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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-11-13 · Heft 46 (13.11.1903) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
Seite 548 (sequence 10)
Language
German
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548 worfen, wie das jedes anderen; wer wagt es zu behaupten, daß sie sich des schwarz-rot-goldnen Bandes unwürdig erwiesen und weniger für die Zwecke der Burschenschaft geleistet hätten als andere?! Niemand hat dies meines Wissens behauptet, selbst der verbissenste Antisemit nicht, die Tatsachen hätten ihn auch Lügen gestraft. Und über diese Dinge, diese Debatten weiß ich Bescheid. Ich war selbst Burschenschafter, habe als Alter Herr treulich den Zusammenhang mit meiner Burschenschaft festgehalten und im zwölften Jahre meines Philisterinms den Schmerz erleben müssen, daß auch sie sachte ins antisemitische Fahrwasser einlenkte. Ich habe nicht ruhig zugesehen; einen ganzen Winter hindurch, so lange das Zünglein der Wage schwankte, habe ich kaum einen B. C. versäumt, wie schwer dies auch mir mit Arbeit überlastetem Manne wurde. Womit kamen mir damals die Gegner? Anfangs nur mit den Rücksichten auf das Ansehen unserer Burschenschaft; die und jene hätte bereits den prinzipiellen Beschluß gefaßt, keine Juden aufzunehnien; es würde unser Prestige schmälern, wenn wir's täten. Tann erst kamen die Schlagworte von der „fremden Rasse", der mangelnden „nationalen Gesinnung", immer mit einem Bückling vor uns jüdischen Alten Herrn, denn tatsächlich war uns nichts nachzusagen. Da ich kraft meiner Arbeit iu der Burschenschaft, krast der Gesinnung, die ich bis dahin und seither betätigt habe, einigen Einfluß auf die Aktiven hatte, so gelang es mir in jenem mir unvergeßlichen Winter noch einmal, die Aufnahme eines Juden durchzusetzen. Als mir dies ein zweites Mal nicht gelang, zog ich mich zurück, ohne mein Band znrückzusenden; ich komme aus ltchteren Zeiten und könnte nicht iveiter leben, wenn ich die Hoffnung aufgebeu müßte, lichtere zu erleben. . . . Manchem mag diese Hoffnung töricht erscheinen; ich sehne ihre Erfüllung ebenso als Jude, wie als Deutscher herbei. Denn den Schaden haben nicht bloß die Juden. Was sind die Folgen? Die im Charakter nicht Gefesteten uitter den jungen Leuten lassen sich taufen; dann sind sie couleurfähig. Andere gehen, durch die ungerechte Ausschließung verbittert, zur Sozialdemokratie über; wieder andere treten zu jüdischen Verbindungen zusammen und wollen vorn Deutschtum ebensowenig mehr wissen, wie dieses von ihnen; wieder Andere werden stumpf gegen alle nationalen, alle politischen Interessen überhaupt. Es ist auch für Deutschland nicht gut . . . Aber angenommen, ein Poet wäre nicht dieser Meinung, ich glaube, er würde die Frage doch anders auf die Bühne bringen, als es Sudermann getan hat. Er würde daran denken, wie weh dem jungen Manne, der als Deutscher erzogen wurde, als Deutscher sich fühlt, zu Mut sein muß, in den Flitterwochen seiner Studeutenseligkeit den Ruf zu hören: „Zurück! Du bist ein Jude!" Er wäre nicht so ungerecht, die Frage von vornherein dadurch zu lösen, daß er den Juden als widrige Karikatur zeichnet. Das aber hat Sudermann über sich vermocht. Sein Siegfried Markuse, der sichtlich mit dem Anspruch auf typische Geltung vor uns hingestellt wird, ist die Verkörperung aller widerlichen Eigenschaften: feig, frech, eitel, geschwätzig, heuchlerisch nnd rachgierig; bald unverschämt dreist, bald hündisch unterwürfig, selbst gegen den Vater pietätlos, ja höhnisch. D,>s ist nun freilich eine billige Lösung; so ein Kerl gehört gewiß in keine anständige Gesellschaft und darum auch nicht iu die Burschenschaft. Ich selbst hätte den: Siegfried Markuse, wenn er sich auf unserer Kneipe so betrageil hätte wie auf der Bühne, denselben Rat gegeben wie der Chargierte, über den er klagt. Da wären