Oktober 1903) von ebenso reichem rvie gediegenem Inhalt. Die Novelle ist durch eine größere Arbeit von Karl Emil Franzos „Die Schlechteste und die Beste" vertreten. Das Kulturbild ist durch eirre frische und hrmrorvolle Arbeit des Herausgebers: „Ein Rersebild aus dem Elsaß", der literarische Essay durch eine Studie über Adolf Stahr vertreten. Darreberr bietet die Zeitschrift, ihrer Gepflogerrheit gemäß, auch diesmal eine literarhistorische Reliquie von großen: Interesse: „Heirre und die Mutter Meyerbeers" rrrit einem ungedruckten, sehr charakteristischen Brief Heinrich Heines. Literarische 'Kritiken und eine Uebersicht rreuer Bücher schließen die reichhaltigen Hefte der Halbmonatschrift, die bei relativ billigem Preise (4 Mark für 6 starke Hefte vierteljährlich) Gutes und Bestes in vortrefflicher Ausstattung bietet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.