Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 556 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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556 als besondere Nation erst mit dein Jahre 1898 beginnt und ficbis dahin als Einwanderer aus Rußland, Rumänien rc. figuriert haben. Die Zahl der im letzten Berichtsjahre eingewanderten Juden beträgt 60 815 gegen 57 000 im vorigen Jahre. Davon ivaren 34196 aus Rußland, 7 268 aus Rumänien und 19 OO0 aus Oesterreich. Von den ueueingewauderten Juden sind 43 626 71,14 Prozent in Newyork verblieben. 7^ Lin Lhrentsg. n keinerlei Instituten läßt sich die Organisation eines Gemeinwesens besser beurteilen als an seinen öffentlichen Wohlfahrtseinrichtungen. Hier kann man so recht erkennen, inwieweit den Grundsätzen wahrer Humanität und aufrichtiger Religiosität entsprochen ivird, ob die Religion der Liebe eine rhetorische Floskel oder ein Programm sozialer Pflichten und Aufgaben bedeutet. In diesen Tagen feierte die zweite Altersversorgungsau statt der jüdischen Gemeinde (Schönhauser Allee) das Fest ihres zwanzigjährigen Bestehens. Man mnß gestehen, daß die Geschichte ihrer Entwickelung ein glänzender Beweis dafür ist, daß gerade in der Jüdischen Gemeinde Berlin jener Geist wahrhafter sozialer Liebe in hohem Grade zur Geltung kommt. Aus kleinen Anfängen hat sich diese Anstalt zu einem großen umfangreichen Institut entwickelt, das allen Schwesteranstalten Muster und Vorbild sein kann. Hier herrscht keine Schablone, kein unfruchtbarer Bureaukratismus, sondern individuelle Pflege und Freiheit. Alles atmet Ruhe und innere Zufriedenheit. Mit welcher Liebe und Begeisterung hänge» die Pfleglinge an ihren Beschützern und Leitern! Welch' herzlichen Anteil nehmen sie an deren persönlichen Erlebnissen! Hier hat sich wieder einmal der Satz bewährt, daß für die Leitung derartiger Institute nur pädagogisch Gebildete am besten an ihrem Platze sind. Denn Herr Inspektor Cheim und seine Gattin haben es innerhalb des genannten Zeitranmes durch ihr mildes und bestimmtes Wesen verstanden, nicht nur eine peinliche Ordnung und Akkuratesse, eine gewissenhafte Fürsorge zu begründen, sondern auch — und das ist ihr Hauptverdienst — eine solche Liebe für ihre Schutzbefohlenen zu entfalten, daß sie mit ihnen nichts anderes als eine einzige große Familie bilden. Man muß nur selbst beobachtet habe», wie die gebrechlichsten Alten ain Neujahrsfeste oder bei anderen festlichen Gelegenheiten aus ihren Zimmern herbeieilen, um ihre Glückwünsche ihren Vorgesetzten darzubringen. Freilich fehlt es auch nicht dem verehrlichen Juspektvrpaare an den geeigneten Vorbildern. Unter den so verdienten Kuratoren und Ehrendamen ragt niemand so hervor als das hochgeschätzte Manheimer-Ehepaar. . Nicht etwa, weil sie aus eigenen Mitteln die Anstalt gegründet haben, nicht etwa deshalb, weil sie seit der Begründung ihre Kräfte in segensreicher Weise der Anstalt geividmet — dieses alles wäre ja des Verdienstes genug —, nein, dieses treffliche Paar leistete viel mehr. Es trat zu seinen Schutzbefohlenen in ein solch' inniges patriarchalisches Verhältnis, es widmete auch der geringsten Kleinarbeit eine solch' hohe Aufmerksamkeit und aufopfernde Hingabe, es bewährte sich in allen Zeiten als ein solch' treuer Berater des Inspektors und seiner Pfleglinge, daß der Name dieses Paares, seine bedeutungsvolle Wirksamkeit in der Geschichte der Anstalt niemals verlöschen kann. Als vor zwanzig Jahren die Anstalt ihre Weihefeier