also Alle einig, aber ' ich meine: die Lösung ist nur eben spottbillig, so billig, daß der erstbeste Possenfabrikant künstlerische und Gewissensbedenken haben würde, sie zll gebrauchen . . . * * * Welche Tendenz hat die Komödie? Eine politische Satire, sie mag noch so schlecht fiin. muß doch erkennen lassen, was für den Autor Schwarz und was Weiß ist. Wer nicht Farbe bekennen mag, braucht ja keine politische Satire zu schreiben, aber wer sie schreibt, muß das tun. Sudermann Halls nicht getan. Es sind verschiedene Spitzen, verschiedene Tendenzen iu seinem Stück, eindringlich, ja aufdringlich vorgetragene Tendenzen, aber sie ividersprechen einander. Das Pure politische Vexirbild. Wo ist die Katz'? Wo ist Sudermanns politische Ueberzeugung?! So was kann man, was den Effekt betrifft, verschieden ausehen. Man kann glauben, daß es den Erfolg verbürgt. Ein harmloser, herzensguter, gar nicht dummer Mann, der für sein Leben gern Theaterluft atmet, gern Alles im Voraus erfahren möchte und Vieles erfährt, sagte mir: „Das Stück soll sehr, sehr schwach sein. Aber ein großer Erfolg wird es doch, der Schlager der Saison wird es! Denn es ist für jede Politische Partei was drin!" Das ist richtig. Bist Du ein Reaktionär? Da hast Du den selten Bissen dieser „Sturmgesellea". Ein Freisimliger? Dieser Landrat wird Dir schmecken! Ein Sozialdemokrat? Da kriegst Du »eben dem Landrat noch den jungen Zahnarzt als Zuwage! Ein Nationalliberaler? Der Freiherr von Lauckeu spricht für Dich! Ein Philosemit? Schlürfe die Phrase des Rabbi, daß die Juden dazu bestimmt sind, der Menschheit „das kostbarste Kleinod" aufzubewahren; das hat selbst Lessing nicht gesagt. Ein Alitisemit? Genieße den Siegfried Markuse mit Behagen. Ja sogar wenn Dn Radau-Antisemit ivärest, hier kommst Du auf Deine Kosten. Der christlich-germaiiische Reinhold sagt zu dem jüdischen Studenten: „Wenn Du Deine verdammte jüdische Schnauze nicht in acht nimmst, dann hau' ich Dir eins zwischen die Löffel." Und der Feigling schluckt das herunter, schlügt nicht zu, bleibt sogar im Lokal und — setzt sich nur an den nächsten Tisch! Und kein Mensch kann über Neinhold empört sein, solch ein Ekel ist dieser Siegfried! Mehr Wonne könnten selbst Ahlwardt oder Graf Pückler nicht verlangen. Wie gesagt, man kann glauben, daß derlei den Erfolg verbürgt. Nur muß man dann freilich das Anstands- und Gerechtigkeits-Gefühl des Publikums, wie der Kritik sehr gering anschlagen. Zu gering; das hat sich hier in erfreulicher Art erwiesen. Mit einer Einmütigkeit, wie man ihr nicht oft, einer ehrlichen Entrüstung, wie man ihr kaum je begegnet, haben Publikum und Kritik die schlechte, nach allen Seiten schielende Komödie abgelehnt. Nicht allein, weil sie schlecht ist, sondern gerade weil sie nach allen Seiten schielt. * * * So weit ging auch ich. Aber weiter nicht. Man hat den Verfasser des schnödesten politischen Renegatentums angeklagt. Ich meinerseits fand diese Anklage menschlich begreiflich, aber durchaus nicht gerecht. In mir regte sich der Jurist von einst, dessen Traum es war, ein guter „Verteidiger in Strafsachen" zu werden. Den objektiven Tatbestand fand auch ich erwiesen. Wenn jemand einst wirklich ein Liberaler, ein Demokrat war und nun dies Stück auf die Bühne bringt, so hat er sich als Todfeind der Partei, der er früher anhing, bekannt, und zwar in einem Maße, das keine Entschuldigung zuläßt. Auch die Entschuldigung nicht, daß man seine Ueberzeugung ändern und doch ein ehrlicher Mann bleiben könne. Natürlich kann man das, aber in den Grenzen der Vernunft, des Denkbaren. Ein ernsthafter Politiker, der früher Demokrat war und nun 1848 so ansieht, wie dieser Autor, ist undenkbar. Auch darin fand ich keine Entschuldigung, daß das Stück doch auch nach links schiele. Das wäre sogar ein erschwerendes Moment, genügend.

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