Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 550 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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560 „Die alte Post ist's freilich nimmer, aber die würdige Nachfolgerin, 's wird den Herren schon schmecken." Wir lassen uns nieder. Die von der langen Eisenbahnfahrt ausgedörrte Kehle verlangt ihr Recht, es wird schon Abend und morgen ist Badenweiler auch noch da — also wir sind rasch einig. „Herr Wirt, wir bleiben die Nacht hier — und nun eine Flasche Markgräfler." Wie flink ist die Flasche geleert! Sie hat nur den brennenden Durst gestillt, nun aber wollen wir schmecken. „Herr Wirt, noch eine Flasche." Wie bernsteingelb funkelt der Wein in» Glase! Prosit, auf unsere fernen Lieben! Und die Gläser klingen wie Silberglvcke». Der Wein trinkt sich aber auch zu leicht und lieblich herunter. „Herr Wirt, noch eine frische Flasche!" Wir tranken langsamer, aber ebenso tief. Als gesetzte Menschen, die wir nun einmal sind, sprechen wir weise von der Gegend, in der wir uns jetzt befinden. Unser gelehrter Reisegenosse, Doktor der Philosophie, belehrt uns über den Breisgau, dasi die Alemannen, die dort saßen, vom Kloster Säckingen ans bekehrt worden sind. Dann wollte er »ns mit Jahreszahlen zu Leibe gehen, wann früher die Grafen von Khburg und Urach und die Habsburger und weiß Gott wer noch, den Breisgau besessen. Wir aber wehrten entsetzt ab. Das aber sahen wir bei der so und sovielten Flasche — wir zählten schon längst nicht mehr — ein, wenn uns der Breisgau zu eigen, bei unseren Lebzeiten würde kein Besitzwechsel eintreten — wo solcher Wein wächst — so leicht und so süffig, man spürt ihn ja nicht! Nun aber wollen wir zu Bette gehen, wir sind noch die einzigen Gäste im Zimmer. Aber was ist das? Beim Erheben tanzt ja das Zimmer mit uns im Kreise herum! O du tückischer Wein, unter der Maske der Unschuld! „Nun," begütigt der Wirt, „wenn die Herren ansgeschlasen haben, ist der Kopf klar und munter, der Wein schadet Ihnen nichts." Und er wuchtet uns in unser Zimmer, wo wir bald den Schlaf der Gerechten schlafen. Andern Morgens wachen wir mit hellem, klarem Kopfe aus und wandern nun auf sanft ansteigender Straße durch das blumige Land, durch die lieblichen Dörfer nach Badenweiler. Sei mir gegrüßt, du Perle des Schwarzwälds! In unsäglicher Lieblichkeit liegst du da, geschmiegt zu Füßen des Blauen. Du Paradies der kranken Menschheit, du Wonne der gesunden! Deine besten Freunde, die Berge, halten jedes rauhe Lüftchen von dir ab, der reine Gebirgsäther vermählt sich mit dem köstlichen Tannendnft und träufelt in die kranke Brust unnennbares Wohlbehagen und Genesung, und die Hoffnung wird zur Wahrheit. Bei jedem Schritt aus dem Dörfchen auf die nahen Höhen eröfsnen sich uns neue paradiesische Ausblicke. Himmelhohe, kerzengrade Tannen beschatten unseren Weg, dort wachsen um eine Schlucht üppige, riesengroße Farrnkräuter, eine Brücke führt über den Abgrund, jenseits glänzen saftige Wiesen im Sonnenschein. Der Kurgarten nimmt fast die ganze Länge des Ortes ein. Er umgibt den Hügel mit der Burgruine. In diesem Park mit seinen uralten Bäumen, den schattigen Wegen, den bunten Beeten mit den seltenen Blninen, könnte man den ganzen Tag verträumen. Wenn aber nachts der Mond die Wipfel der Bäume mit Silber übergießt und sein Licht in den Gebüschen Leben zu wecken scheint, wenn die nahen Berge so schwarz herüberschanen, glaubt man, jetzt müsse ein Zwerg ans dem Berge kommen oder eine holdselige Königstochter auf ihrem Zelter daherreiten oder eine andere Märchengestalt uns begrüßen,.. Kapitel 