Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 563 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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563 Wenn dann die Kerze zischend erlosch, sagten die Kinder: „Jetzt ist der Schabbes wieder beim lieben Gott." Dann zündete sich der Onkel die lange Pfeife an und setzte sich in den Sessel. Die Kinder holten sich Bänkchen, legten ihre Arme auf Onkels Knie und sahen ihn erwartungsvoll an. Er aber fragte die Haushälterin: „Blümchen, müssen die Kinder nach Hanse?" Ebenso regelmäßig antwortete sie - und wenn es Sommer und schon halb zehn war — „Nein, die Kinder Haber: noch ein Stündchen Zeit." „Dann hole ihnen noch einige Makronen." Er paffte stärker, und dann begann er seine wundervollen Erzählungen: „Ja Kinder, was wißt Ihr in Eurem Palast, in der großen Stadt vorn Leben! Früher hatten die Leute andere Strapazen, äöeuu man jetzt mit der Bahn fährt, mußte man früher laufen. Mein Urgroßvater, olow hascholaum, war ein Mohel und wohnte auf denl Westerwald. Dort ftub heutzutage noch meilenweite, dichte Waldungen, aber die Eisenbahn fährt durch, bequeme Wege verbinden die Dörfer miteinander, aber in der damaligen Zeit lvaren kaum Wege da, geschweige denn Eiseubahnen oder Post. Eines Tages nun bekam mein Urgroßvater Botschaft aus eiu.em vier Stunden entfernten Dorf, er solle zu einer Bris Miloh hinkommen, und da konnte itju keine Entfernung, kein Wetter zurückhalten, diese Mizwoh auszuüben. Es war Winter, der Schnee lag hoch, und die Kälte war grimmig." „Onkel Bär," fragte Heinrich atemlos, „waren auch Wölfe in: Wald?" „Gewiß, mein Kind, aber mein Urgroßvater fürchtete sich nicht. Er nahm einen dicker: Stock und eine Pistole mit. Es war Freitag, er ging deshalb früh von Hanse fort, um noch vor Schabbes anzukommen. Rasch ging es nicht, er mußte sich mühsam durch den tiefen Schnee arbeiten, er kam aber doch voran. Weit und breit war keilt Mellsch und kein Haus zu sehet:, die Bäumeglitzerten im Schnee, eine Totenstille um ihn herum, die nur manchmal durch den Schrei eines Raubvogels unterbrochell wurde. Endlich kan: er auf die letzte Höhe, er hatte noch eilt Gehölz zu durchschreiten, eine viertel Stunde abwärts zu steigert, und dann war er angelangt. Wie er dem Gehölz nahte, hörte er plötzlich ein Geräusch. Er blickte durch die entlaubten Aeste und sah auf einer Lichtung drei Frauen stehen, die sich gegellseitig ein Bündel zuwarfen. Er trat näher und rief: „In Gottes Namett, was macht Ihr da?" Die Frauen schrieen auf, eine warf ihm das Bündel zu, das er mit seinen: Mantel auffangen konnte, und im selben Allgenblicke lvaren die Weiber verschwunden." Er rauchte stark, die Pfeife war ihm beinahe ausgegangelt. Die Kinder hatte:: sich dicht an ih:: gedrängt. „Onkel Bär, was war im Bündel?" „In dem Bündel war ein kleines Kind. Atem Urgroßvater trug nach damaliger Mode einen Mantel mit drei Kragen, er wickelte das Kind warn: hinein, damit es nicht erfrieren konnte, und giltg ins Dorf. Bei seinen Freunder: angelangt, traf er dort großen Jammer ar:. Das Knäbcheu, dessen Bris Miloh nwrgen sein sollte, war verschwunden. Er wickelte das Kind aus den: Mantel: „Ist es dieses?" Welche Freude war nur:, wie die Leute ihr Kind rvieder hatten!" „Ja Onkel, lvie konnte den Leute:: aber das Kiltd gestohlen werden, hatten es