hielt, da sollte das edle Paar in der liebevollen Fürsorge für die Insassen des Hauses einen Ersatz für jene Liebe erblicken, die Eltern ihren Kindern gewähren. Heute nach 20 Jahren kann man mit Recht behaupten, daß Herr und Frau Manheimer diese Aufgabe glänzend gelöst haben. Möge es dem edlen Paare noch viele, viele Jahre im Kreise ihrer treuen Freunde und Mitberater vergönnt sein, diese erhabene Liebesaufgabe zu betätigen, und möchten doch in unserer Berliner Gemeinde recht viele solch' edler Philanthropen sich finden, die in der Pflege werktätiger Menschenliebe die Summe aller Religion erblicke»!; dann wird auch die Religion des Judentums ihre wahrhaft kulturfördernde Bedeutung immer aufs neue »vieder offenbaren. —». löriek aus Veltrrreich. Im November 1903. iesinal muß ich leider »vieder mit einer kleinen Verteidigungsrede pro domo beginnen. Also: Der ungarische Briefschreiber „Hagri11 hat den „Iwri“ nicht ganz verstanden. Dem „Iwri" ift es durchaus nicht darum zu tun, den ungarischen Juden etwas an» Zeug zu flicken; sie wögen weiter Ungarn als das zlveite Palästina preisen, mögen kräftig Eljen! rufen und ungarische Patrioten bleiben, mit Leib und Seele; Ivas der „Iwri" nachiveisen lvollte, ist nur, daß der Antisemit diesseits und jenseits der Leitha in dem ungarischen Juden den Juden stets hassen und verfolgen und den Ungarn nicht zu schätzen »vissen ivird. Wir bleiben dabei, der Jude, in »velchem Lande immer er lebt, darf nie vergessen, daß seine Feinde ihm, »venn er sich auf den verschiedenartigsten Gebieten, sei es nun ans dein der Politik oder Kunst oder Literatur oder Wissenschaft hervortut, sein Jndentuin nie verzeihen werden. Darum ist es, insonderheit in unfern Tagen, für den Juden, namentlich im politischen Leben, das Beste, wenn er allen den Käinpfen, an denen unser Vaterland so überreich ist, gleichgültig gegenübersteht; ja, »vir sind der Meinung, der Jude möge sich diesen Kämpfen nicht allzusehr aussetzen, am allerivenigsten aber den radikalen Parteien allschließen, wie dies manche jüdische Chauvinisten Magyariens tun. Die jüdische Gemeinschaft wird ihnen dafür wenig Dank wissen, denn unter der Beteiligung von radikalen jüdischen Elementen an den politischen Kämpfen hat die Gesaiutheit des Judentums zu leiden, ob nun diese Kämpfe auf der deutschen, tschechischen oder magyarischen Seite stehen. Wenn „Hagri" meint, daß es die Juden weder dem „Iwri", noch Bielohlaweck und Konsorten recht tun iverden, so erwidert ihm „Iwri", ihm tun sie es daun recht, wenn sie vor allem Jliden sind und als solche sich betätigen; jede andere Betätigung bringt ihnen, dem Einzelnen sowie der Gesamtheit, ja doch nur Schmach und Hohn. „Hagri" wird doch nicht das Bestehell eines ausgewachsenen magyarischen Antisemitismus leugnen wollen? Doch »vir in Oesterreich habeil wahrlich andere Sorgen, als uns init den jüdischen Nachkommen Arpads abzugeben. Was jetzt im niederösterreichischen Landtage geschieht, ist symptomatisch für unser armes, in den Augen der gesamten Welt blamiertes Oesterreich. So nackt, in seiner ganzen Schändlichkeit, als ein ganz gemeiner Kampf um das Stückchen Brot, ist der Autiseinitisluus noch niemals hervorgetreten. Man möchte den jüdischen Aerzten den wirklich sehr kargen Erwerb nehmen, und stellt sie als Tier- und Menschenschinder hin. Im 14. Jahrhundert sprach man davon, die Juden vergiften die Brunnen, jetzt spricht man von dem Luesgift, mit dem angeblich jüdische Aerzte gesunde Menschen infizieren.