Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- Seite 547 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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547 kann, „es brauchte bloß meine Gemeinde was davon zu erfahren", nennt sich selbst cynisch „einen Rabbi, der Revolution machen will und eine heinlliche Schinkensemmel dazu ißt" und erwidert noch cynischer auf die Einladung des Freundes: „Iß deine Semmel, alter Kerl, das ist kein wesenloser Schein," wörtlich: „Aber hingegen treife is es!" und „beißt hinein". Das alles findet sich auch im Buche, aber damit war es dem Autor offenbar noch der Würdelosigkeit und der Dummheit für diese Gestalt nicht genug, und so wird bei der Aufführung noch davon gesprochen, daß der Rabbi auch im Wirtshaus Würste frißt. Und nun erwäge man ferner, daß er Priester, verheiratet, Vater eines erwachsenen Sohnes ist und höre folgendes Bruchstück eines Dialogs zwischen ihm und dem Kneipwirt Makrocky: Markuse: Wir sind friedliche Bürger, niein geehrter Freund. Wir lieben es, wenn man uns ein gutes Glas Bier bringt — Makrocky (frech): Besonders wenn der Mann die blonde Ida is. Markuse: Hm. Sie sind ein Mann von Ehre... nicht wahr? Makrocky tgroßspurig): Na, das will ich meinen. Markuse: Nun, mir scheint, es ist die Ehre eines guten Gastwirts, die kleinen, harmlosen Scherze feiner Stammgäste nicht zu bemerken, besonders wenn eine solche Bemerkung sie ihm aus dem Hause treiben kann. Mit anderen Worten: „Wir Sturmgesellen, darunter ich, der Rabbi voll Tilsit, halten es für einen harmlosen Scherz, eine notorische Dirne abzuküffen und abzutätscheln. Hast Du was dagegen, so räumen wir das Lokal." Daß ein Rabbi solchen Schlages auch in der duldsamstell und sreisinnigsteil jüdischen Gemeinde nicht einen Tag im Amte bliebe, sondern mit Schimpf und Schande weggejagt würde, ist so selbstverständlich, daß man es kaum erst zu sagen braucht. . . . Die politischen Reden in diesem politischen Stück — Hohleres kann man sich nicht mehr denken. Und mit welcher Gespreiztheit, welcher Wichtigkeit und Wuchtigkeit werden diese öden Gemeinplätze vorgebracht! Natürlich habe ich dabei nicht die Phrasen der vier ganz blödsinnigen Sturmgesellen im Auge. Aber der Rabbi j. 93., der ist doch nach Sudermanns Intention ein Marm von Verstand, sogar von Geist. Und nun lese man folgende Tirade, mit der Markuse seinen: durch den Antisemitismus verbitterten Sohne die Ruhe des Gemüts wiedergeben will: „Ich will mal den Fall setzen, Du hättest recht und die Welt will mal wieder nichts von uns wissen, der Deutsche will nicht, daß wir mit ihm Deutsche, der Russe, daß wir mit ihm Russen, der Franzose, daß wir mit ihm Franzosen sind. Dann werden wir eben das sein, was sie nicht sei» wollen und werden so der Menschheit das kostbarste Kleinod ausbewahren, das sie besitzt und das sie achtlos weggeworfen hat: den Menschen. Aber hierfür müssen wir uns auch würdig halten." Fast hätte ich hinter das Citat in Klamlnern gesetzt: (Rasender Beifall.) In Gedanken hat es der Autor zweifellos beigesügt, als er die Stelle schrieb: der ganze Aufbau deutet darauf, das soll, das muß auf das Publikum wirken, das ist ein „Reißer". Und es klingt ja auch volltönend genug. Dennoch hat das Publikum recht, wenn es schweigt. Denn in Wahrheit ist's eben nur eine flache Tirade. Daß wir alle Menschen sein sollen und nicht bloß Deutsche oder Russen, ist dank Lessing fast ein Gemeinplatz, aber schließt etwa die humane Empfindung das Nationalgefühl aus oder umgekehrt?! Sind leicht beide gleichermaßen Quellen und Nährer unserer Kultur, wie unserer sittlichen Kraft?! Wo in aller Geschichte hat es schon, nicht etwa einzelne — die gab's — sondern Millionen einer bestimmten Rasse gegeben, die damit auslangten, sich nur als Menschen zu fühlen?! Kann eine Maffe von