Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-13 · Heft 46 (13.11.1903) · p. Seite 552

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 552 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228574--60331-3296911
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

552 wo mein seliger Vater fast 30 Jahre lang das Wort Gottes verkündet, jetzt zu meiner aufrichtigen Genugtuung ein Mann steht, der durchaus wert und würdig ist, dessen berufener Nachfolger 31t sein. Und auch das habe ich gemerkt, daß an die Stelle, wo einst wackere und fromme Männer die Geschicke der Gemeinde gelenkt haben, das Sehieksal jetzt einen Mann gesetzt hat, der erfüllt von modernem Geiste, mit energischer Hand die Zügel führt und die kleine, immer mehr zusammenschmelzende Gemeinde durch seltenen Takt und große Klugheit zusammenhält. Dr. Israel Günzig ist der Rabbiner, mein alter Freund Karl Ehrlich der Vorsteher der Gemeinde. Geträumt habe ich also nicht den ganzen, lieben Tag meiner Loschitzer Aventure. Aber doch, ich will's ehrlich gestehen, den größten Teil des Tages und der Nacht. Wie auch anders! Die alten Stätten der Jugendlust und Jugendliebe, der Jngendtorheiten und Schelmenstreiche, die wieder im Gedächtnisse hervorblühen, sehen ja noch gerade so aus wie vor 40 Jahren, als ich dort getollt und geliebt und gelärmt habe. Und jeder Sehritt „unter der Mauer", zum „klein Büchel", in die „Schwolka" und auf die Schießstätte weckt Erinnerungen der heiterstell rurd aitcf) der wehmütigsten Art, die für beit Fremden freilich kein Interesse haben, die aber für dein der sie.noch einmal in späten Jahren durchlebt, zu einem lvahren Feste sieh gestalten. Als ich „unter die Mauer" kam, lvo das alte Schulhaus steht, sonnte sieh dort Haschet Wolff, einer der welligen Ueberlebenden aus der Jugelidzeit, auf einem wackeligen Stuhle in der Mittagshitze. Er gab mir die Hand, als ob wir uns erst gestern gesehen hätten. Unb als ihn Herr Dr. Günzig fragte, ob er mich auch erkenne, sagte er in seineni durch nichts zu erschütterndeln Gleichmut: „Wormll nit? Wie mir bei Selig Wolfen gesessen sen und Klabberjas gespielt haben, hat er schon Bicher gedichtet." (Das ch wieder recht hart auszusprechen!) Ulld dann gab er mit: wieder die Hand. „Atje". Als ob nichts vorgefallen lvüre. . . Der Mann war mir aber höchst interessant. Für ihn lmd seillesgleichen waren die letzten 40 Jahre eben spurlos vorübergegallgen. Und das ist das Charakteristische der Gasse, deren treues Symbol Haschet Wolff ist. Allerdillgs, sein Gedächtnis hat etwas gelitten. Denn Bücher habe ich damals als dreizehnjähriger Kllabe lloch nicht „gedichtet". Wohl aber habe ich scholl in jenen Tagen davon geträumt, ein Dichter zu werden. Daß ich es nicht geworden bin, das habe ich in feinem Moment meines Lebens mehr bedauert, als an bem Tage meiner Rückkehr nach der lieben alten Heimatstadt, nach dem närrischen und mährischen Seldwyla, das Gott erhalten möge ill feinem Frieden und in feiner idyllischen Ruhe, mit seiner Behaglichkeit und Weltabgeschiedenheit, im Kranze seiner Wälder und Matten eine wahre Perle des Landes, von dem ich mm scheiden muß, das ich aber, solange ein Atemzug in meiner Brust lebt, treu und innig lieben lverde. G. K. Literarische Mitteilungen. — Zwei Cha nuka-Büchlein. Es sind gerade zwanzig Jahre her. Wenige Tage zuvor war ich m das Haus eines bekannten Lehrers gekommen, lvo ich nach für die Ausnahme ins Seminar vorbereiten sollte. Samstags nach Tisch saßen wir im Lehrzimmer. Da klopste es leise. Auf das „Herein!" erschien ein niedlicher Knabe im Alter von 6 bis 7 Jahren, reichte seinem Lehrer treu die kleine Hand, blickte flehend zu ihm auf und sagte in bittendem Tone: „Darf ich zu Channka auch ein Gedicht sageil?" Wer hätte es lvohl vermocht, eine in so treuherzig-kindlicher und dabei so impulsiver Art und Weise vorgebrachte Bitte zu versagen? Bejahend nickte der Lehrer, dessen mild lächelndes Auge auf dem lieben Schüler ruhte, ivährend seine (des Lehrers) Hand sich wie zuni Segen auf das Haupt des Kindes gelegt hatte. Wenige Wochen später trat der kleine Mann mit einer artigen Verbeugung als erster vor die in den» Schulsale versamnielte Festgemeinde. Wie leuchtete sein Auge, lvie fühlte er sich stolz erhoben! Als ob er eine Heilsbotschaft