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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-13 · Heft 46 (13.11.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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Professoren hier tätig waren. Sowie die Juden Einlaß gefunden haben, ist auch ihr Nus und Ruhm tief gesunken. (Beifall rechts.) Wir sind nicht gegen die Wissenschaft, wir sind aber dagegen, daß die Wissenschaft mißbraucht wird bloß zu Gunsten einzelner verlotterter, vertierter und verrohter Individuen. (Lebhafter Beifall rechts). Die medizinische Wissenschaft wird erst hawn aufblühen, wenn der Grundsatz durchgeführt wird: Juden hinaus aus den Universitäten und hinaus ans den Spitälern. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen rechts.)" Die mehr als schwächliche Art, in der der Statthalter sich zur Sache äußerte, ist Ihnen durch die Tageszeitungen bekannt geworden. Hofrat Politzer antwortete auf die Angriffe gegen ihn, daß er das vom Abgeordneten Steiner verlesene Protokoll nie zu Gesicht bekommen habe. Er erklärte es für eine Denunziation irgend eines Angestellten und legte infolge der Angriffe seine Stelle als unbesoldeter städtischer Arnienohrenarzt nieder. — Einen „stramm antisemitischen" Beschluß faßte die Vertretung der Gemeinde Untermais in -Oesterreich, die mit Meran, Obermais und Grätsch den Knrbeznk Meran bildet. Ein Herr Moritz Braun stellte das Ansuchen, die Gemeindevertretung wolle sein Gesuch um Errichtung einer Pension in Untermais besürworten. Die Gemeindevertretung wies aber das Gesuch ab mit der Begründung. Moritz Braun würde „mit Errichtung einer Pension nur seine Glaubensgenossen nach Untermais ziehen und dasselbe hierdurch schädigen." — Das Ministerium sür Kultus und Unterricht hat den israelitischen Religionslehrer an den Mittelschulen Dr. L. Gold- Hammer zum k. f. Professor ernannt. — Am 15. v. M. verließ ein bereits in Vergessenheit geratenes jüdisches Opfer das Zuchthaus. Seili NameistJgnaz Fleischmann. Zur Zeit der Tißa-Eßlarer Krawalle war er Bäckermeister in einem Dorfe neben Lippa. Es giiig ihm ganz gut und er führte ein glückliches Familienleben. Eines Morgeiis wurden seine Gattin iind ein Mädchen im Geschäftslokale ermordet aufgefunden. Die durch die Vorgänge in Tißa-Eßlar aufgehetzte Bewohiierschaft des Dorfes bezeichnete Fleischmann selbst als den Mörder. Als belastender Kronzeuge figurierte ein Konkurrent Fleischmanns, welch' letzterer aber das ihm zur Last Gelegte unerschütterlich leugnete. Der Gerichtshof — und das ist charakteristisch für jene Zeit — hat Fleischmann trotz seines Leugnens, trotzdem seine Täterschaft bei allen Bemühungen der Gerichtsherren nicht nachgewiesen werden konnte — znm Tode durch den Strang nerui’teUt. Der Kaiser begnadigte Fleischmann, und das Todesurteil wurde in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Zu verschiedenen Malen versuchte Fleischman;; die Erneuerung seines Prozesses aus dem Gefängnisse durchznsetzeu. aberstets vergebens. Erst sein am 27. September d. I. an den Kaiser gerichtetes Glladengesuch hatte Erfolg. Am 15. Oktober konnte er, nach zwanzigjähriger Znchthansarbeit begnadigt, frei das Gefängnis verlassen. Fleischmann will auch jetzt noch alles ausbieten, um die Revision seines Prozesses durchzusetzen, da er sich unschuldig weiß und es beweisen will, daß seine antisemitischen Feinde den Mord verübt und ihm in die Schuhe geschoben haben. Von MH und Fern. — Die Kaiserin hat der Frau Rentiere Kappel das silberne Frauen-Verdienstkreuz am weiße;: Bande verliehen. Herr Marens Kappel hat der Hellstätte Belzig des Berlin-Brandenburger Heilstättenvereins für Lungenkranke 3000 Mark zu Freistellen sür Kinder geschenkt. Außerden; hat da« Ehepaar Marcus und Mathilde Kappel sich verpflichtet, auf Lebenszeit alljährlich 3000 Mark zu ganzen oder halben Freistellen für unbemittelte Kinder der Kinderheilstätte zu stiften. Das Damenkomitee hat überdies ans der Plaut-Stiftung als einmaligen Beitrag 5000 Mark für halbe Freistellen erhalten. — Frau Roß in Kouitz, die. wie erinnerlich, seinerzeit in der Winterschen Mordsache vom Schwurgericht wegen Meineides in zwei Fällen zu 27a Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und die Strafe verbüßte, hat jetzt das Wiederaufnahmeverfahren beantragt. Sie behauptet, daß sie damals die volle Wahrheit gesagt habe. — Ein ehrendes Zeugnis über die Heilighaltlmg des Eides;vnrde den Juden von den; derzeitigen Vorsitzenden des Amtsgerichts B n to;v , Amtrichter Griebel, anläßlich einer Schwurgerichtsverhandlung in Danzig ausgestellt. Er sagte: „In Bütolv bestehe unter den religiösen Juden eine starke Abneigung, Eide zu leisten. Sie verlören lieber eine Forderung, ehe sie einen Eid leisteten." — Ein