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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-20 · Heft 47 (20.11.1903) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
Seite 560 (sequence 10)
Language
German
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560 und machten sich über seine angebliche Ueberspanntheit weidlich lustig. Eine rühmliche Ausnahme bildete nur Professor Steffel, der vorurteilslos und wohlwollend den jungen Künstler m seinen Privataktsaal aufnahm und ihm mit Rat und Tat zur Seite stand. Seine erste zur Kunstausstellung gesandte Arbeit wurde natürlich nicht angenommen, aber schon die zweite erhielt dort einen Platz; es war dies die Kolossalgruppe: „Germanen im römischen Zirkus". Als das Gipsmodell von kolossaler Größe 1878 ans der Berliner Kunstausstellung erschien, wurde Max Klein der Löwe des Tages. Die originelle und ungewöhnliche Kühnheit der Konzeption und die Energie der realistischen Gestaltung und Durchführung der Menschenwie Tiergestalten brachten die kritischen Geister förmlich in Aufruhr. Auch im Pariser Salon, vier Jahre später, machte diese Gruppe großes Aufsehen und wurde ein Jahr darauf auf der internationalen Kunstausstellung in München mit der goldenen Medaille ausgezeichnet. Seitdem war die künstlerische Bahn des Meisters geebnet und Erfolg reihte sich an Ersolg. Sowohl das preußische Ministeriunr wie die Stadt Berlin erteilten ihm viele wichtige Aufträge. In einer Konkurrenz um die Kolossalstatuen antiker Philosophen für den Neubau des Joachimsthaler Gymnasiums zu Berlin ivurde seinen Entwürfen der erste Preis znerkannt. Die Stadt Berlin beauftragte ihn mit der Ausführung der Modelle für di« galvanoplastisch hergestellten symbolischen Reliefs, mit denen die Pfeiler der neuen monumentalen Kronprinzenbrücke über die Spree in Berlin geschmückt werden sollten, den Wasserbaumeister im Kampf mit der Flut und seinen Sieg darstellend. Im Aufträge der preußischen Regierung schuf er für die Ruhmeshalle die beiden Kolossalbüsten des Marschalls von Manteuffel und des Generals von Werder. Natürlich fatu der Künstler mit den beiden Schlachtendenkern auch in persönliche Berührung und er verlebte sowohl in Straßburg, wo Herr von Manteuffel bekanntlich Statthalter war, wie in Grüssow, beiu Gute des Grafen von Werder, unvergeßliche Stunden. Max Klein war mm so weit, daß er sich ein neues großes Atelier einrichten konnte, wo er eine erstaunliche Tätigkeit entfaltete. Er machte sich zunächst darall, eine Riesengruppe zu lnodellieren, „die Sündflut", und arbeitete daran drei volle Jahre mit verzweifelter Alistreugung, erlitt aber eine so vollstülldige Niederlage, daß er die Arbeit nach Schluß der Ausstellung, und da er überdies keinen Platz fand, sie unterzubringen, zertrümmerte. Er hatte sich in jenem Jahre mit Eva Dohm, der jüngsten Tochter des bekannten einstigen Redakteurs des „Kladderadatsch", Ernst Dohiil, verheiratet, und so hatte seine Frau gleich im ersten Jahre Gelegenheit, sich als treue Gefährtin im Unglück zu erweisen. Er meißelte darauf die Büste seiner Frau in Marmor, welche Arbeit hier sehr gefiel und in München von der Kaiserin von Oesterreich angekauft wurde. Dann modellierte er eine meterhohe Gruppe: „Hagar und Jsmael", welche die Berliner Kunstakademie schon mit der „ehrenvolleir Erwähnung" belohnte, ebenso erhielt er für die Gruppe „Centaur ulld Nyniphe" die kleine goldene Medaille von Berlin; in Paris hatte er bereits früher die „mention lionorable“, in München die kleine goldene Medaille wie in Wien erhalten. Tie Pariser „mention bonorable" galt hauptsächlich seinem „Anachoret", welches Kunstwerk allgemein bewundert und gerühmt wurde. Der gleichen Anerkennung hatte sich auch die Kolossalgruppe „Der Besiegte" zu erfreuen. Im „Anachoret" offenbart sich, wie im „Germanen im römischen Zirkus" der Zug zum Uebermächtigen, Grandiosen und zum Realistischen. Am Boden ein fast nackter, in einem heiligen Buch lesender Anachoret. Dieser Alte in der Höhle