Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-20 · Heft 47 (20.11.1903) · p. Seite 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
Seite 562 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228575--60350-3296931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

562 ^ggiLL6Coi> p^wMMjaa»3aj^gyw! B MnLrr unlrrrr Leit. Roman von Jacob Levh. tFortsetzung.) erger sagte beschwichtigend zu seiner Frau: „Deine Furcht vor dem Judenhaß ist sehr übertrieben. Uebrigens schickte ich die Kinder fort, weil ich etwas mit Dir zu besprechen habe. Du weißt, daß ich nicht an Dein Lungenleiden glaube." Sie fuhr auf, er beschwichtigte mit der Hand. „Bitte, laß mich ausreden. Dein Hausarzt, der Deine Abneigung vor einer Untersuchung kennt, tappt einfach im Dunkeln. Ich sprach nun schon vor acht Tagen mit meinem Freund Doktor Weil über Dein Leiden, und er beobachtet Dich seitdem. Er glaubt nun auch, daß kein Symptom auf ein Lungenleiden schließen läßt, muß Dich aber selbstredend untersuchen, uiu eine genaue Diagnose stellen zu können. Obgleich er zu seiner Erholung hier ist und nicht an seinen Beruf denken soll, will er doch bei Dir eine Ausnahme machen und erlvartet Dich um sechs Uhr." Herr Berger fuhr diplomatisch fort: „er sei ein solcher Bewunderer Deines Geistes, daß er nur für Dich diese Ausnahme macht." In Wahrheit jedoch spielte sich die Unterhaltung mit dem jungen Arzt etwas anders ab. Er, mit dem Herr Berger jeden Abend ordentlich gekneipt, sagte: „Ich begreife den Kollegen nicht, der Ihre Frau als Brustkranke behandelt. Wer so ausgiebig ißt, so laut und ungezwungen spricht, solche elastische Bewegungen macht, wenn er nicht eben an sein Leiden denkt, der kann nicht brustleidend sein. Nun, wir werden ja sehen, ich verspreche mir das beste." „Nun," erwiderte Frau Berger seufzend, „so mag dieser Arzt mich auch noch quälen." Pünktlich um sechs Uhr traf das Ehepaar Berger den jungen Arzt im Garten der Pension. Mit einer tadellosen Verbeugung reichte er der Dame seinen Arm und führte sie ins Haus. Dann bat er Herrn Berger, ihn mit seiner Frau allein zu lassen. Nun verwandelte sich der muntere junge Herr in den ernsten Mann der Wissenschaft. Er hörte die endlosen Klagen der Frau schweigend an, nur selten eine Frage dazwischenwerfend. Dann aber untersuchte er die Frau aufs gründlichste. Nach Beendigung ließ er den Mann hereinkommen und gab nun sein Urteil ab. „Die Brust und Lungen der gnädigen Frau sind ganz gesund, nur durch die harte Winterkampagne vielleicht etwas gereizt," setzte er mit feinem Lächeln hinzu. „Keine Medizin, sondern naturgemäß leben. Früh zu Bette gehen — besonders im kommenden Winter, gnädige Frau, viele Milch, viele Spaziergänge, bald Badenweiler verlassen und sich auf Fußtouren nicht schonen. Dann sind Sie so gesund wie ders,Fisch im Wasser. Also im Winter das gesellschaftliche Leben beiseite, keine Aufregungen und um zehn Uhr zu Bett." „Aber Herr Doktor, ohne geistige Anregung verkümmere ich. Wie kann man denn als gebildete Frau, als Kind seiner Zeit existieren, wenn mau nicht durch Theater, Vorlesungen, neuere Literatur seinen geistigen Horizont erweitert." Der Doktor stand hastig aus und ergriff seinen Hut. „Gnädige Frau, ich kann Ihnen nur wiederholen, daß alles das, was Sie jetzt gerühmt, geradezu Gift für Sie ist. Ich glaube übrigens, daß eine Frau, die solch prächtige Kinder hat, auch ohne geistigen Horizont leben kann und sich vor