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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-20 · Heft 47 (20.11.1903) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
Seite 558 (sequence 8)
Language
German
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558 Israel Jacobs Vater (Großvater Israel Jacobsons) lebte 1720—1730 in Halberstadt. Am 14. April 1729 wurde ihm ein Sohn, Israel, geboren, der mit rührender Kindesliebe seinem Vater anhing. Letzterer, früher der „reiche Jacob" genannt, büßte durch verschiedene Unglücksfälle sein Vermögen ein, so daß er sich veranlaßt sah, Märkte zu beziehen, um den Lebensunterhalt für sein Hans zu beschaffen. Als der Vater einst in Quedlinburg (zwei Meilen von Halberstadt) zu Markte weilte, während die Mutter daheim den Kinder» nur trockenes Brot reichen konnte, erschien ein Magdeburger Kaufmann, durch dessen früheren Bankrott Jacob 200 Thlr. verloren hatte, um die volle Sunnne ivider Erivarten zurückzuzahlen. Da macht sich der 12jährige Knabe Israel aus deir Weg, und er bringt dein Vater nach vierstündiger Wanderung, die er bei strömendem Regen zurücklegte, die frohe Bvtschaft. Der junge Israel betrieb späterhin einen kleinen Handel, durch welchen er seine Eltern zu erhalten suchte. Doch seine ersten Versuche mißglückten. Zehn Thaler hatte er mühsam zusamniengebracht, die er als Anzahlung für eine Uhr verwandte, mit deren Beschaffung ein christlicher Student ihn beauftragt hatte. Jin Vertrauen ans die Ehrlichkeit des Bruder Studio überließ er ihm die Uhr aus zwei Stunden zur Probe, allein jener hatte sich, ohne die Kaussumme entrichtet zu haben, heimlich mit der Uhr entfernt. So gerät der jurige Handlungsbeflissene in Schulden und drückende Not, so daß er fortan mit seinem Freunde Nathan Kompagniegeschäfte zu machen beschließt, aber beide wurden bald von einem Bauern „auf eine sehr empfindliche Weise angeführt". Dieser hatte ihnen versichert, er habe eine große dicke Stange Gold in seinem Garten gefunden, die er ihnen zum Kauf anbot, jedoch sollten sie sogleich zu ihm kommen und ihm wenigstens 16—20 Groschen mitbringen. Beide erscheinen im entfernten Dorfe, doch als der Bauer ihnen sein „Gold" bringt, erkennen sie darin eine wertlose Mischung aus Messing, Zinn, Kupfer und Eisen. Mit Schimpfworten und Mißhandlungen werden sie vom Bauer zum Dorfe hinansgetrieben. Dieses Ereignis führte ein besseres Schicksal für unseren Israel herbei. Erschöpft von der Hitze des Tages, voll Aerger über die Enttäuschung, die ihnen geworden, treten beide den Rückweg an. allein gar bald sinkt Nathan ohnmächtig um. Israel versucht, seinen Gefährten weiter zu tragen, er fühlt sich zu schwach dazu. So hofft er denn in dem nahen Kloster Huhsburg Hilfe zu finden. Aber der Pförtner schlägt ihm, als er um einen Labetrunk für seinen Freund bittet, die Tür vor der Nase zu. Da ruft ihn, der weinend den Berg hinuntergeht, ein ehrwürdiger Greis im Mönchsgeivande, der Abt des Klosters, an. Er bietet ihm Hilfe an, wenn er Schweinefleisch essen würde, doch Israel bleibt standhaft, er will nicht die rituelle Vorschrift übertreten. Schon null er weitergehen, da ruft ihn der Prälat nochmals zurück und erklärt ihm, daß er ihn nur ans die Probe habe stellen wollen. Gerührt von der strengen Religiosität des jungen Mannes, läßt der Abt den erniatteten Nathan auss Kloster bringen, und beiden Jünglingen werden erlaubte Speisen gereicht. Israel, der sich so charakterfest und gewissenhaft gezeigt, wird fortan Lieferant des Klosters. Dadurch ward sein Wohlstand begründet. Als „der ehrliche Klvsterjude" erfreute er sich gar bald allgemeinen Vertrauens bei Christen und Juden. Trotz seines lvachsenden Vermögens bewahrte Israel seine Gottesfurcht und Frömmigkeit. „Der Hauptzug seines Charakters war Wohltätigkeit gegen die Armen und eine warine Teilnahme an den jüdischen Gemeindeangelegenheiten." Als Vorsteher der heimatlichen Gemeinde erwarb er sich große Verdienste um die Verwaltung derselben; verzichtete er z. B. doch auf die Rückzahlung der nicht selten von ihm für das Gemeindebudget geleisteten bedeutenden