1. Es ist im Jahre 189*, ein Sommernachmittag. Der Park zu Badenweiler ist mit geputzten Menschen gefüllt. Die Kurmusik läßt ihre Weisen ertönen. In der Nähe, an der Restauration, ist ziemliches Gedränge, alles amüsiert sich und flirtet. Bor der großen Nußbaumallee zweigen sich die Wege ab, die nach dem Innern des Parks sühren. Je weiter man kommt, desto menschenleerer wird es. An einem Plätzchen war es so still und heimlich, wie mitten im Walde. Dort standen höhe, mächtige Tannen im Kreise. Um einen runden Tisch waren Bänke aus Naturholz angebracht. Der Schatten der Bäume war so dicht, daß es trotz der sengenden Julihitze auf diesem Plätzchen kühl und frisch war. Alls der Bank saß eine Dame in mittleren Jahren, trotz der Hitze in einen großen Plaid gehüllt. Neben ihr war ein Herr mit leicht ergrauendem Haar und energischen Zügen, eine Zeitung lesend, bequem zurückgelehnt. Auf der anderen Bank saßen ein Jüngling von etwa siebzehn Jahren und ein vielleicht ein Jahr älteres Mädchen, der Jüngling mißmutig in die Luft starrend, das Mädchen stickend. Der junge Mann rief plötzlich: „Ich ivünsche, ich wäre zu Hause, hier ist es doch gar zu langweilig." Der Vater sah ihn an. „Hier ist's doch wunderschön, Du bist undankbar." „Jaivohl lvnnderschön, aber ich komme doch nur in die Berge, wenn ich mit Euch Wagentouren mache. Erlaube doch, daß ich mit Erna Ausflüge mache, die Berge besteige." Er sprang auf, reckte seine schlanke Gestalt und holte tief Atem. „Die anderen jungen Leute, die ihre Angehörigen hierhin begleitet, machen die schönsten Ausflüge, sehen soviel und haben soviel zu erzählen. Das könnten wir doch auch!" Der Vater fragte langsam: „Haben denn die jungen Leute aus unserer Pension Dich schon zu ihren Touren eingeladen?" „Nein," sagt der Jüngling mit blitzenden Augen, „die verkehren mit keinem Juden; am Tage unserer Ankunft haben sie das unter nnserm Fenster besprochen, sie Jvußten allerdings nicht, daß ich im Zimmer >var. Wir haben es ihnen aber auch leicht gemacht, gelt Erna? Sie sind Luft für uns, Luft, und sie möchten jetzt zu gern mit uns verkehren, sie grüßen Erna immer so artig. Wir brauchen aber niemanden, lasse uns doch die herrliche Gegend genießen, und Du gehst mit uns, lieber Vater, einer von uns bleibt selbstverständlich bei der lieben Mutter." Die Mutter sagte in langsam schleppendem Ton: „Die Unruhe würde mich verzehren, wenn ich die Kinder allein in den Bergen wüßte, hoffentlich bekommen sie doch noch passenden Anschluß." Erna bemerkte unmutig: „Heinrich ist gar zu eigensinnig. Die Herrschaften kannten uns doch nicht, wie sie die unüberlegte Bemerkung machten, sie sprachen nur von den unangenehmen Inden, die sich auch hier so auffällig machen. An uns Hütten sie gar so gern Anschluß." „Woher weißt Du das denn?" „Heute morgen fragte mich noch beim Konzert Fräulein Rode, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, einem Assessor, hier ist, geradezu, weshalb wir uns so absonderten. Ebenso ungeniert sagte ich ihr den Grund. Sie lachte laut und meinte, ob ich denn glaube, daß wir zu der Kategorie Juden gehörten, von denen sie geredet und mit denen auch ivir nichts zu tun haben wollten. Sie stellte mir ihren Bruder vor, und er erklärte genau dasselbe. Er lud mich sofort zu ihren Touren ein und will seine Mutter und sich noch heute mit Euch bekannt machen. Heinrich will sich nun nicht anschließen, und, dann muß ich auch fern bleiben." Der Vater sagte kurz: „Heinrich hat recht." Die Mutter aber, plötzlich lebhaft geworden, bemerkte in scharfem Tone: „Ich bin ganz anderer Ansicht. Heinrich hat