allem ihrer Familie gesund erhalte» muß. Empfehle mich Ihnen!" und Humus war er. Die Frau sagte: „Ich habe Vertrauen zu diesem Arzt und glaube in der Tat, daß ich ein schweres Leiden mir nur eingebildet habe. Jetzt will ich gesund sein und marschiere überall mit Euch hin." „Das ist Recht, mein liebes Kind," erwiderte Berger vergnügt. Kapite.l 2.s Andern Tags erinnerte Berger seine Frau an ihren Vorsatz, heute zur Abwechselung einmal koscher zu essen, und die Familie begab sich in ein jüdisches Hotel. Ein lautes Stimmen* gewirr ertönte in dem Saal, es waren über hundert Gäste anwesend. Die Stammgäste liefeir durcheinander und begrüßten sich; die jungen Mädchen, die sich vielleicht noch vor einem Stündchen gesehen, eilten zusammen und hatten die wichtigsten Neuheiten auszutauschen. Die neu angekommeuen jedoch, zu denen auch die Familie Berger gehörte, wurden vom Wirte prnclon, Hotelbesitzer — empfangen und „angereiht". Bald saß alles. Die Suppe wurde schweigend verzehrt. Neben Herrn Berger saß ein dicker Herr, der sich mit der Serviette den Schweiß abwischte. Dessen ebenso dicke Ehefrau flüsterte ihm zu: „Guck emol, gestern hot mir aner den Mann gewiese, der do nebe d'r sitzt, des is der reiche Berger aus Frankfurt, der Besitzer von de vier Jahreszeite. Schwätz emol mit em." Unzufrieden, aber gehorsam, wandte sich der Mann zu Berger, der sich eben Wein einschänkte. „Sie verzeihe, mei Name is Meyer aus Meenz, mei Fraamei Kinuer," sagte er mit deutender Handbewegung. „Sind Sie auch zur Kur hier?" Herr Berger stellte ebenfalls vor, und so war das Gespräch bald im Gang. Erna und Heinrich amüsierten sich vorzüglich über die verschiedenen Typen, über die sie übermütig Glossen machten. Plötzlich zeigte Heinrich Erna verstohlen ein Männchen, das ihnen schräg gegenüber saß. Es hatte ein freundliches Gesicht, ein Käppchen aus dem mit spärlichem, grauem Haar bedeckten Scheitel und erregte Heinrichs Aufmerksamkeit durch eine altfränkische geblümte seidene Weste. Heinrich flüsterte: „Erna, Onkel Bär". Im selben Momente nickte das Männchen, das sich von den Geschwistern beobachtet sah, ihnen freundlich zu. Ernas Augen wurden feucht. Sie wiederholte „Onkel Bär" und ihre Gedanken schweiften rückwärts. Er war der Bruder ihres Vaters, etwa um zwölf Jahre älter. Er war sehr fromm. Von den Zinsen seines mäßigen Vermögens lebte er nicht nur, sondern übte noch große Wohltätigkeit aus. Er war Witwer ohne Kinder, eine alte Verwandte führte ihm die Haushaltung. Die Kinder speisten jeden Samstag mittag bei ihm. Dies konnte nun aus dem einen oder andern Grund bisweilen ausfallen; was aber nicht aussallen durfte, das war ihre Anwesenheit beim Habdalahmachen ihres Onkels. Das gab's einfach nicht. Und als Erna die Masern hatte und nicht ausgehen durfte, machte Onkel Bär bei ihnen Habdalah, „aber so schön wie bei Dir, Onkel, ist's doch nicht." Schon die Vorbereitungen, die streng geordnet waren! Erna holte aus dem Schränkchen den Becher, die Gewürzbüchse und die geflochtene Kerze, die Heinrich halten mußte. Nun sang Onkel Bär mit dünner Stimme: „Gott, Avrom, Jizchok und Jakob, Behüt' dein Volk Jisroel in deinem Lob. Die sieben Tage sollen uns bekommen Zu Glück und zu Heil und allem Frommen Daß der liebe Schabbes kaudesch geht dahin. Die Woche soll uns kommen zu Schalem, zu Gesund, zu Auscher und zu Kowed und zu allem guten Gewinn. Oniein, W'omein!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.