Vorschüsse. Seine segensreiche Tätigkeit war auch den Glaubensgenoffen außerhalb Halberstadts gewidmet. Mancher Israelit, der Jahre lang nach einem Schutzbrief schmachtete, um seine Verlobte heimführen zu können, wandte sich, so berichtet Auerbach, 's an ihn, und seine Verwendung bei beii Behörden blieb nicht erfolglos. Auch bei Verhandlungen in Berlin und Spandau inbetreff der Repartitiou der Judensteuern aus sämtliche altpreußische Gemeinden nahm Israel Jacob eine hervorragende Stellung ein. Wohl brachte der große Geschäftsbetrieb — er handelte auch mit Lederartikeln — manche bedeutende Verluste mit sich, allein er bewahrte, selbst als er einst 15 OOO Thaler verlor, immer ein Gottvertrauen und durch dasselbe seine Seelenruhe. Einst ritt er von Braunschweig nach Wolfenbüttel, nachdem er IO OOO Thlr. in Gold auf der Braunschweiger Münze empfangen und diese Summe in zwei Beuteln von je 5O0O Thaler» den beiden Seiten seines Mantelsackes anvertrant hatte. Unterwegs scherite sein Pferd, der Mantelsack zerriß, und ohne daß es Israel bemerkte, siel der eine Geldbeutel zur Erde. Erst am folgenden Morgen nahm er in Wolfenbüttel, woselbst er im Hause eines Geschästsfrenndes, eines Riemers, überilachtet hatte, den Verlust wahr. Doch verlor er nicht seine Ruhe. Er verrichtete sein Atvrgengebet, trank gemächlich feinen Kaffee und ritt, da er sich des Scheuens seines Pferdes auf der Landstraße am vorigen Tage erinnerte, nach Braunschiveig zurück. Dort erfuhr er, daß das Geld von zwei armen Leuten gefllnden worden, die mit zwei wandernden Schiihmachergesellen wegen der Teilung des Goldes in Streit gerateil waren. Dabei hatte die fahrende Post die zankende Gesellschaft überrascht und sie mit dem Gelde nach Braunschiveig aufs Rathaus gebracht. Dort erhielt Israel, da er sich als Eigentümer der Sumnie ausweisen konnte, den vollen Betrag zurück. Den zehnten Teil. 50O Thaler in Gold, schenkte er den Findern. Der ivackere Mann, der durch seine Wohltätigkeit, die er ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses ausübte, hervvrragte, genoß in den weitesten Kreisen großes Ansehen. Der Herzog von Brauuschweig ernannte ihn zll feinem Hofagenten, auch wurde ihm die Würde eines Markgräflich Badischeil Hos- und Kammeragenten zu teil. Durch seine Bemühung erlangte er, daß der Judenleibzoll in den badischen Ländern aufgehoben lvurde. Zum Dank für diese edle Tat ließen Israel der Vater und sein Sohn Israel Jacobson (geb. 17. Oktober 1768a) dem Kurst a. a. O. S. 138. -) Hier möge folgende Begebenheit aus der Kindheit Israel Jacobsons nach einem Berichte im „Hildesheimer Sonntagsblatt", 1832, Nr. 22, S. 183 f. sud „Miscelle" erzählt werden: „Als einziger Sohn eines reichen Mannes gehörte es zu seinen Freuden, eine reiche Sparbüchse zu haben, doch der Vater hatte diese unter seiner Kontrolle. Eines Tages kam der kleine Sohn Jacob zln» Vater und flehete weinend und dringend, daß ihnl doch dieser erlauben möge, von nun an eigenmächtig seine Sparbüchse verwahren zu dürfen. Der Vater gab seinen Bitten nach und händigte ihm die Sparbüchse ein, ivelche schon über 150 Thaler enthielt. Nach wenigen Monaten, als der Vater den Sohn aufforderte, die Sparbüchse zu bringe», um ihr etwas hinzuzufügen, erhielt er zur Antlvort: Der Bediente solle sie holen. Dieser kam mit der Büchse, aber statt des Geldes war darin eine Rechnung, worauf der Knabe die ganze Verwendung desselben ausgezeichnet hatte. Der zehnjährige Knabe hatte nämlich auf dem Holzmarkte für alles Geld Holz eingekauft und dieses den Armen in Halberstadt fahren lassen. Die frommen Eltern, welche dadurch das edle Herz ihres Kindes erkannten, lvare» weniger erstaunt als gerührt n»d weinten die heißesten Freudeutränen." Obige Erzählung meldete, >vie daselbst erwähnt tvird, „ein Jugendfreund des vor einigen Jahren in Berlin verstorbenen Jacobson (gestorben in der Nacht vom 13. bis 14. September 1828), ehemals Präsident des Israelitischen Konsistoriums in Kassel, dessen ganzes Leben durch Humanität und Wohltätigkeit sich so rühmlich auSzeichncte."

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