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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-20 · Heft 47 (20.11.1903) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
Seite 557 (sequence 7)
Language
German
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' 557 Das alles kann bei uns in öffentlichen Versammlungen gesprochen werden, ohne daß eine offizielle Zunge dagegen sich rührt. Ja, ein furchtbares Gift hat die ganze öffentliche Meinung verderbt, ein Bazillus bringt schreckliche Verheerungen unter uns hervor: es sind die von Lueger und Genossen gezüchteten Bakterien des rohesten Judenhasses. Damit der Tragödie das Satyrspiel auch nicht fehle, möchten wir bei dieser Gelegenheit auf die Studentendemonstrationen gegen die Nathausgewaltigen Hinweisen. Die Herren Studenten deutschnationaler Couleur, die sich jetzt als die Hüter der Freiheit aufspielen, sind sie nicht Rassegenossen Steiners und Gregorigs? Sie erinnern sich spät, die Herren Musensöhne der Gegenwart, an ihre Mission, Hüter der freiheitlichen Güter zu sein. Oder meint ein solcher Conleurstudent, daß sein bornierter Rassenantisemitisinus, der bei Wolf und Schönerer in die Bierschule ging, ein anderer sei wie der christlich-sozialklerikale Judenhaß Luegers oder Steiners oder des talmudgewaltigen Schneider? Wir begreifen es wohl, daß ein halbwegs ideal gesinnter junger Mensch unserer Tage sich schämt, zugleich mit einem Pattai oder Gregorig in einem Atem genannt zu lverden, aber Antisemiten sind sie ja doch alle, die Burschenschafter und die Mitglieder der klerikalen Korps, zwischen denen allsabbatlich beim Bummel in der Aula blöde Schlägereien ausbrechen. Darum mögen die Herren deutschnationalen Burschenschafter nur ruhig sein, ihr Antisemitismns unterscheidet sich durch nichts von dem Luegers. Freilich, wenn dem Menschen das Wasser bis zum Halse geht, dann möchte er sich Helfer». Sie merken es, die jungen Herrchen, daß der Antisemitismus der christlich-sozialen Machthaber von heute ein gar praktischer ist. Das sind geriebene Leute, diese heutigen Herrscher im Rathause von Wien. Die versorgen ihre Leute und lassen niemand zur vollbesetzten Schüssel. Sie teilen die Beute unter einander. Nur» möchten sie die Aerzte ihrer Partei unterbringen, denn die Konkurrenz aus diesem Gebiete ist eine erschreckende. Da heißt es nun: Juden, Deutsch-Nationale, Sozialdemokraten — „lrnncls olk", weg mit euren Händen, die Herrscher sind wir — vae viclis! Die Juden sind gewohnt, diesen.Rnf zu hören, die haben eine dicke Elefantenhaut, die greift nichts mehr an; die Sozialdemokraten öffnen das Ventil, d. h. sie schimpfen sich in ihren Blättern und Versammlungen gewaltig aus. Aber die Herren Deutsch- Nationalen, sie haben jetzt ihr freiheitliches Herz entdeckt, sie, die Großzüchter des gemeinsten Rassenantisemitisinus, sie beginnen nun für die Freiheit der Wissenschaft zu schwärmen, während sich Lueger über die Jüngelchen lustig macht. Ja, Lueger, der kann lachen. Er ist doch ein gescheidter Mensch, denn er hat erkannt, wie man in Oesterreich zur Macht gelangen, über Minister und Statthalter, über Hohe und Höchste lachen und spotten kann, er hat erkannt, wie man seine Lente bei uns zu Lande versorgt, Lueger und seine vielverspottete Barrierestockgarde, sie herrscht, uitb nicht, wie die verblödete deutsch-nationale Jugend zu schreien sich erfrechte, die Jude». Es ist, um auf ein anderes Gebiet überzugehen, eine bekaimte Tatsache, daß an den Wieiier Mittelschuleii kein Jude heute angestellt werden kann. Das hat Eeßmann mit seiner Macht getan. Das ist der Kampf der Starken uird Rücksichtslosen gegen die Schwachen und Schwächsten, der auf den: Boden Wiens geführt wird. Gegen die Geßmanns, Steiners undsSchneiders kommt niemand auf. Niemand, und dünkte er sich der Mächtigste zu sein. — Wie es mit den Nichterposten in Oesterreich bestellt