Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 554 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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554 vf.C :-f ^--fSEäS?£■&,iA1ÄjÄäÄSuWL“''»(Ü3£i>~^_. Alle, die den „Radikalismus der Juden für verderblich halten", werden zur Mitgliedschaft aufgefordert. Aber dieser Radikalismus der Juden existiert ja gar nicht. Er ist nur eine Erfindung der Gegner. Und er kann darum auch nicht „die eigentliche Ursache des gesellschaftlichen wie Raffen- Antisemitismus" sein. Diese Ursache liegt ganz wo anders. Und die Herren Vereinsgründer wenden sich leider an eine durchaus falsche Adresse, wenn sie an die Juden herantreten und von diesen die „Pflege und Förderung, sowie die Betätigung deutsch-nationaler Gesinnung" fordern. Diese Gesinnung haben die deutschen Inden mit Gut und Blut seit den Freiheitskriegen in jedem Augenblick bewährt. Ihre nationale Zuverlässigkeit ist von objektiven Deutschen, und zwar von den hervorragendsten, stets freudig anerkannt worden. Sie ist, trotz aller Prüfungen und Angriffe, auch heute noch in gleichem Maße vorhanden; nur daß sie sich nicht hervordrängt und prunkt, wie es die Erbpächter der alldeutschen Gesinnung tun, die mit ihrem Chauvinismus zugleich eine besondere Spielart des Antisemitismus gezüchtet haben, der allein schon es jedem deutschen Inden, der Ehrgefühl hat, verbieten muß, sich ihnen anzuschließen. Es ist also absolut unnötig, einen Verein zu begründen, der in den deutschen Juden eitle Gesinnung erwecken oder fördern soll, die sie in jeder Lage des Vaterlandes betätigt und in keinem Augenblick verleugnet haben. Aber schon aus diesem einen Beispiel ersieht man, wie gefährlich und verderblich solche Vereinsmeierei ivirkt, wenn sie vom Gebiete der Wohltätigkeit ans das der Politik übergreist. Wir könnten das Register unserer Beispiele aber noch fortfetzen, indem wir auch die schädliche Konkurrenz auf dem Gebiete der religiösen und vor allein der geistigen Interessen besprechen. Hier könnte in der Tat durch gemeinsames Wirken Großes geschaffen werden. Und hier ist die Zersplitterung ganz besonders vom Uebel, weil die Kräfte, über die wir zu verfügen haben, nicht allzu zahlreich und die Mittel, die für solche Zwecke gespendet werden, leider noch immer nur sehr gering sind. Hier vor allem täte Einigkeit not. Die Vereinsmeierei ist aber nicht nur hier, sondern auf jedem Gebiete ein Krebsschaden für unsere Sache. Eine Gemeinschaft, die so hart angegriffen wird und die mit dem äußeren Feinde ebenso schwer zu kämpfen hat, wie mit den Gegnern, die ihr innerhalb der eigenen Kreise entstehen, darf sich solche Scherze nicht gestatten. Es wäre darum dringend zu wünschen, daß alle Einsichtigen die Gefahr erkennen und, soweit es an ihnen liegt, dadurch beseitigen helfen, daß sie das Vereinssieber bekämpfen und eindümmen, soweit dies nur möglich ist. Für alle Zwecke des sozialen, religiösen und politischen Lebens haben wir bereits Vereine und Verbände in Deutschland. Jeder neue Verband oder Verein hat daher seine Legitimation uachzuweisen und seine Berechtigung genau zu begründen. Wird an einer solchen Forderung mit Entschiedenheit festgehalten, dann wird auch diese Krankheit, wie so viele andere, bald überwunden werden. Dir Woche. Berlin, 18. November. man kann wohl schon heute das Fazit ans den preußischen Landtagswählen ziehen. Im großen und ganzen werden ja die Wahlen nur geringfügige Aenderungen an der bisherigen Zusammensetzung des preußischen Abgeordnetenhauses bringen. Die Hauptsache ist, daß die konservativen Parteien für sich im neuen Abgeordnetenhause keine Mehrheit bilden werden; auf der anderen Seite aber sind sie