Menschen auf ein Volksgefühl verzichten, selbst wenn sie wollte?! Nie und nimmer! . . . Auch ich glaube nicht, daß Siegfried Markuse recht hat, bin vielmehr überzeugt, daß das deutsche Volk, daß jedes Kulturvolk die geistige Krankheit des Antisemitismus überwinden wird, weil es eine vorübergehende Krankheit ist und Völker ein langes Leben haben; aber hätte er recht, dann könnten die Juden nicht bloß „Menschen" bleiben, dann müßten sie, ob sie wollen oder nicht, was Gott verhüte, wieder Ghettojuden werden. Auf all die stärkende, tröstende, erhebende, erziehende, bessernde Kraft, die einer großen Gemeinschaft aus der nationalen Idee quillt, kann und wird sie niemals verzichten! Ein anderes Beispiel, kürzer und noch bezeichnender. Markuse sagt vom Sedantag: „Ein altes Wort sagt: Frisia non cantat. So hätte man auch sagen können: Germania non festivat. Jetzt hat Germania ihr Fest." Das klingt geistreich, sogar gelehrt, aber so hätte man nur sagen können, wenn man von Latein und neuester deutscher Geschichte gleich wenig gewußt hätte. „Festivare“ ist kein lateinisches Wort und „Germania" hat vor 1870 sehr viel Feste mehr gehabt, als seit Sedan. Zahllose Schützen-, Turner-, Sängerfeste — und sie wurden 1860—1870 viel begeisterter begangen, als heute die Sedaufeier, weil die brennende Sehnsucht nach der Erfüllung eines Ideals sich naturgemäß stürmischer äußert, als die ruhige Freude am sicher Errungenen. Das Wort wäre nur zu retten, wenn man sagen wollte, ein voll Amtswegen dekretiertes Nationalfest gebe es erst seit 1871, und nur ein solches verdiene überhaupt ein Fest genannt zu werden. Aber zum Vertreter dieses Standpunkts kann Slidermann unmöglich den Mann machen, den er unmittelbar vorher die Tatsache, daß er Gottesdienst am Sedantage gehalten habe, wie folgt entschuldigen läßt: „Sollen wir uns nachsagen lassen, daß wir keine Patrioten sind? Den Luxus können wir uns nicht erlauben, wir Hebräer." * * * . . . Die ganze Gesellschaft, nur Fritz Hartmeyer und seine arme Mutter, dann den Freiherrn von Lancken abgerechnet, ist mehr oder minder verächtlich. Das sind Fehler des Künstlers Sudermann. Für die Zeichnung des Siegfried Markuse aber ist nicht bloß der Künstler verailtwortlich zu machell. Man hat Sudermanri bisher, weil er als liberaler Zeitungsschreiber begann und sich in allen Fragen der Zeit als Mann der Linken bekannte, für liberal gehalten; in seiner Antikritik erklärt er dies höhnisch für einen Irrtum und kokettiert mit der Sozialdemokratie — das ist seine Sache. Jedeilfalls aber gehört er nicht der antisemitischen Partei an, und es gäbe auch keilleu Menschen, der weniger Grulld dazu hätte; die eifrigsten Vorkämpfer nnd Verteidiger Sudermanns in der Presse wie im Publikum sind Juden. Aber selbst angenommen, er hätte dazu Grund, und wäre nicht durch seine ganze bisherige Haltung, durch seine persönlichen Erfahrungen zum mindesten zu einer unbefangenen, vorurteilslosen Beurteilung der Juden verpflichtet — diesen Siegfried Markuse hätte er nicht auf die Bühne bringen dürfen. Denn das hätte auch ein von Vorurteilen gegen die Juden erfüllter Dichter nicht getan, vorallsgesetzt, daß er ein Dichter voll Gemüt und Gewissen wäre, denn ohne ein gut Teil Gerechtigkeitsgefühl ist ein solcher nicht denkbar. Wie liegt die Sache? Die deutschen Couleurs, Korps wie Burschenschaften, nehmen seit geraumer Zeit keine Juden mehr auf. Das ist eine der häßlichsten und traurigsten Erscheinungen der Zeit; ich glaube nicht, daß mail, gleich mir, selbst Jude sein muß, um es so anzusehen. Häßlich und traurig scholl deshalb, lveil es so unverdient ist. Seit 1830 gab es jüdische Burschenschafter in Deutschland — mein Vater war einer der ersten —; durch 50 Jahre wurde ihr Aufnahmegesuch nur unter denselben Gesichtspunkten geprüft, genehmigt oder ver-