Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 555 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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555 Bewegungsfreiheit gewährt, während sie in den übrigen 16 Gouvernements des sogenannten Ansiedlungsrayons im Umfange von 16 630 Quadratmeilen auf Grund der Maigesetze in der Wirklichkeit nur auf städtischem Grund und Boden ivohnen dürfen und das weite flache Land ihnen streng verschlossen bleibt. Eine auf Grund amtlicher Zahlen von uns vorgenommene Berechnung hat das überraschende Ergebnis gehabt, daß dies den Juden zu Ansiedelungszwecken wirklich offenstehende städtische Gebiet innerhalb der 15 Gouvernements nur 1897 Quadratmeilen umfaßt. Auf diesem so eingeengten Gebiete wohnen von den 3 553 000 Juden des engeren Ansiedelungsrayons nicht weniger als 1 802 249 unter einer nicht jüdischen Bevölkerung von 3 875 293. Sie bilden da 53 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung. In den einzelnen Gouvernements bilden die Juden in: Jekateruwslaw 15, Taurien 19, Cherson 28, Tschernigow 29, Bessarabien 38, Poltawa 43, Kiew 49, Witebsk 61, Podolieu 62, Kownv 68, Minsk 69 und in Wolynien gar 71 Prozent der gesamten städtischeil Bevölkerung. Bei einer gleichmäßigen Verteilung der Juden über ganz Rußland würde»: sie mit ihren 5 189 000 Seelen etwas über 4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Sie würden da den Sauerteig bilden, der die überall schlummernden Kräfte in frische Gärung versetzt; so aber haben zahlreiche Gouvernements keinen einzigen Juden aufzuweisen, in beu übrigen kommt ein Jude auf 5000 Einwohner. In aller: diesen Gouvernements herrscht die Ruhe des Kirchhofes. Die reichen Schätze des Bodens bleiben imgehoben. Die umfangreichen Wälder bringen keinen Ertrag, und die vor der „jüdischen Ausbeutung" gründlichst geschützte Bevölkerung ist arm und gänzlich unfähig, sich aus eigener Kraft emporzuraffeu. Andererseits leidet das Ansiedelungsgebiet lrnzlveiselhaft an einer Ueberfüllnng mit Juden. In den ihnen offenstehenden Gouvernements bilden sie mit 4874000 Seelen46,und nach Abzug der jüdischen Bevölkerung Polens in beit 15 Gouvernements des eigentlichen Arrsiedelungsrayons mit 3 558 000 Seelen immer noch 103/4 Prozent der Gesamtbevölkerung. In den wenigen Städten des Gebietes sind nahezu 2 Millionen Inden zusammengepfercht, wo sie aus einige wenige Gewerbe sich beschränkt sehen und in Elend verkommen müssen, statt draußen im weiten Zarenreiche sich zu betätigen, sich selbst zur Freude und ihren Mitbürgern wie den Staatsfinanzen zum Segen zu gereichen. * Es ist bekannt, daß die antisemitische Presse in Deutschland die traurigen Exzesse in Kischiuew und Hömel mit dem „jüdischen Wucher" entschuldigt, wenn nicht gar gerechtfertigt hat. Da ist es nun interessant, vor: kompetenter Seite zu erfahren, was es mit dem jüdischen Wucher in Rußland für eine Bewandtnis hat, ob es nur jüdische Wucherer gibt oder ob die jüdischen Wucherer die schlimmsten sind. Rach einer kürzlich erschienenen statistischen Veröffentlichung des Provinzialausschusses von Poltawa beträgt im Gouvernement Poltawa der durchschnittliche Jahreszins 15,3 Prozent; er ist im Moskauer Gouvernement mehr als doppelt so hoch, nämlich 351/2 Prozent und im Gouvernement Orlow viermal so hoch, 60 Prozent. Nun gehört das Gouvernenlent Poltawa mit dem relativ niedrigsten, wenn auch nach unseren Begriffen immer noch recht hohen Zinsfüße zum jüdischen Ansiedeluugsgebiet, die anderen zwei aber liegen außerhalb deffelben. Im Gouvernement Poltawa ist der Handelsverkehr durch die zahlreiche jüdische Einwohnerschaft stark entwickelt worden, während er in den Gouvernements Moskau und Orel, wo die Juden nicht wohnen dürfen, außerhalb der Hauptstädte noch äußerst schwach ist. Ein entwickelter Handel ist eben ein vorzügliches Mittel gegen deu Wucher. Andererseits aber schreibt ein russischer Gewährsmann