erscheint wie ein grau gewordener Herkules, in dessen verwitterten Zügen ein Leben voll Drangsal und bitteren Enttäuschungen sich abmalt. Die Hand mit dem abgebrochenen Nagel, der kolossale Knochenbau und die tiefen Achselhöhlen machen einen gewaltigen Eindruck. Die charakteristische Auffassung, sowie das bei aller realistischen Vorstellung doch Uebernatürliche des Ganzen ruft eine ergreifende Wirkung hervor. Das Titanenhafte und Himmelanstürmende zeigt sich auch in der anderen Gruppe „Der Besiegte". Der Künstler stellt hier einen Tyrannen aus den Zeiten der römischen Weltherrschaft dar. Der Despot hat eine Schlacht verloren, er ist gebrochen, und der Gedanke an die ihm angetane Schmach treibt ihn zur Verzweiflung. Er sinkt, den Tod tm Herzen, in einen Thronsessel, von wo er sonst seinem allmächtigen Willen Geltung zu verschaffen gewußt hat, und die nervige Faust der herkulischen Gestalt greift nach dem Schwerte, um es in sein Herz zu stoßen. Die Fürstin, das Weib des Besiegten, wirft sich in seine Arme, als es an dem gezückten Schwert erkennt, daß alles verloren sei, sie will augenscheinlich ihr Schicksal nicht von dem feurigen trennen und legt ihr Leben voll Ergebung in seine Hand. Prachtvoll sind die Gestalten des Besiegten und seines Weibes modelliert. Die herkulischen Glieder, die mächtigen Arme, der stolze Kopf mit den krausen Locken, der krause Bart, die kührr gewölbte Stirn und die trotzige, düstere Entschlossenheit im Gesichtsansdruck, all diese Züge vereinerr sich zu dem imponierenden Gesamtbild eines antiken despotischen Charakters, der keine Niederlage ertragen kann und die Schande mit seinem Leben zu bezahlen bereit ist. Einen sehr wohltuenden Gegensatz zrr dem gewaltigen Helden bildet das Weib, dessen jformenschöner Körper im Schoße des Mannes ruht. In der Darstellung des Menschenkörpers beweist überhaupt dieser Autodidakt eine genaue Kenntnis der Anatomie und eine souveräne Beherrschung der Technik. Die Größe seines Stils, die Plastik seiner Formen erinnert vielfach an Michelangelo, den er in Italien in seiner Jugend kennen gelernt und eifrig studiert hat. Mit dem großen italienischen Bildhauer hat der Künstler die Formensprache, die Vorliebe für das Kolossale, das Hochdramatische und das Streben, in Marmor das Ewigwahre und Schöne zu verkörpern, gemeinsam. Auch in der Gruppe „Der Centaur und die Nymphe", sowie in der „Hagar-Jsmael-Gruppe" zeigt sich der hohe Formensinn des Meisters. Die Nymphe ist sowohl hinsichtlich ihrer Körpersormen, wie ihres Gesichtsausdruckes von entzückendem Liebreiz: rührende Unschuld, holdselige Züchtigkeit und ein erfrischender Zug von Frohsinn vereinigen sich in dem herrlichen Kopf zu vollendeter Schönheit. Dieselben Vorzüge zeigen sich auch in der Hagar-Jsmael-Gruppe; die zarten Formen des Knabenkörpers, die kindlich ernsten Züge, die Bewegungsmotive sind aus echtem Naturstudinm und feinem Künstlersinu heraus mit liebevoller Hingebung des Meisters an seine Aufgabe geschaffen. Schwung und Poesie liegt auch in der Gruppe zu einem Springbrunnen von Max Klein: „Des Fischers Traum". Ein junger Fischer hat im Netz das wunderholde Kind der Wasserfrau gefangen, die sich mit ihrem schönen Leib aus dem feuchten Element emporwindet. Sir streckt in sehnsüchtiger Liebe ihre Arme nach dem geraubten Kinde aus, aber sie kann dem Räuber, der sich auf einen Felsen geflüchtet hat, nicht folgen, denn nur ihr Oberkörper ist Fleisch, der untere Fisch, und darum ist sie erbarmungslos an die Flut gebannt. In den Zügen des Fischers prägt sich Grauen und Angst aus, daß er sich in Liebe von der Meernixe umstricken lassen könne. Die schwere Kunst, einen Traum in der Köperlichkeit der Plastik zu versinnbildlichen, ist hier dem Künstler trefflich gelungen. Fast traumhaft ist die Stimmung, in welche uns sein Kunstwerk einwiegt. Eine Arbeit voll duftigster Poesie, eine Dichtung in Marmor ist das junge Weib, welches sich über eine ovale Blumenschale

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