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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-13 · Heft 46 (13.11.1903) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 549 (sequence 11)
Language
German
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549 mildernde Umstände zu versagen. Aber mir fehlte der subjektive Tatbestand, der Dolus. Ich erinnerte mich des Eindrucks, den mir „Es lebe das Leben!" gemacht hatte: das schreibt kein Mann von politischer Bildung; dem fehlt die politische Ader. Und auf diese Komödie hin sollte ich glauben, daß er diese Ader hat?! Bei Lichte besehen, läßt er ja hier die Vertreter aller Parteien gleich banale und schiefe Phrasen dreschen! Meine Herren Richter! — das kann doch um Himmelsivillen nicht seine Absicht sein, er kann es, weiß es eben nicht besser! Und ein Mann, der heute in seiner Vollkraft keine Spur von politischer Bildung, von historischem Sinn aufweist, kann sie doch auch niemals gehabt haben. Wollen Sie etwa deshalb das Gegenteil annehmen, weil er einst Zeitungsschreiber war? Meine Herren Richter, er war es ja nur des lieben Brotes willen, in der Zeit zwischen seinen Studenten- und seinen Schriftsteller - Jahren. Und nicht jeder Zeitungsschreiber ist gleich ein Politiker — da müßten Sie doch erst jene Artikel (Artikel in einem kleinen Volksblatt!) gelesen haben. . . Gegen seine Ueberzeugung hat er geiviß nicht geschrieben, aber meines Erachtens könnten Sie ihn heute nur verurteilen, wenn Sie nachiveisen könnten, daß er damals war, was er heute nicht ist, ein politischer Kopf! Und das iverden Sie nicht können, sonst wäre noch heute irgend eine Spur davon übrig! Meine Herren Richter, der Angeklagte hat schwer gesündigt, aber als das, was er ist, als Künstler, nicht als das, was er niemals war, noch ist, als Politiker. Als Künstler ist er strafbar, als Politiker kann er gar nicht gefehlt haben, denn von Politik hat er keinen Schimmer. Ich plädiere auf Freisprechung! . . . Das ist meine Ueberzeugung. Sudermann wollte kein Tendeuzstück schreiben, wollte die Demokratie nicht verunglimpfe», den Judenhaß nicht schüren. Ein künstlerisch gutes, wirksames Stück ivollte er schreiben, das große Kasse machen sollte. Etwa wie folgt denke ich mir den Hergang: Sudermann ist durch die Vorhaltungen der Kritik, daß er immerzu nur durch die Weiber mit Hautgout, durch grelle Szenen, durch seine ungeheure Routine zu ivirken suche, sehr, sehr nervös geworden. Also machen wir einmal etwas ganz anderes! Ein Männerstück, ein Stück ohne sexuelle Sachen, ein Stück voll ernster Interessen, ein politisches Stück zum Beispiel! Und die Gattung?! Ihr sagt mir nach, ich hätte sehr viel Temperament, Routine, Gestaltungskraft und Erfindungsgabe — und da habt Ihr ja recht. Aber Ihr sagt auch, daß ich eigentlich nur Sarkasmus, nicht Humor habe, daß mir die rechte Wärme des Gemüts fehlt. Nun wohl, Ihr sollt sehen, wieviel Humor und Gemüt ich habe. Ich schreibe eine Tragikomödie, daß Ihr nur so in einem Atemzuge lächeln und weinen müßt. So etwas, wie Hauptinanns „College Cramptou", aber natürlich viel besser! Das ist ja nur ein Trunkenbold, mein Held soll der Vertreter einer politischen Partei sein. Natürlich einer geschlagenen Partei. Welche Partei ist in Deutschland eine geschlagene?! Nun, z. B. die demokratische. Also ein Achtundvierziger! Und da tauchen auch in seinem Gedächtnis ein paar kuriose alte Männer ans, die er in Tilsit hat Bier trinken sehen und über Blsmarck schimpfen hören. So weit also alles in Ordnung. Aber nun gehts an die Ausführung, und da kommt der alte Adam zum Vorschein. Die Handlung wird erfunden, noch