Zigeuner geraubt?" „Nein, es warer: „Mechascheisaus" - Hexer: —, die hatte:: Macht über das Kind, weil die Eltern nicht gebetet hatten. Hexen sind böse Geister, und böse Geister sind böse Gedanken, und die können nicht Macht gewinnen, wo gebetet wird, und wo Gottesfurcht herrscht." Onkel Bär erzählte auch vom Strome Sambatjon, der Steine und Sand anstatt Wasser in seinem Bette wälzt. Aber voll Freitag Abend bis nach Habdalah ruht der Strou:, an seinen: Ufer jedoch lodern Flammen, damit ihn niemand überschreiten kann, und die verlorenen zehn Stämrne, die jenseits im Lande wohnen, ungestört :u:d in Frieder: weiter leben können, bis der Allmächtige sie mit ihren Brüdern vereinigt. Diese und ähnliche Geschichten erzählte Onkel Bär, und die Kinder hörten nur bei ihn: etwas jüdisches; ihre Ettern waren zu aufgeklärt, zu modern dazu. Jetzt deckt die Ruhestätte des Mannes schon längst der schrnucklose Stein, in: Herzen der Kinder aber lebt er fort. Kapitel 3. Erna erwachte wie aus dem Traume, als der Kellner ihr die frische Platte bot. Mit dem fortschreitenden Diner wurde die Unterhaltung lauter, fodaß mar: fast nur schreiend sich verständlich jnad)e:t konnte. Frau Berger sagte ihrem Mann: „Jft^s in unserer Pension auch so laut? Siehst Du der: Unterschied im Benehmen zwischen Juden und Christen?" Sie zeigte auf einige junge Herrerl, die sich wirklich etwas ungelüert aufführten, ihre Nachbarn mit Stöpseln warfen. „Suche Dir doch hier einen Schwiegersohn aus," hetzte sie weiter. Er antwortete ungeduldig: „Lasse doch die Leute zufrieden, sie kennen sich alle und genieren sich nicht vor einander. Wer weiß, wie die Leute aus unserer Pensio::, vor denen Du die große Hochachtung hast, über unser Benehluen spötteln." Bitte sehr, mein Benehmen ist das der Dame von Welt' das wird lvohl bei allen Konfessionen gleich sein." Sie erhoben sich, mit ihnen die Familie Meyer. Frau Berger hörte noch, wie Frau Meyer ihrer Tochter, einem aufgeschossenen Backfisch von etwa sechzehn Jahren, znraunte: „Geh vor, zu dere Fräulein Bloch aus Mülhausen, da kannschte französisch spreche. Zeig, daß de was gelernt hascht." Dann wandte sie Frau Berger ihr fettglänzendes Antlitz zu. „Des ist wirklich an Arbeit, zwee Stunden lang esse, aber aach e Zeitvertreib." Frau^Berger ging naserümpfend weiter. „Treffe mir uns im Kurgarte?" „Ich muß bedauern. Der Arzt hat mir wegen meiner Nervosität jede längere Unterhaltung untersagt." „So? Dann müsse Sie Sich ebe für Sich halte, Sie Aermste," und Frau Meyer rauschte zu ihrem Mann, ihn: anvertrauend: „Die Frau . Berger hat doch ka bische Bildung, sie is a ufgeblose Judeweib." Nun ging auch der Herzenswunsch der Frau Berger in Erfüllung. Sie fand die ersehrcke Gesellschaft. Die Familie Rode bemühte sich sehr um sie; der Assessor, der an der Regierung in Frankfurt beschäftigt war, kannte sehr lvohl die , Bedeutung von Leopold Berger und des von ihm geschaffenen Warenhauses „Zu de:: vier Jahreszeiten". Andere schlosser: sich chu, und so waren die Damen bald^der Mittelpunkt des sich immer vergrößernden Kreises. Heinrich, der sich in der."großen Gesellschaft nicht gut anrüsierte, machte seine Touren hauptsächlich mit den: jungen Maler Küppers, einen: drolligen, harmlosen Menschen, der immer Motive such^' solche aber nur fand, wo ein Wirtshaus ü: der Nähe war.