auch diesmal im stände, im Bunde mit dem Zentrum ihren Willen durchzusetzen. Damit ist die Gefahr eines konfessionellen Schulgesetzes, in bedrohliche Nähe gerückt. Bei den freisinnigen Parteien dürfte sich Gewinn und Verlust so ziemlich die Wage halten. In jedem Falle werden wir Vertreter unserer Interessen im Abgeordnetenhause haben, welche sicher keine Gelegenheit vorübergehen lassen werden, an die durch die Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung aller Staatsbürger und religiösen Bekenntnisse zu erinnern und jeden Versuch, diese Gleichberechtigung aufzuheben, energisch zu bekämpfen. Daß das neue Abgeordnetenhaus nun wohl auch sechs jüdische Abgeordnete aufweisen wird, Dr. Max Hirsch, Leop. Rosenow, Justizrat Cassel, Kommerzienrat Aronsohn, Landgerichtsrat Peltasohn und Jnstizrat Wolfs, gereicht uns zur aufrichtigen Genugtuung, da wir die Ueberzeugung hegen, daß diese Männer, obwohl sie nicht von Juden und für Juden gewählt sind, doch für die Rechte ihrer Glaubensgenossen sicher mit Entschiedenheit eintreten und jeden Angriff auf dieselben kräftig abwehren werden. ft Eine drastischere Illustration zu unserem letzten Leitartikel über die „Judenblätter" kann man sich kaum denken als den Brief des konservativen bayerischen Landtagsabgeordneten Beckh an die „Augsburger Abendzeitung". Dort heißt es unter anderem: „Der Herr Kritiker bezeichnet es als total unrichtig, wenn ich in diesem Zusammenhänge von „Judenblättern" rede. Nach dem stenographischen Bericht habe ich gesagt: „Wenn Sie die Judenpresse lese», werden Sie zugeben, daß das kein unrichtiges Urteil ist." Was ich damit sagen wollte, kann dem Herrn Kritiker jeder meiner Parteigenosse» sagen. In unserem Vaterlande stände es besser, wenn es Jndenblätter in dem Sinne, wie ich es meine, wirklich nicht gäbe und wenn meine Behauptung auf gewisse Blätter nicht zutreffen würde. Ich halte meine Behauptung in jeder Beziehung aufrecht. Sie bedarf keines Beweises. Wenn jener Herr von dem großen Einfluß der Juden auf unsere Presse noch nichts gemerkt hat, so muß er sehr naiv sein. Es muß eben auch solche Leute geben." Hierzu bemerkt nun die Redaktion der „Augsburger Abendzeitung": „Was die „Judenpresse" anbelangt, so wäre es allerdings ein ungesunder Zustand, wenn der Einfluß des jüdischen Volksteils auf die deutsche Presse so bedeutend wäre, als die Antisemiten und andere diesen nahe stehenden Richtungen glauben, oder — zu glauben vorgeben. Wer die Verhältnisse der deutschen Presse in Wirklichkeit kennt, der weiß, daß dies tendenziöse Uebertreibunge» sind. Wenn man freilich jedes Blatt, das sich an der Judenhetze nicht beteiligt, zur „Judenpresse" rechnet, dann ist diese allerdings sehr groß und einflußreich." Aber damit ist die Sache noch nicht zu Ende. In ganz Bayern gibt es nämlich kein einziges politisches Blatt, dessen Verleger oder Redakteur ein Jude wäre. Und doch spricht man auch dort von der „Judenpresse". ft Auf die Provokation der antisemitischen „Nowoje Wremja", welche die unverschämte Behauptung aufgestellt hatte, den Juden Rußlands stände als Wohnort ein Ländergebiet zur Verfügung, das weit größer als Frankreich ist, wird jetzt in der anständigen russischen Presse die Frage erörtert, wie groß das Gebiet sei, daß den russischen Juden zur dauernden Niederlassung wirklich noch zu Gebote steht. Das Ergebnis der angestellten Berechnungen ist überaus niederdrückend. Die 15 Gouvernements, in welchen die Juden nominell wohnen dürfen, stellen nur V23 des weiten Zarenreiches dar, aber selbst ans diesem verhältnismäßig beschränkten Gebiet ist den Juden nur in den kaum 2215 Quadratmeilen umfassenden Gouvernements des Königreichs Polen wirkliche