der „National-Zeitung" über die nach Rußland berufenen deutschen Kolonisten, deren Gesamtzahl etwa 600 000 betrügt, folgendes: „Leider aber ist ein Teil von ihnen zu Ausbeutern geworden, oft zu skrupellosen, bei welchen das Gefühl der Ueberlegenheit zur Selbstüberhebung über alle Rücksichten der Moral überschlägt, und welche wähnen, dein verachteten russischen Bauern gegenüber sei alles erlaubt. Es gibt auch keine größeren Leuteschinder im Süden, wie die Kolonisten! Ihre Ausbeulung erstreckt sich aber nicht blos auf die Arbeitskraft des Lohnarbeiters, sondern ebenso sehr auf die übrigen Bauern, auf den schwächeren Gutsbesitzer und auf den Boden selbst. Besonders die Jüngeren sind fast ganz ihrer Scholle entrissen und sind Landspekulanten. Biel natürliche Gründe, den Haß der Landbevölkerung gegen diese Deutschen zn entfachen, welcher sich dann leider auf die Deutschen überhaupt ausdehnt!" Was würden null unsere Alldeutschen dazu sagen, wenn man die Deutschen in Rußland so behandeln würde, wie die Antisemiten die Juden in Deutschland behandelt wissen wollen? £ Ter Präsident der Vereinigten Staaten Don Amerika, Theodor Roosevelt, hat sich zu einem Korrespondenten der „Neuen Freien Presse" über die Einwandernngsfrage in folgender Weise ausgesprochen: „Meine Haltung in dieser Angelegenheit ist vielfach mißverstanden worden. Schon die Zusammensetzung meines Blutes würde mir verbieten, ein Nativist zu sein. In meinen Adern rollt holländisches, schottisches, irisches, deutsches und Hugenottenblut. Ich weiß genau, was unser Land den Einwanderern schuldet. Was ich verhüten möchte, ist nur der Zuzug von Elementen, welche unsere Erwerbsbedingungen drücken müssen und so unserem wirtschaftlichen Aufschwünge hinderlich sind. Nehmen Sie die Einwanderung ans Ihrer Monarchie. Ich würde es mit Freuden sehen, wenn Ihre Landsleute als Farmer und Farmarbeiter nach dem Innern gehen wollten. Wir können niemals genug solche Hilfskräfte bekommen. Aber sie siedeln sich mit Vorliebe in den 501ineiibiftrifteil an. wo sie durch ihre größere Genügsamkeit die schwerste Arbeit zu den geringsten Preisen aus sich nehmen und so eine ständige Gefahr für die durchaus löblichen Absichten der Arbeiter bilden, sich für ihre Tätigkeit volle Löhne zu sichern. Ich habe es noch von meiner Tätigkeit als Polizeikommissar in Newyork her in Erinnerung, wie beispielsweise bei der Kleiderindustrie, die zum größten Teile in den Händen von Galizianern und Rumänen liegt, schon die kleinste Lohnerhöhung genügt hat, um so starken Zuzug durch Einwanderung herbeizuführen, daß dadurch eine Reduktion neuerlich möglich wurde. Dagegen bin ich entschieden, wenn Sie »vollen, auch irn Interesse der Einwanderer selbst, die, »venu sie scho»» alles aufgebeu, wenigsteus günstige und gesicherte Lebe»»s»nöglichkeiteu hier vorfinden sollen. Auch möchte ich Elemente fern halten, »velche gar keine Sicherheit dafür bieten, daß sie, »venigstens in einer späteren Generation, gute amerikanische Bürger abgeben können. Ich ziehe die Grenzen meiner Anforderungen ohnedies »veit. Ich »nöchte sagen, jeder Einwanderer ist mir willkommen, dessen Enkel so gute Bürger werde» können, als ich es von »neinen eigenen erhoffe." Diese Grundsätze werden sicher die Billigung aller objektiv denkenden Menschen finden. Leider denkt das Einwanderungsbüre au nicht so liberal und der Kormmssionergeneral, Mr. Sargent, verkündet in feinem diesjährigen Bericht, daß er beim nächsten Kongreß eine neue Erschwerung der Einwanderung beantragen werde. Es handelt sich um die Wiedereinbringung des im verflossenen Jahre vom Kongreß bereits einmal abgelehnten Einwanderungsverbots gegen die Analphabeten. Herr Sargent besteht auf diesern Verbot, um die immer mehr zunehmende Einwanderung nichtgermanischer Elemente zu unterbinde»!. Ueber die Zahl der eingewanderten Juden gibt das statistische Amt keine Auskunft, da die Registrierung der Juden