greller, als je zuvor, unerträglich grell. Der Hund, der Orden — pah, das ivirkt eben und die Tragikomödie kann's vertragen. Und natürlich darf es keine harmlose Tischgesellschaft sein, sondern ein Geheimbund, der Todesurteile fällt. Ein Mann von politischem Takt, von historischem Sinn und Wissen würde sich sagen: „Halt, das darf ich nicht, denn es ist nicht ivahr!" Sudermann sagt sich das nicht; er hat eben mal davon gehört, daß die Polizei derlei behauptete, und da wirds wohl richtig sei. Und nun die Charakteristik. Der Dichter wollte wohl Menschen schildern, die trotz aller Schwächen liebenswürdig und achtungswert blieben, aber gedämpfte Töne sind längst nicht mehr ans seiner Palette. Alles grell, überdeutlich, so wills das Bühnenlicht. Und so werden die Sturmgeselleu Lumpe und Narren. Aehnlich gehlls mit allen anderen Gestalten; den Siegfried inbegriffen. „Ich kann doch nicht," sagt sich der Dichter, „gleich zwei edle Inden aus die Bühne bringen; Kontrast — das ist das Geheimins der Wirkung; ist der Alte edel, so muß der Junge ein Ekel sein!" Ein anderer würde sich selber ins Wort fallen: „Um Himmelswillen, das darfst Du nicht, diese Jugend leidet unperechterweise!" Aber das ist ja die Art Sudermauus, die ihm auch starke Erfolge gebracht hat: wo es sich um Dinge handelt, die er im Interesse der Theaterwirkung für nötig hält, fällt er sich nie ins Wort . . . * * Und nun zum Schluß. „Die Sturmgesellen sind mausetot. es ist Zeit, dasi wir sie begraben." Aber wenn nun einige Kritiker Miene machen, den Dichter mit ins Grab zu werfen, so darf da kein sachlich denkender Schriftsteller mittun. Man kann ein jämmerliches Stück geschrieben haben und doch ein bedeutender Schriftsteller sein. Ein sehr bedeutender. Das ist Sudermann. Nur muß er auch selber drall denken. Ein mit anfgepeitschten Nerven geschriebenes Zerrbild — das zienrt sich nicht für einen Autor seines Ranges. Für ihn ziemt sich, von dem Irrwahn zu lassen, daß sich der Erfolg dein Publikinn anders suggerieren läßt, als durch die künstlerischen Qualitäten eines Werks. Auf die Dauer nur dadurch. Und er gehört zil den Glücklichen, die sich, wenn sie ernstlich wollen, mit dieser Art Suggestion genügen lassen können. Linder unterer Leit. Roman von Iacob.Levy. Ein führung. mjpin schriller Pfiff — der Zug fährt langsauler — steht. „Station Müllheim-Badenweiler" rufen die Schaffner und öffnen die Türen der Abteile. Den Wagen entsteigen nicht nur sommerfrohe Wandersleute, sondern auch abgemagerte Gestalten, mit hektischer Röte auf den Wangen, hüstelnd, aber mit Hoffnung in den Augen, von dem nahen Badenweiler Heilung ihrer kranken Brust erwartend. Auf dem Bahnhof schauen wir uns um. Bor uns erblicken wir den nlajestätischen Blauen, den ein Königsmautel von dunklen Tannen bis an den Fllß bekleidet. Er winkt uns, wir lvollen seiner Einladung folge!!. Wir verschmähen die Kleinbahn nach Badenweiler solvie die bequemen Wagen, sondern werden den Weg zu Fuß zurücklegen, es sind ja nur zwei Stündchen. Das altertümliche Städtchen Müllheim ist rasch erreicht. Die gewundene Hauptstraße, die wir durchschreiten, zeigt in ihren bequemen, behäbigen Häusern den Reichtum und die Betriebsemsigkeit des süddeutschen Bürgers. Die Aufschrift eines stattlichen Gasthofs fesselt unsere Aufmerksamkeit: „Gasthof zur Post". Ist dies das Haus, welches der alte Hebel empfiehlt? „Z'Mi'iller au der Post Tansigsapperniost! Trinkt me tut e guete Wi! Goht er nit wie Baumöl i, Z'Müller an der Post!" Ich stürme mit meiuen beiden Kumpanen hinein; ans unser Befragen lacht der freundliche Wirt.

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