Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 67. Jahrgang. No. 47. Berlin, 20. November 1903. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: <8uftat> Aarperes. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Die Vereinsmeierei. Berlin, 17. November. iederholt ist schon auf die Gefahr hingewieseu worden, die aus der unaufhörlichen Gründung neuer Vereine ohne jeden ersichtlichen Zweck als den, einer Anzahl ehrsüchtiger Menschen Gelegenheit zum Vorstandsspielen zu geben, der Gesamtheit notwendig erwachsen muß. Aber man kam: nicht eindringlich genug aus diese Gefahr Hinweisen und weitere Kreise vor ihr warnen. Gerade jetzt vor Eintritt der Winterszeit, die bekanntlich die gefährlichste für daS Vereinsfieber ist, erscheint dies besonders notwendig. Die Hauptgefahr bei diesen Vereinsgründungen ist die, daß die verfügbaren Kräfte und Mittel zersplittert und dadurch den wirklich guten Zwecke«: entzogen «verden. Wir könnten da mit Beispielen aufloarten, die diese Behauptung in einer Weise erhärten, daß sich gar mancher vor der Begründung eines neuen Vereins in Acht nehmen «vürde. Aber wir haben nun einmal das feste, unabänderliche Prinzip, Personalien nicht in den Kreis unserer Betrachtung zu ziehen und müssen daher auf diese Beispiele verzichten, wie verlockend es auch »väre, an ihnen die Gefahr nachzuiveisen, die aus diesen überstürzten oder unnötigen Vereinsgründungeil erwachsen muß. Aber bedarf es denn überhaupt eines solchen Nachweises? Sieht nicht jeder Vernünftige selbst ein, daß diese Konkurrenz auf einem und demselben Gebiete in jeder Beziehung schädlich werden muß? Man kann es begreifen, daß Leute das Bedürfnis fühlen, einen neuen Verein zu gründen, >ve«m der alte, bisher bestehende den Zweck nicht erfüllt, dem er dienen soll. Aber darnach «vird in den meisten Fällen gar nicht gefragt. Das „tiefgefühlte Bedürfnis" stellt sich gemeinhin zur rechten Zeit ein und „der Geist der Zusammengehörigkeit" muß ohne Zweifel immer «vieder gestärkt «verden. Und so geht mail denn mit Mut und Zuversicht, aber ohne jede«: zwingenden Grund an die Grülldung des neuen Vereins, auch wenn für denselben Zweck bereits mehrere in der Gemeinde bestehell und gute Dienste leisten. Ginge man den Motiven auf die Spur, aus denen so viele Vereine entstehen, so «vürde inan ein Bild von Eitelkeit und anderen Untugenden erhalten, das gerade nicht sehr schmeichelhaft für die menschliche Natur sein inöchte. Ist einmal der neue Verein begründet, der Vorstand ge- «vählt — was doch meistens die Hauptsache — so geht es an die Abfassung eines packenden Aufrufs an „alle ebleit Glaubensgenossen", den erhabenen Zweck des Vereins durch Beitritt und reiche Spenden «virksaiil zu fördern. Unl dieses Ziel besser und rascher als der alte Verein zu erreichen, «verden nun alle Männer, die irgend welchen Einfluß und einen bekannten Namen haben, gebeten, ihre Unterschrift dem Aufruf zu geben. Und wir müssen bekennen, daß diese Männer leider nur zu oft solchen Wünschen rvillfahren, ohne an die Konsequenzen zu denken und ohne zu erwägen, daß sie den Wert ihrer Unterschrift dadurch herabsetzen, daß die „edlen Glaubensgenossen" diese unter jeden: Aufruf so und so oft während des Jahres «viederfinden. Den Rekord hat in dieser Beziehung eine Dame mit einem interkonfessionellen Aufruf vor kurzem erreicht. Während vor einein Jahr ein jüdischer Verein als eines Zeichens seiner Beliebtheit der nahezu 200 Unterschrifteu seines Aufrufs sich berühmte, versendete kurz darauf ein Herr einen Aufruf mit nahezu 300 Unterschriften. Aber der Aufruf der erivähnten Dame trägt gar mehr als 750 Unterschriften, die sieben volle Druckseiten einnehnren, und dieser Aufruf wird versendet — mit dem Ersuchen, ihm noch die Unterschrift beizufügen! Es wäre im höchsten Grade wünschenswert, daß «venigsteirs in der jüdischen Wohltätigkeitspflege mit dieser eigentlich durchaus unjüdischen Sitte gebrochen «vürde. Sie bedeutet ein stillschweigendes Eingeständnis, daß inan zu den Mitteln geschäftlicher Konkurrenz greift, um bei dem Nebeneinanderbestehen so vieler gleichen Zwecken dienender Verein die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Derartige Aufruse erfordern viel Arbeit und Kosten. Andererseits kann es doch nicht schiverfallen, von einer großen Allzahl wohlmeinender oder eitler Honoratioren die Unterschriften zu beschaffen und dadurch auf die Gedankenlosen zu wirken. Schon von ilationalökonovlischen Gesichtspunkten aus ist ein derartiges Vorgehen verwerflich. Innerhalb unserer Geineinde bestehen für ein und denselben Ziveck, Den wir natürlich aus den oben bereits angeführten Gründen nicht nennen, etwa zivölf Vereine. Man berechne doch, ivas diese alljährlich nur für Spesen an Druck und Porto für Aufrufe, Berichte, Karten re. haben. Wenn diese zwölf Vereine in einen Verband sich zusammenfaffen wollten, so käme dieser gewiß recht ansehnliche Beitrag den Armen zu Gute, für die alle zwölf Vereine begründet sind, ohne daß sie un stände wären, nämlich jeder einzelne für sich, etwas Namhaftes für diesen Zweck zu leisten. Solche Zersplitterung der Kräfte ist ein wahrer Unsegen für die Gemeinschaft, in der sie um sich greift. Aber noch viel schlimmer wirkt diese Vereinswut, wenn sie über den engen Kreis der Gemeinde hinauswächst und in die allgemeinen Verhältnisse einzugreifen sucht. Die Blätter haben in der vorigen Woche den Aufruf einer „Vereinigung deutschnationaler Juden" gebracht. Wir freuen uns, daß die gesamte jüdische Presse mit seltener Einmütigkeit diese Neugründung zurückgewiesen hat — und zwar darum, weil sie nicht die geringste sachliche Berechtigurlg hat, sondern im Gegenteil nur dazu geeignet ist, Vorurteile zu wecken oder zu bekräftigen, geg^g die wir seit Begüln der antisemitischen Bewegung mit allem Ernst anzukämpfen bestrebt sind.