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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-20 · Heft 47 (20.11.1903) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
Seite 561 (sequence 11)
Language
German
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561 zurücklehnt und den feinen Kopf auf den rechten Arm stützt. Wie ein sehnsuchsvoller Traum genossenen Glücks erfüllt es die reizenden Züge des jungen Wesens. Die Glieder sind wie zur Rast gelöst und doch ist in dieser Ruhe eine eigenartige Bewegung. Das ganze Werk wirkt überaus lebensvoll, und die Technik des Künstlers, sowie die Innigkeit seiner Komposition kommen in dieser Marmorbehandluug zu bezwingendem Ausdruck. Eine vorzügliche Arbeit voll packender Energie ist sein löwenwürgender Germane; das meisterhafte Formenverständnis zeigt sich auch hier in der Modellierung des Körpers mit seiner kräftigen Muskulatur und dem stark hervortretenden Adernnetz; imponierend ist auch die Darstellung der von den nervigen Armen des Kämpfers umspannten und den Rachen zum Schreien weit aufreibenden Bestie. Eine besonders hervorragende Gattung Klein'scher Schöpfungen bilden seine zahlreichen Relieffiguren. Ich meine zuvörderst die acht Relieffiguren an der Kronprinzenbrücke zu Berlin. Sie zeigeil in gefälligem Arrangement teils Blumen-, Frucht-, Garten- und Feldgeräte, teils Fisch- und Netztrophäen, teils Räder und Werkzeuge der Müllerei und teils Geräte und Insignien der Stromschiffahrt. Eine noch hervorragenderes Werk der Plastik ist der große Fries in Hochrelief, der an dem Hause des Herrn Verlegers dieses Blattes, Leipziger Platz 15 in Berlin, die Fassade unter dem Sims schmückt. Zum ersten Mal hat Max Klein hier nach Bekanntwerden der Pergamenischen Skulpturen mit der akademischen Schablone gebrochen, die'unter dem Vorgeben, nach Klassizität und plastischer Ruhe zu streben, die Skulptur und speziell das Relief in dem engen Rahmen eiires nach Phidias geschaffenen Kanons gefesselt hielt. Der allegorische Charakter der weit über lebensgroßen Reliefgestalten sucht hervorragende Momente aus der braudenburgischen Geschichte darzustellen, so z. B. das Emporblühen des in neuer Kraft erstandenen Kaiserreichs. Wir erblicken auf den: Fries u. a. eine lebhafte Schilderung der Schlacht im Teutoburger Walde, den römischen Feldherru Varus und Herinaun, den Cherusker, ferner eine hehre Jdealgestalt von bezaubernder Schönheit, nämlich eine in faltige Gewänder gekleidete Jungfrau, welche dem lorbeerbekränzten Helden, der die Züge des deutschen Kaisers trägt, die Kaiserkrone überreicht, sowie die Borussia, Bavaria und andere vorzüglich ausgeführte allegorische Gestalten. Die energische und zugleich realistische Darstellung Max Kleins zeigt sich auch in seinen Büsten. Wer die Kvlossalbüste des Generalfeldmarschalls von Mallteuffel im Berliner Zeughause gesehen hat, wird dem Künstler seine vollste Anerkennung nicht vorenthalten können. Die sprechende Aehnlichkeit des durchfurchten Gesichts des Statthalters und der ganze charakteristische Eindruck, den die Stirn, die Augen, die feine Mundbildung, kurz das geistige Leben des Antlitzes Hervorrufen, ist meisterhaft wiedergegeben. Dasselbe gilt auch von der gleichfalls itt. der Ruhmeshalle befindlichen Büste des Generals voir Werder. Eine gleich lebendige Wahrheit und Charakteristik zeigen auch seine Portraitbüsten. Bei allen ist die Aehnlichkeit eine außerordentliche, die Wiedergabe der Eigenheit, des Orgiualen, eine geradezu verblüffende. Der Gesichtsausdruck, der Blick der Augen, das Lächeln, die Seele und der Geist — alles ist mit einer nicht geling zu rühmenden Naturtreue nachgeahmt. Das blühende, schwellende Leben ist überall gepaart mit einem Hauch der Poesie, welcher all diesen Bildnissen eine außerordentliche Anziehungskraft verleiht. Jedermann bleibt unwillkürlich gebannt vor feinen Marmvrportraits stehen, getroffen