städtischer Lehrer in Posen ist des Amtes enthoben worden. Er hat sich antisemitischer Bestrebungen schuldig gemacht, und zwar sind die von ihm getanen Aeußerungen im Geschichtsunterricht gefallen. — Professor Dr. I. Harczyk in Breslau hat anläßlich seines Scheidens ans dem Lehramte den Roten Adlerorden IIl. Klasse und der frühere Lehrer L. Oppenheimer in Mülheim an der Ruhr den Adler der Inhaber des königlichen Hausordens von Hohenzollern erhallen. — In Köln ist im Alter von 57 Jahren der wegen seines Wohltätigkeiissinns allgemein geschätzte Sanitätsrat Dr. Oppenheimer, der auch mehrere Jahre Mitglied der Repräsentanten-Versammlung lvar, gestorben. — Die von einem Münchener „Atelier für Kunst und Kunstgewerbe" (Sebastian Osterrieder) angebotene Ansichtspostkarte, auf welcher angeblich nach einen; Altargemälde ein Nitualmord dargestellt wird, wurde ebenso wie das betreffende Zirkular auf Antrag der Münchener Polizeidirektion von der dortigen Staatsanwaltschaft und dem zuständigen Gerichte mit Beschlag belegt und g'gen den Verleger das Strafverfahren auf Grund des § 166 St.-G.-B. für das Deutsche Reich (Religiousvergeheu) eingeleitet. Ebenso wurde dieses Druckwerk auch in Oesterreich verboten, und zwar am 31. Oktober vom Landesgerichte Prag und am 2. d. M. vom Landesgerichte Wien. Die Konfiskation erfolgte nach 8 302 St.-G. (Aufreizung zu Feindseligkeitei; gegen Nationalitäten oder Religionsgenossenschaften). — In Kaiserslautern wurde eine neue Loge des Bne-Blith-Ordens unter dem Namen „Julius Plotke-Loge" begründet. — Die Ehe des Baron Hermann Königswarter mit seiner Gattin Melanie geh. von Blaskowitz in Wien wurde gerichtlich geschieden. Dieser Ehe wegen trat die Edle v. Blaskowitz zum Judentum über, dann trat sie zum Christentum zurück und der Gatte trat zum Christentum über und schließlich wurde die Ehe aufgelöst. Das Scheidungsurteil sprach der Großwardeiner Gerichtshof und die königliche Kurie in Budapest hat dieser Tage das Urteil bestätigt. — Der König von Italien empfing am 11. v. M. in San Rossore den Florentiner Obberrabbiner Dr. Margulies, der es für notwendig erachtete, seine;; Souverän über die zionistische Bewegung zu informieren. — In Neapel ist der Oberst der Reserve H. Guastalla gestorben. Er gehörte zu den Tausend um Garibaldi in Sizilien und hat den Unabhängigkeitskrieg Italiens mitgekämpft. Er war ein treuer Jude. Ehre seinem Andenken! — Die „Petite Republique" vom 5. d. M. bringt folgende Mitteilung ihres russischen Korrespondenten, die den besten Beweis dafür gibt, daß die gegen die Juden von Homel erhobenen Beschuldigungen rein erlogen sind. In seiner Nummer vom5. September erzählte z. B. der Regierungsbote von einem Sergeanten der 6. Kompagnie des Infanterieregiments Abasia, der im Augenblick, wo er einen Inden habe packen wollen, von ihn; einen Messerstich erhalten habe. Nun wurde aber festgestellt, daß genannter Unteroffizier gerade an diesem Tage den Wachtdienst in der Kaserne verrichtete und also nicht ausgehen konnte. Die Militärbehörden haben überhaupt gegenüber den unwahren Angaben der Zivilbehörden wahrheitsgemäß konstatiert, daß kein Soldat verwundet sei. — In Grodno soll demnächst ein russischer Rabbinerkongreß stattfinden, auf dem Resolutionen gegen den Zionismus und Sozialismus gefaßt werden sollen. In; allgemeinen halten wir von solchen Kongressen sehr wenig. — Wie die dortigen Blätter melden, wird mit dem 1. Januar 1904 sämtlichen Inden, auch kranken Juden, welche von den Aerzten nach dem Südufer der Krim geschickt werden, der Aufenthalt in Jalta und seinem Bezirk bedingungslos verboten werden. —Jetzt wird sogar auch gegen die jüdischen Gebirgsbewohner in; Uralgebiete eine Hetze eingeleitet. Die „Terskija Wjedomosti" forderte die Bevölkerung auf, den bekannten kaukasischen Räuberhänptling Chato, welcher unlängst die Juden im Dorfe Axcn im Uralgebiete beraubt und geplündert hat, als Nationalhelden zu feiern und ihn zu ersuchen, die Beraubung aller Inden im Uralgebiete vorzunehmen. — In Philadelphia wurde das von Mäher Guggenheim in Newhork gestiftete Hospital nebst einem Operationsgebäude und einem Hein; sür Wärterinnen, ein Anbau des hiesigen jüdischen Hospitals, unter entsprechenden Feierlichkeiten eingeweiht. Es ist für 40 Patienten berechnet und kostet 90 000 Dollars. — Hervorragende Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Johannesburg (Südafrika) beschlossen, sich mit dem Ostafrikaplane zu befassen und eine spezielle Expedition auf ihre eigenen Kosten hinzuschicken. Die Expedition wird aus erfahrenen Reisenden wie aus Fachmännern in Landbau- und Kolonisationsfragen bestehen, die die Landesbeschaffenheit und Entwicklungsmöglichkeit genau erforschen.

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