zu verkünden hätte, so trug er mit fester und lauter Stinnne sein bezügliches Gedichtchen vor und zündete mit der brennenden Kerze, die er in seinem Händchen hielt, die Lichtlein der Menorah an. Es war die erste Chanukafeier, die ich erlebte, darum ist mir jeder Vorgang derselben genau im Gedächtnis geblieben. Einen Sturm der Begeisterung hatte der Kleine mit feinem Vortrag wachgernfen, und Tränen der Rührung sah ich in maitdiein Auge glänzen; beim nicht nur ans die Darsteller selbst, sondern auch auf die Zuhörer übr eiue solche Feier ihre Wirkung. Ganz besonders tief aber prägen sich Erinnerungen derart in das empfindsame Kinderherz ein und wirken dort gemütbildend und charakterfestigend. So ein e Schulfeier mag manchmal nachhaltiger wirken als viele im Laufe des Jahres erteilte Neligiousstunden. Aus jenem Knaben ist inzwischen ein Mann geworden. Meines Wissens ist er Arzt in Süddeutschlaud. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen; aber das glaube ich sicher sein zu dürfen, er ivird nicht zu jenen jüdischen Akademikern gehören, die glauben ihrer Würde zu schaden, wenn sie erkennen lassen, daß sie Inden sind, die allenfalls durch den Steuerzettel eine sehr lose Berührung mit der jüdischen Gemeinde haben. Jenen Knaben zauberte mir die Phantasie sofort vor Augen, und ich glaubte seine Stimme wie damals zu vernehmen, als ich heute zivei Büchlein durchlas, die ich vor wenig Tagen bekommen. „Feierklä ng e" betitelt sich das eine. „Hanna und ihre Söhne" das andere. Beides sind wertvolle poetische Gaben, die uns Herr Lehrer Katz- Gelsenkirchen geschenkt hat, bestimmt, den Kollegen, die Schulfeiern zu Channka und Purim veranstalten, die mühevolle Arbeit der Ausivahl .und Zusammenstellung geeigneter Gedichte — 1 voran wir, nebenbei bemerkt, keinen Ueberslnß haben — für derartige Feste zu erleichtern. Herr Katz ist ein Pädagoge durch und durch, als solcher ist er auch Psycholog; er hat das Kindesgemüt studiert und lveiß, lvas ihm nützt und frommt; er hat die Kinder in ihrem Spielzimmer beobachtet, hat ihrer Sprache gelauscht; in gebundener Nedeweise. doch in ungezwungenen Versen fließen seine Feierklünge. Es sind Wechselgespräche, Sing- und Festspiele zu Channka und Purim, die verschiedenen Altersstufen des Kindes nach Inhalt, Form und Sprache berücksichtigend. Hier und da klingt auch lvohl einmal ein etwas befremdender Ton leise hindurch, der an das christliche Weihnachtsfest erinnert. Wer aber weiß — und wer sollte es nicht wissen? — wie man in jüdischen Familien vielfach das Christfest durch Schmückung des Weihnachtsbaumes ic. begeht, dem bedeutet derartiges nichts anderes als eine feierliche Manifestation gegenüber dem unberechtigten Beginnen, ein spezifisches christliches Fest in jüdischer Familie zu feiern. An Stelle des bescherenden Christkindchens läßt Katz wohl ein Channkaniünnchen mit großem Sack erscheinen, darin es allen braven Kindern Gaben bringt. Im Anfänge bringt uns der Dichter, der den Lesern dieser Zeitung ans manchem in diesen Blättern von ihm veröffentlichten Gedichte bereits bekannt ist, einige köstliche Gedichte ernsten und humoristischen Inhalts, geeignet, im trauten Familienkreise etwa unter dem Scheine der Sabbatlampe vorgelesen zu werden. Das zweite Büchlein „Hanna und ihre Söhne" ist ein dramatisches Cyannka-Festspiel in einem Aufzuge. Es ist wie das vorher besprochene mit einem sinnigen Festprolog versehen. Es bringt den bekannten biblischen Stoff in durchaus wirkungsvoller Weise zur Darstellung, zeigt ergreifende dramatische Momente, die keineswegs auf Effekthascherei berechnet sind, sondern sich durchaus von selbst ergeben und deshalb des Eindrucks nicht verfehlen können. Es ist keine Uebertreibung zu sagen: Beide Büchlein sind Neligionsbüchlein im wahrsten Sinne des Wortes, die unverkennbar dahin zielen, Begeisterung für das Judentum und seine Ideale zu erwecken. Durch den Hinweis auf diese beiden Büchlein hoffe ich mir den Dank der Kollegen zu erlverben, die zum bevorstehenden Chanukafeste eine Schulfeier einzurichten beabsichtigen; für sie sei noch erwähnt, daß beide im Verlage von Klestadt-Gelsenkirchen erschienen sind. Dortmund. E. Goldschmidt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: INax Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.