Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 551 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228574--60330-3296910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
551 keinen Grund, sich fern zu halten. Die Leute wollen augenscheinlich mit den Juden nicht verkehren, die auch uns zuwider sind, und ich freue mich um den Anschluß für die Kinder/' Ihr Gatte erwiderte: „Vorläufig sollen die Kinder allein spazieren gehen, Ihr habt Urlaub bis heute abend." Erna fragte erst in liebevollem, Ton, ob Mutter sie solange entbehren könne, und dann eilte sie mit ihrem Bruder fort. Kaum waren die jungen Leute verschwunden, erhob sich die junge Frau aus ihrer liegenden Stellung und sagte in scharfem Tone: „Heinrich muß seine übergroße Empfindlichkeitunterdrücken lernen. Wie sollen wir den von mir so ersehnten Verkehr mit gebildeten Christen anbahnen, wenn wir uns so ängstlich zurückhalten. Wie können die Leute einsehen, daß wir ihnen an Bildung und Charakter ebenbürtig sind, wenn wir uns in ein selbstgeschaffenes Ghetto zurückziehen?" „Ich wünsche die Assimilation eben so sehr wie Du, wir können sie aber nicht erzwingen. Wir wollen uns nicht aufdrängen und lieber mit unseren Glaubensgenossen verkehren." Sie lachte höhnisch. „Also muß ich mit Jtzig und Schmuhl spazieren gehen. Nicht über die Straße gehe ich mit den Leuten, die sich hier so auffällig machen. Uebrigens hege ich keinen blinden Haß gegen unsere Glaubensgenossen. Wir wollen morgen, Sonnabend, in einem jüdischen Hotel speisen und passenden Verkehr, besonders für die Kinder, anzubahnen suchen." Ihr Mann lachte. „Dieser Vorschlag ist die reinste Malice. Doch es sei." .Sie seufzte. „Da ich doch nicht lange mehr zu leben habe, wäre es ein tröstendes Bewußtsein für mich, ivenn die Kinder als gleichwertige Mitmenschen in der christlichen Gesellschaft ausgenommen und nichts von dem unseligen Judenhaß zu leiden hätten." «Fortsetzung folgt.) In drr heimst. V. Ob du ein Bettler, du bist reich, Ob krank dein Herz, dein Mut beklommen, Gesunden wirst du allsogleich, Hörst du das süße Wort: Willkommen! Und ist verweht auch jede Spur, Zeigt nichts sich deinem Blick, dem nassen, Als grün berast ein Hügel nur Bon allem, was du einst verlassen. O. nirgends meint es sich so gnt, Wieweit dich deine Füße tragen, Als da, wo still ein Herze ruht, Das einstens warm für dich geschlagen. mir ist aber gar nicht iveinerlich zu Mut, trotz dieser hübschen Verse, wenn ich von der letzten Station meiner Heimatreise, von der Stadt, die ich recht eigentlich als meine Heimat anzusehen gewohnt bin, wenn ich von Loschitz erzählen will. Ich weiß nicht, lvaruni mir dabei immer, wie sehr ich mich auch dagegen wehre, der Name Seldwyla einfällt. Aber nein, ich weiß es nur zu gut. eben weil ich mich dagegen wehre. Ja, ja, das ist's: Loschih ist das jüdische Seldwyla, die lustige und seltsame Stadt, das moderne Schilda, in dem zwar nicht alle Torheiten und Narreteien, aber doch sehr viele von denen passiert sind, die Gottfried Keller in seinem unvergleichlichen Novellenchklus geschildert hat. Datz „Fähnlein der sieben Aufrechten" hat mich auch dort empfangen; die „drei gerechten Kammmacher" standen am Marktplatz, als ich über diesen zur Judengasse eilte; den „Schmied seines Glückes" lernte ich in dem wackeren Manne kennen, der aus dem Treiben der Weltstadt sich auf dies grüne Eiland geflüchtet und hier daS höchste Glück: die Ruhe gefunden hat; Frau Regel Amrain begrüßte mich am schmalen Eingang ihres Häuschens wie vor fünfundzwanzig Jahren. Des Abends sah ich