ist, weiß jedermann. Der jüdische Zuzug wird gänzlich gehemmt. Auditor beim Militär kann überhaupt ein Jude nicht werden. Und jetzt kommen wir zu einem höchst interessanten Kapitel. Unsere angeblich „verjudeten" Banken und Eisenbahnen möchten sich auch gerne „entjuden", und man erzählt, mit wie vielen Schwierigkeiten es verbunden ist, in manchen Bank- oder Eisenbahnbüreaus einen Juden unterzubrmgen. Es gibt sogar Banken, die ganz judenrein sind, freilich gilt dies nicht vom jüdischen Gelde, sondern von jüdischen Beamten. Das Witkowitzer Eisenwerk, das Rothschild und Gutmann gehört, ist geradezu ein Hochsitz des Antisemitismus. — Doch genug. Man kann sehen, wie finster es bei uns ist, so dunkel, daß die hochtrabendsten Leitartikel unserer „verjudeten" Presse hier nicht eimal einen Strahl Lichtes bringen können. Es iväre des Schweißes des Kultnrhistvrikers wert, nachznforschen, >ver denn Schuld trägt an dieser dicken Finsternis, an diese»! asiatisch - türkischen Zuständen. Lieber „Hagri“, Genosse aus Ungarn, so leid es dem Iwri tut, aber deine polemischen Benrerkungett gegen ihn bestärken ihn in der Ansicht, daß auch »vir Juden nicht ganz unsere Hände in Unschuld waschen. Solange »vir es uns nicht abgeivöhnen, die Hand zu küssen, die über uns die Knute schwingt, und diejenigen verhinmieln, die uns schmeicheln, weil sie uns ausnützeu, ist für uns keine Hoffnung. Es muß noch viel schlechter »verden, bevor es besser »vird. Iwri. Israel Israblan's Vater. Von Dr. A. Lewinskv. m 25. Noveinber dieses Jahres ist ein Jahrhundert verflossen, seitdem hvchbetagt der „Bankier und Vorsteher" Israel Jacob, Vater des Stifters der Jacobson-Schule zu Seesen, in Halberstadt sein Erdenwallen beschlossen. Wenn er als Vater mit freudigem Stolze auf seinen einzigen Sohn, den Kamlueragenten und Hoffaktor, späteren Geheimen Finanzra Israel Jacobson blicken konnte, so vermochte doch auch seinerseits der Sohn eines wackeren Vaters sich zu rühiuen, der „sich durch eigene Kraft, durch Fleiß und Redlichkeit, in treuer.Liebe zu seiner Religion aus dürftigen Verhältnissen emporgearbeitet" und der immer bem üht lvar,Werke der Nächstenliebe zu vollbringen. In» folgenden sei eine kurze Darstellung des Lebens und Wirkens jenes vor hundert Jahren Heimgegangenen edlen Mannes den Lesern dieses Blattes vorgelegt, die als Zeichen pietätvollen Gedenkens gelten möge. Unserer Schilderung legen »vir vor alte»»»') eine Rede des Direktors der Jacobsou- Schule, Professor Dr. E. Philippsvn, die unter dem Titel: „Israel Jacob, ei»» Bild aus dem jüdischen Leben des 18. Jährhlrnderts", als Beilage zum diesjährigen Berichte jener Lehranstalt erschienen ist, zu Grunde, wobei wir bemerken, daß Philippsons Mitteilungen selbst aus einem höchst seltenen, merkwürdigen Büchlein: „Israel oder der edle Jude, eine währe Geschichte von Karl Witte. Zur Beförderung eines g»»ten Zivecks. Mit einem Kupfer. Magdeburg und Leipzig, bei Friede. Will). Nettling, 1804" (84 Seiten in Klein-Oktav) geschöpft sind. Bei der Abfassung dieser Schrift verfolgte der Autor, der als Prediger in Lochau bei Halle »virkte, den Z»veck, teils Israel Jacob a»»ch bei den Christen ein Andenken zu stiften, teils „manche unrichtige, der christlichen Religion un- »vürdige Begriffe und Vorurteile anszurotten" und zugleich den Erlös seines Werkes zum Bau einer Orgel für die Kirche seiner Gerneinde zu verlvendeu. Folgen »vir den Nachrichten, die der evangelische Geistliche privaten Aeußeru»»gen Israel Jacobsons zu verdanken hatte. h Auch Auerbach, Geschichte der israelitischen Gemeinde Halberstadt (1866) berichtet S. 137 ff. über Israel Jacob. Kleinschmidt gibt in seiner Monographie: Dr. Israel Jacobson. Nach den Quellen. (Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Altertumskunde, 1890' S. 202 ff.) nur wenige Daten über ihn.

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