voll deill Strahl des Lebens, der aus seinen Köpfen hervorbricht. Zuweilen hat er nach Art der späteren römischell Bildhauer der Kaiserzeit zu verschiedensarbigem Steinmatertal gegriffen. Eine besondere Spezialität von ihm ist manchmal die graue Tönung des Haares, der Augen und der Gewäilder. Augenblicklich erregt seine Bildnisstatue Nietzsches in Berlin allgeineines Interesse. Auch sein Bismarckdenkmal im Grunewald darf hier keineswegs unerwähnt bleiben. Das große Talent des Künstlers beweisen ferner seine Reiterstandbilder. So hat er für das Kaiser Wilhelm-Denkmal auf dem Kyffhäuser eine Reiterstatue Wilhelms I. geschaffen. Sie zeigt den Monarchen in seiner schlichten Einfachheit und Würde, so lvie wir ihn zu sehen gewohnt waren. Jil ruhiger Haltung steht das edle Reitpferd da, die Vorder- und Hinterbeiire etivas gestreckt, mit alleil vier Hufen fest auf dem Boden. Auf ihm sitzt der Kaiser in Generälsuniform in seinenr historischen Mantel, voll natürlicher Würde und chevaleresker Vornehmheit. Aber nicht dem Rosse gilt das Interesse des Beschauers, sondern immer inld immer wieder der machtvollen Persönlichkeit des Reiters, dessen packeildeil Zügen. Nichts Dramatisches, keine hohl und leer lvirkende Geste! Trefflich kommt in den Zügen die tiefe Ergriffenheit nnd Begeisterung und der feierliche Ernst zilin Ausdruck, lvelcher die Brust des Mannes bei diesem Blick auf das neuvereinte deutsche Land beseelen muß. Die Berliner Jury der großen Kunstausstellung hat inr Jahre 1893 ein« Reiterstatue Kaiser Wilhelms I., in Bronzeguß ausgeführt, merklvürdigerlveise zllrückgeiviesen, obschon damals die gesamt« Berliner Kritik dieses plastische Werk in rühmendsteu Worten anerkannte. Die Jury hat, lvie leider schon wiederholt, sich auch in diesem Fall vergriffen, denir das Monument ist nicht nur ein würdiges Denkmal des Kaisers, sondern auch eine Zierde der deiltschen Kunst überhaupt. Es ist dem Künstler die Genugtuung zuteil geworden, daß seine Reiterstatue bei der Kaiserdeukiilal-Konkurrellz in Stuttgart prämiiert und er beauftragt wurde, die Arbeit in größerem Maßstabe auszuführe», beim Max Klein ist eben ein Mann von Genie und solche Leute werden manchmal den akademisch gezähmten Kollegen unbequem und lästig. Ein Mann von seinem ehrlichen begeisterten Streben, seiner Schaffenslust mld seinen meisterhaften Leistnngen, der unbedingt neben Reinhold Begas der größte deutsche Bildhauer der Gegenwart ist, hatte schon längst die große goldene Medaille verdient. Es würde mich zu iveit führen, wollte ich die zahlreichen Porträtbüsteu Max Kleins hier eingehender nnalysireil. Nur so viel sei hervorgehoben, daß infolge seiner außerordentlichen Technik, der Feinheit und Charakteristik der Ausführung diese Arbeiten zu den bestell der modernen Mastik gezählt werden können. Schon der alte Gottfried Schadvw nennt die Schaffung lveiblicher Büsten eine der schlvierigsten Aufgaben der Kunst, indem er u. a. ein Wort sagt, lvclchcs aus nnseril Künstler voll angeivendet werdeil kann: „Aehnlichkeit mit Anmut zu vereinigen, m einem Moment den Reiz zusammenzufassen, der im Leben durch das beseelte Bewegte, Mannigfaltige uneildlich vieler Momente liegt, erordert ein zartes Kuilstgefühl und einen, ich möchte fast sagen, an List grenzenden Bevbachtungsgeist." Im Tönen einer Marmorarbeit hat Klein eine große Virtuosität erlangt. Seine Frauenköpfe erscheinen in getreuester Verlebendigung nnd glücklicher Betonung alles Charakteristischen; infolgedessen haben diese Marmorbnsten einen eigentümlichen Lebensinhalt und Glanz, so daß man unter bem Marmor das pulsierende Leben zu sehen glaubt. Mit Stolz nenuen wir diesen großen Künstler den unseren. Und dieser Stolz hat sicher seine Berechtigung, wenn mail daran denkt, daß die Jirden erst seit kaum einein halben Jahrhundert sich der Plastik überhaupt zugewendct haben.

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