auch „Romeo und Julia auf dem Dorfe" in verschiedenen Variationen, und das „Verlorene Lachen" habe ich bei Jucundus und Justine im lauschigen Gärtchen beim Nachmittagskaffee wiedergefunden. Ja, mein liebes, närrisches Seldwyla, du lebst noch, wenn auch die Gestalten, denen du deine Aehnlichkeit mit dem Schweizerstädtchen jetzt zu danken hast, längst der grüne Rasen deckt. Aber der Vergleich dämmerte mir — daß ich's nur bekenne — erst auf dem Friedhofe aus, als ich die lange Straße der Grabsteine durchzog und mit den Namen die Geschichten, Abenteuer und Taten meiner Seldwylaner wieder „im Gedächtnis auslebten. O, meine Lieben, was wäre ich für ein jüdischer Gottfried Keller geworden, wenn ich die Kraft hätte, euer Leben dichterisch zu gestalten! Wenn ich Jitzchak Lindner, Schlonie Kraus, Schmule Potsch, Moischaiern, Reikel, Nuchele und die anderen männlichen und weiblichen Originale so hinreißend komisch schildern könnte, wie sie hier gelebt haben! Aber das ist vergebliches Klagen. Die Realistik und Phantastik dieses längst untergegangenen Lebens heischt eben einen Dichter von der Bedeutung Kellers. Was hätte er zum Beispiel aus der Gestalt des Mannes gemacht, der als „Pankraz der Schmoller" sich, der einzige, von dem Empfang ausgeschlossen hatte, den mir die Gemeinde am Abend jenes eindrucksreichen Tages so liebenswürdig bereitete, und der, als ich^.ihu am nächsten Morgen darüber zur Rede stellte, mich noch recht hart anfuhr und nicht die Neigung zeigte, sich, wie sein Urbild, vom Schmollen heilen zu lasse»! Aber gerade diese Erinnerung an Pankraz, den großen Schmoller, zwingt mich, jetzt von Seldwyla zu scheiden. Denn e r würde sicher diese Erinnerungen und Vergleiche verächtlich als „Schmonzes, Berjonzes" bezeichnen. Ich kehre also zu dem realen Loschitz wieder. Und da will ich gleich die Wahrheit gestehen, daß ich oben ein wenig geflunkert habe. Als ich den Kirchturm der Heimatsstadt zuerst erblickte und dann die weiße Schießstätte, die so schelmisch von ihrer Anhöhe aus dem Waldesgrün hervorlugt, als ich über den Marktplatz ging, wo noch immer das Gras wächst, und dann durch die enge Gasse, wo noch immer das Pflaster so mörderisch ist, und dann, als ich vor das alte Haus bei der Synagoge gelangte, in dem wir dazumal gewohnt, und die Treppen hinaufeilte, die noch immer so lebensgefährlich steil in die Rabbinerwohnung führen, da ward mir doch recht plümerant zu Mute, und von dem kecken Sinn, den ich vorhin geheuchelt, war nun gar wenig zu spüren. Hier kam eher die andere Seite des Humors von Keller zu ihrem allerdings wohlverbriesten Rechte .... Und nun gar erst, als ich die Zimmer durchlief, in denen wir gehaust, welch' eine Fülle von Erinnerungen und Eindrücken stürmte da ans mich ein! Wie gesagt, ich müßte ein rechter Heimatdichter sein — es soll ja jetzt solche geben — um all' diese Momente wirksam und getreu darstellen zu können. Da ich es aber nun einmal nicht bin — ein Jude kann es ja wohl auch nach den Herren Avenarius, Lienhard und Sohnrey nicht sein! — so begnüge ich mich mit einer schlichten Schilderung des Tatsächlichen. Und mein alter Freund Wilhelm Raabe in Braunschweig hat mich in fröhlich-feuchten Kleidersellerstunden gelehrt, daß dies das e inzig Richtige sei. Freilich, man muß es eben können und den rechten Sinn für die Wirklichkeit über den Sentimentalitäten der Erinnerung nicht verlieren. Ich fürchte fast, daß ich ihn in der Jugendstadt tatsächlich verloren und mich gar zu wenig um die Gegenwart gekümmert habe. Aber soviel habe ich doch gemerkt, daß an der Stelle,